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Jesaja 66,13- Jahreslosung 2016

„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!“ (2.Kor. 13,13)

Liebe Gemeinde,

die diesjährige Jahreslosung gibt uns etwas mit,

·         was wir alle brauchen,

·         von dem wir nie genug bekommen können

·         und was viele Menschen viel zu wenig bekommen.

Es ist … der Trost.

Menschen brauchen Trost

Wann sind Sie einmal so richtig getröstet worden? An welche Menschen können Sie sich erinnern? Bei welchen Anlässen haben sie Trost gebraucht?

Ich kenne keinen Menschen, der keinen Trost nötig hätte. Anders gesagt: Alle Menschen brauchen Trost. Egal, wie alt sie sind.

 

Aber ich doch nicht!

Für gewöhnlich halten wir uns in dieser Sache ja sehr bedeckt. Kleine Kinder, ja gut. Aber ich bin es doch gewohnt, mein Leben alleine zu regeln, Schwierigkeiten inklusive.

„Trost brauchen“ oder „getröstet werden“ wird ja gerade bei uns Männern schnell als eine Schwäche ausgelegt, denn es bedeutet ja: Ich komme mit etwas nicht klar. Ich schaffe es nicht alleine. Mit ist etwas verlorengegangen und ich finde mich im Moment nicht zurecht.

 

Trostzeiten sind vielfältig

Dabei haben Menschen so oft Trost nötig!

·         Wenn die erste große Liebe geplatzt ist oder jemand damit auskommen muss, dass die Liebe einfach nicht mehr so erwidert wird, wie man das möchte und wie es bis jetzt immer auch gewesen ist.

·         Wenn die Kinder aus dem Haus gehen und auf einmal so weit weg sind.

·         Oder anders herum: Wenn jemand Heimweh hat und so gerne in der vertrauten Umgebung wäre.

·         Wenn jemand sich so alleine fühlt und gerne jemanden hätte, der ihn / sie einfach in den Arm nimmt und so alle Einsamkeit ablegen könnte.

·         Wenn man sich ständig verstellen und verbiegen muss, nur um anerkannt zu sein und dabei einer Person doch so gerne mitteilen möchte, dass man im Moment einfach mit so vielem nicht klarkommt.

·         Oder wenn sich jemand nicht mehr alleine im Haus zurechtfindet.

Man braucht dafür nicht erst ins Pflegeheim zu kommen. Wie oft geht es uns im Alltag so? Etwas nicht gelungen. Die Arbeit verhauen. Bei der neuen Stelle nicht berücksichtigt worden. Die Auseinandersetzung, die so an die Nieren gegangen ist. Die Verletzung von der Person, von der wir´s am wenigsten erwartet hätten.

Und wie viele bleiben ungetröstet, weil kein Mensch ihre Bedürftigkeit wahrnimmt oder weil sie selbst auch nicht mitteilen können oder wollen, was sie umtreibt. Gar nicht zu reden davon, dass man viel zu selten auf die Idee kommt, dass mit dieser Person etwas nicht stimmen könnte? Wir selbst erahnen viel zu selten, was jemandem gerade zu schaffen macht und jemandem weh tut.

 

Trösten können ist eine große Gabe

Wie schön wäre es manchmal, wenn wir jemanden hätten, der uns tröstet.

Denn Trösten gehört zu den großen Gaben, die Menschen je haben können. Wenn jemand einen besucht, der traurig ist oder zuhört, einen Brief schreibt oder eine SMS schickt, dass man in Gedanken ganz fest bei einem ist, dann gibt man doch zu verstehen: Ich bin in Gedanken bei dir. Ich trage das, was dir zu schaffen macht, ein Stück weit mit. Ich helfe mit, dass du durch diese Zeit kommst, die du dir nicht ausgesucht hast. Ich sehe für dich schon ein Stück Land.

 

Auch Gott vermag Menschen zu trösten

Die Jahreslosung für dieses neue Kalenderjahr sagt uns, dass wir das auch von Gott erwarten dürfen.

„Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Das ist eines der schönsten Bilder, die es von Gott in der Bibel gibt. Und eines, das gleichzeitig alle Diskussionen verstummen lässt, ob Gott nicht auch weibliche Züge haben darf. Gott ist wie eine tröstende Mutter. Ein eindrückliches Bild, das jeder Mensch kennt und alle sich ganz konkret vorstellen können.

Wer sich von uns gerne an die eigene Mutter erinnert und mit frohen Erinnerungen an die eigene

Kindheit zurückdenkt, weiß es: Zu ihr konnte man immer kommen. Ihre Nähe hat so gut getan. Ob sie in den Arm genommen oder den Lieblingskuchen gebacken hat, die Möglichkeiten, wie sie trösten konnte sind ganz vielfältig gewesen.

Ob wir eine solche Mutter hatten oder nicht, es ist ein starkes Sehnsuchtsbild. Wenn es jemand auf der Welt geben würde, der mich hüten, halten oder tragen kann, dann eine Mutter mit einem großen Herz.

Das alles, so sagt die Jahreslosung, dürfen wir auch von Gott erwarten.

