Predigtansicht

Jesaja 62,6-12 - Vom Steine wegräumen und Brückenbauen

Liebe Gemeinde!

Wer hat angefangen? Das lässt sich nicht immer so leicht sagen.

Manchmal ist es eindeutig. Wie bei dem Streit auf dem Schulhof vor den Sommerferien. Mindestens fünf Schülerinnen haben gesehen, wie jemand aus der Klasse ein Mädchen so geschubst hat, dass sie hingefallen ist. Für die Lehrerin ist es dann ein Leichtes gewesen, den betreffenden Schüler ausfindig zu machen.

 

Wer hat angefangen?

Aber so einfach ist es oft nicht. Gerade bei uns Erwachsenen. Mancher Streit sitzt tief. Vor allem dann, wenn wir uns im Recht meinen und es für die andere Seite keine Konsequenzen gegeben hat. Manchen hängt in dieser Ferienzeit eine Auseinandersetzung vor der Sommerpause nach, so dass man am liebsten nichts mehr sehen und hören will und einfach nur seine Ruhe haben möchte.

Noch komplizierter wird es, wenn der Streit nicht nur tief sitzt, sondern auch schon so lange zurückliegt, dass man gar nicht mehr genau weiß, wer eigentlich angefangen hat.

Um einen solchen Streit, der bis heute schwelt und sich auch immer wieder in hochexplosiven Auseinandersetzungen entlädt, geht es im Schriftwort für den 10. Sonntag nach Trinitatis, dem sogenannten Israelsonntag. Nicht nur das Land ist schon damals von Konflikten gebeutelt gewesen. Die folgenden Worte lassen auch auf eine folgenschwere Auseinandersetzung um die Stadt Jerusalem schließen. Für uns als Außenstehende ist es zwecklos zu fragen, wer in diesem Kampf angefangen oder wer nur auf Provokationen reagiert hat.

Hören Sie aus dem 62.Kapitel des Jesaja Buches, die Verse 6-12:

6 O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen,

7 lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden!

8 Der HERR hat geschworen bei seiner Rechten und bei seinem starken Arm: Ich will dein Getreide nicht mehr deinen Feinden zu essen geben noch deinen Wein, mit dem du so viel Arbeit hattest, die Fremden trinken lassen, 9 sondern die es einsammeln, sollen's auch essen und den HERRN rühmen, und die ihn einbringen, sollen ihn trinken in den Vorhöfen meines Heiligtums.

10 Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker!

11 Siehe, der HERR lässt es hören bis an die Enden der Erde: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her!

12 Man wird sie nennen „Heiliges Volk“, „Erlöste des HERRN“ und dich wird man nennen „Gesuchte“ und „Nicht mehr verlassene Stadt“.

 

Zankapfel Jerusalem

Eine schwere Kost, die wir heute an diesem heißen Augustsonntag vorgesetzt bekommen.

Alle von uns, die gerade Urlaub haben oder die ruhige Ferienzeit nutzen, um abzuschalten, werden mit einem alten Konflikt um Jerusalem konfrontiert, der auch dann nicht ein Ende gefunden hat, als die Stadt schon völlig in Schutt und Asche gelegen ist.

Jerusalem - das ist die Heilige Stadt für Juden, Muslime und Christen. Es ist müßig nachzuforschen, wem die Stadt eigentlich wirklich gehört und wie lange man in der Geschichte zurückgehen muss, um den eigentlichen Besitzer auszumachen. Jede Religion hat ihre eigenen Quellen und jede pocht auf die Gültigkeit ihrer Schriftstücke.

Das muss man sich einmal vorstellen: Schon vor 5000 Jahren haben Menschen dort unter einem Stadtkönig gelebt, wo jetzt Jerusalem steht. Später haben jüdische Könige in ihr regiert. Mit der Zeit sind mal zu schwach, mal zu eigensinnig geworden. Die Folge: die Stadt wurde von den Babyloniern 587 vor Christus erobert, geplündert und verwüstet. Das Schriftwort nimmt darauf Bezug, wenn davon die Rede ist, das „Jerusalem wieder aufgerichtet werden soll (vgl. V.7).

Zur Zeit Jesu haben die Römer die Stadt kontrolliert. Später im Mittelalter regierten Muslime und manchmal Christen die Stadt. Bis 1918 lag Jerusalem im Osmanischen Reich. Und heute vergeht keine Woche, in der nicht von Auseinandersetzungen zwischen Juden und Palästinensern im West-Jordanland, das die Stadt zu großen Teilen umfasst, die Rede ist.

 

Was gegen alle Ratlosigkeit hilft

Ich - dessen Aggregate in diesen heißen Augusttagen wie bei vielen anderen heruntergefahren sind, um sie für die kommende Schulzeit und den Herbst mit den neuen Veranstaltungen in der Gemeinde, allen Besprechungen und Planungen für das nächste Jahr wieder aufzuladen - stehe ein wenig ratlos vor diesem alten Schriftwort. Was kann ich dazu beitragen, dass diese Stadt endlich einmal ihren Frieden findet?

Und wenn ich lese, dass Gott „bei seiner Rechten“ „geschworen“ hat (vgl. V.8) die Stadt wieder aufzurichten, frage ich mich, ob wirklich nur eine Religion in ihr Platz hat? Und was ist mit den anderen? Oder mit jenen, die dort leben, aber keiner Religion angehören?

Ich finde, dass das Bild, dass Gott mit uns ist - und damit automatisch gegen die anderen - ein überholtes ist, zumal es auch in unserer Geschichte schon so oft kriegerische Auseinandersetzungen legitimiert hat.

Zu Beginn dieses 3. Jahrtausends, in dem so viele Menschen nicht mehr wissen, wo sie hingehören und wo sie Heimat finden, ist es schwierig, Aussagen in der Art zu treffen, dass Gott automatisch nur auf der einen Seite ist. Die mit so vielen Spannungen behaftete Stadt Jerusalem ist das beste Beispiel dafür, dass es unmöglich ist, das Knäul sämtlicher Konflikte um diese Stadt zu entwirren und eindeutige Festlegungen zu treffen. Und wir werden heute Morgen den Jahrtausend langen Konflikt um diese Stadt nicht lösen können.

Manche von uns merken, dass sie nicht einmal den eigenen Auseinandersetzungen, in die sie verstrickt sind, auf den Grund gehen, geschweige denn sie auflösen können. Wir wissen selbst auch nicht immer, wer mit wem zuerst nicht mehr gesprochen hat oder wer zuerst den Grenzstein zum Nachbargrundstück verschoben hat.

 

Möglichkeit Eins

Was bleibt?

Möglichkeit Eins kommt für Christen nicht in Frage. Das wäre, sich zurückzuziehen. Die anderen machen lassen. Zusehen, wie andere sich streiten. Oder - wenn wir selbst verwickelt sind - auf die eigene Meinung pochen und keinen Millimeter davon abrücken.

Wir Christen sind „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“. So hat es Jesus den Christen einmal deutlich gesagt. Wenn wir das ernst nehmen, dann ziehen wir uns nicht zurück, sondern mischen uns ein. Auch auf die Gefahr hin, dass wir anecken oder dass unsere Bemühungen vergeblich sein könnten. Im Unterschied um den Jahrtausend Jahre alten Konflikt um Jerusalem hoffen wir, dass es dann doch immer wieder Möglichkeiten gibt, aufeinander zuzugehen, nach gemeinsamen Lösungen zu suchen und sie auch zu finden.

Ich bin der festen Überzeugung: Solange wir Christen „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ sind, haben wir etwas zu sagen, können zum Frieden beitragen und bei dem mithelfen, was schon in diesem alten Schriftwort mit der Aufforderung: „Räumt die Steine hinweg“ (V.10 gemeint ist.

 

Möglichkeit Zwei

Das wäre dann auch Möglichkeit Zwei: Steine aus dem Weg räumen.

Für die Menschen damals waren das die Steine der in Trümmer liegenden Häuser, die sie beiseite geräumt haben, damit alle durch die Eroberung Deportierten, die den langen Weg wieder nach Hause angetreten und völlig entkräftet in der Stadt angekommen sind, nicht noch kurz vor dem Ziel fallen.

Für uns heute ist es der Aufruf, bald wieder nach der Sommerpause aus der Komfortzone herauszukommen und beim Steine wegräumen - gleich welcher Art - mitzumachen. Von alleine verschwinden sie nicht. Von alleine kommt kein Frieden. Von alleine entsteht nicht einmal eine Basis, auf der Vertrauen kontinuierlich wachsen und gedeihen kann.

Wir sehen das bei dieser Trockenheit doch bei uns. Wie viel Wasser ist nötig, dass selbst eine widerstandsfähige Maispflanze wachsen und reifen kann. Wieviel mehr ist nötig, wenn wir wollen, dass nicht mehr die Frage, wer angefangen hat, im Vordergrund steht, sondern die gemeinsame Überlegung, was getan werden muss, damit wieder Friede wird und dauerhaft bleibt.

Das „Zeichen“, das „für die Völker“ aufgerichtet werden soll (V.11), verstehe ich für uns heute so, dass uns das ausmacht: Steine wegzuräumen. Nicht nur auf die eigene Stärke zu pochen. Nicht die eigenen Befindlichkeiten in den Vordergrund zu stellen. Wissen, was nötig ist, damit das „kleine Senfkorn Hoffnung“ groß und stark wird.

 

Die Kinderbrücke

Wie das geht „ein Zeichen für die Völker aufzurichten“, davon erzählt die wunderbare Geschichte von der Kinderbrücke. Es ist nur eine Geschichte. Aber sie ist für mich ein Mut machendes Beispiel dafür, wie und dass es gelingen kann, aufeinander zuzugehen und etwas bewegen zu können.

An einem Fluss wohnten zwei Bauern, der eine am rechten, der andere am linken Ufer.

Auf dem Wasser schwammen Enten und Schwäne. Sie freuten sich, dass die Sonne am Morgen auf -und am Abend unterging.