 

Die Interpretation der Jahreslosung  von Andreas Felger

Dazu haben Sie eine Karte mit der Illustration von Andreas Felger erhalten. Und bestimmt haben Sie schon überlegt, was diese Zeichnung aussagen könnte. Ich habe mir sagen lassen, dass Andres Felger seine Bilder nie erklärt. Alle können - und sollen auch - hineininterpretieren, was sie darin sehen, entdecken oder was ihnen deutlich wird.

Was sehen Sie?

·         Vielleicht könnte der weiße runde Kreis für Gott stehen. So wie es in der Bibel einmal über ihn heißt „Gott ist Licht, in ihm gibt es keine Finsternis“ (1. Johanes 1,5). Und dieses Wissen sollen wir mit in dieses neue Kalenderjahr nehmen. Es ist sein großer Wunsch, dass wir immer den Trost bekommen, den wir gerade brauchen.

Um diesen Kreis herum könnte eine Wiege angedeutet sein. Wie eine Mutter ihr Kind wiegt, dass es gut einschlafen kann, so dürfen wir uns bei Gott geborgen wissen. Der kräftige orange Bogen könnte auf wiegende Arme hinweisen. Sie schieben sich kräftig und fest vor den schwarzen angedeuteten Kreis, der deutlich macht, dass nicht alles in diesem neuen Jahr nach Wunsch verlaufen könnte und wir vielleicht auch manches dunkle und unerklärliche hinnehmen und bewältigen müssen und gerade deshalb Trost brauchen.

·         Oder: der weiße Kreis könnte - wie bei einem Blick durch ein Fernrohr - der Ausblick auf dieses neue Jahr 2016 sein. Wie ein unbeschriebenes weißes Blatt liegt es vor uns. Auch wenn wir manches schon im Kalender eingetragen haben und auch wenn manche Eckdaten fest stehen. Niemand kann heute sagen, wie es letzten Endes werden wird. Ob unsere Gesundheit reicht? Ob noch ganz andere terroristische Anschläge uns Sorgen bereiten? Ob die politische Weltlage noch mehr aus den Fugen gerät? Und ob die Menschen, um die wir uns sorgen, auf dem Weg weiterkommen, auf den wir sie sehen wollen? Wer weiß das heute schon?

Dunkles, unten und auch oben am Bildrand angedeutet, kann ganz schön nahe kommen. Näher, viel näher, allerdings sind die hellen Linien. Sie können für Menschen stehen, die uns stützen und tragen. Und sie stehen vor allem für Gott, für seine Möglichkeiten, uns zu trösten, wie eine Mutter tröstet.

·         Oder haben Sie etwas entdeckt, was Sie unbedingt mitteilen möchten? Dann haben Sie hier und jetzt Gelegenheit.

 

Manchmal bleibt Ernüchterung zurück

„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Diese Worte hat ein an das Ende des Jesajabuches gestellt und ursprünglich an Menschen gerichtet, die nach dem Verbannung in Babylon wieder nach Hause gekommen sind.

Unter König Kyros im Jahr 537 vor Christus konnten nach fünfzig Jahren die Kinder und Enkel wieder heimkehren ins Land ihrer Eltern und Großeltern.

Sie haben sich diese Rückkehr in ihre Heimat, die sie gar nicht kannten, prächtig vorgestellt. Und sie waren sehr ernüchtert, als sie den zerfallenen Tempel gesehen haben, der immer noch nicht wieder aufgebaut war und der auch nie mehr so prächtig werden sollte, wie sie von den Erzählungen ihrer Vorfahren kannten. Auch der Stadt Jerusalem konnte man ansehen, dass sie ihre besten Zeiten längst hinter sich hatte.

Die Menschen waren ganz schön ernüchtert von der Wirklichkeit. So wie heute auch manche meinen, dass alles immer so werden muss, wie es früher einmal gewesen ist. Aber gerade weil sich so verändert - in unserem Leben, in unserem Land, auf der ganzen Welt - bekommt die Jahreslosung ihre besondere Geltung.

 

Wenn Gott uns tröstet

„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ So spricht Gott. Und so möchte er es auch für seine Menschen.

·         Wenn uns etwas abhandengekommen ist.

·         Wenn man gerade ständig hinterherhinkt.

·         Wenn man im eigenen Leben neue Weichenstellungen vornehmen muss.

·         Wenn man sich beruflich neu orientieren muss.

 

Denn wenn Gott uns Menschen tröstet, dann geht es immer um mehr als reines Zuhören. Es soll sich auch etwas ändern. Gerade dann, wenn wir ernüchtert sind oder mehr erwartet haben.

Vielleicht müssen wir uns wirklich von der Vorstellung losmachen, es muss auch im neuen Jahr genau so sein, wie es im alten gewesen ist.

Und vielleicht müssen wir wirklich mit ganz leeren Händen dastehen und bitten, dass man keinen Weg mehr sieht und nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll.

Ich bin mir sicher, dass man dann spüren und erfahren kann, wie Gott uns tröstet, uns neuen Mut einschenkt und uns zu verstehen gibt, dass wir noch viel zu entdecken und erleben haben. Gerade in diesem neuen Kalenderjahr.

Und der Trost Gottes, der ebenso aufrichtet und Mut gibt wie menschlichen Worte und Gesten, er lasse uns in Frieden und Gelassenheit unsere Wege gehen, egal, wohin sie auch führen. Amen.

 

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk mit Auslegung der Jahreslosung 2016.
Gehalten in St. Nikolai, Martbreit am 01. Januar 2016