Die Enten und Schwäne sonnten sich am Morgen am linken und am Abend am rechten Ufer.

Die beiden Bauern aber waren neidisch aufeinander. Der eine hätte lieber am rechten, der andere an linken Ufer gewohnt.

Wenn sie morgens pflügten, schimpfte der eine, weil das Feld seines Nachbarn an der Sonne und sein eigenes im Schatten lag. Und wenn sie abends Holz hackten, schimpfte der andere, weil das Haus seines Nachbarn an der Sonne und sein eigenes im Schatten lag.

Auch die Frauen der Bauern waren unzufrieden, die eine am Morgen, die andere am Abend.

Eines Morgens, als die beiden Frauen Wäsche aufhängten, schrie die eine, die am rechten Ufer wohnte, ein böses Wort zum linken Ufer hinüber. Und am Abend, als die beiden Frauen die Wäsche abnahmen, gab die andere, die am linken Ufer wohnte, das böse Wort zurück.

Das ließen sich die Männer nicht gefallen. Sie sammelten große Steine und versuchten einander damit zu treffen. Doch der Fluss war so breit, dass die Steine ihr Ziel verfehlten und ins Wasser plumpsten.

Nur mittags, wenn die Sonne hoch am Himmel stand, herrschte Ruhe und Frieden. Die Kühe, die Pferde, die Ziegen und Schafe flüchteten sich in den Schatten, und die Bauern und ihre Frauen schnarchten unter einem Apfelbaum, die einen am linken, die andern am rechten Ufer.

Die beiden Kinder der Bauern aber saßen am Wasser und langweilten sich. Das eine schaute zum linken, das andere zum rechten Ufer hinüber. Wenn ich doch eine Ente wäre, dachte das eine. Wenn ich doch ein Schwan wäre, dachte das andere.

Doch eines schönen Tages, als die Kinder wieder an den Fluss kamen, war der Wasserspiegel gesunken, und aus den Wasser ragten so viele große Steine, dass die Kinder darüber hüpfen konnten.

Sie trafen in der Mitte zusammen. Sie betrachteten sich lange und freuten sich, dass sie beide Kinder waren, das eine ein Junge und das andere ein Mädchen.

Sie setzten sich auf einen großen Stein. Sie betrachteten die Enten und die Schwäne. Doch dann fingen sie an, sich Geschichten zu erzählen, Geschichten vom linken und Geschichten vom rechten Ufer. Das Mädchen und der Junge verstanden sich so gut, dass sie nun jeden Mittag über die Steine hüpften, um sich in der Mitte zu treffen.

Die Eltern wunderten sich, woher ihre Kinder plötzlich Dinge wussten, von denen sie selbst noch nie gehört hatten. Doch eines Tages, nach einem langen Regen, hörten die Kinder auf Geschichten zu erzählen. Sie hörten auf zu lachen und zu singen. Das Wasser im Fluss war wieder angestiegen und die Kinderbrücke verschwunden.

Da erfuhren die Eltern endlich das Mittagsgeheimnis ihrer Kinder, und sie fingen an nachzudenken. Als sie lange genug nachgedacht hatten, beschlossen sie, zusammen mit den Kindern, aus den übrig gebliebenen Steinen eine Brücke zu bauen. Eine Brücke, so rund und schön wie der Bogen, den die Sonne am Himmel beschreibt.

(Die Kinderbrücke, Eine Geschichte von Max Bollinger mit Bildern von Št?fán Zav?el, ISBN 978-3-85581-332-2)

 

Aus der Komfortzone herauskommen

Ob Steine wegräumen oder mit ihnen eine Brücke bauen. Gott braucht uns für eine bessere Welt, in der viele zu viele Steine herumliegen, mit denen man sich bewerfen und verletzen kann. Gott will mit uns diese Erde verwandeln, auf der man mehr fragt, wer angefangen hat, anstatt gemeinsam überlegt, wie wir zu einer tragfähigen Lösung kommen.

Außerdem kommt es doch auf uns an: Auf unsere Ideen. Auf unsere Freundlichkeit. Auf unsere Energie. Und: was haben wir nicht alles schon geschafft und aus dem Weg geräumt? Was wäre ohne uns gar nicht möglich gewesen?

Auch wenn wir uns in diesen heißen Tagen müde und kaputt fühlen und für uns schon der kleinste Stein zu schwer ist, so mögen uns diese Wochen zu neuen Kräften verhelfen, damit wir im September wieder gerne mitmachen. Nicht, weil wir meinen, dass sich dann alles von selbst regelt. Sondern weil es darauf ankommt: mit Gottes Kraft ein Zeichen zu setzen, dass es auch anders geht. Gott braucht uns als Brückenbauer für eine bessere und friedlichere Welt.

Sein Friede, der immer größer und umfassender ist als alles, was wir wahrnehmen, bewege unsere Sinne und Gedanken in Christus Jesus. Amen.

 

--> Predigt gehalten von Pfarrer Thomas Volk am 05.08.2018 in der Christuskirche in Ochsenfurt