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Jesaja 55,1-3 - Vor dir ist Zukunft - 450 Jahre Marktrecht in Marktbreit

Die ganze Stadt feiert an diesem Wochenende 450 Jahre Marktrecht. Der „Markt Undernbreit“ hatte ab dem Herbst 1557 das Recht auf einen Wochenmarkt und vier Jahrmärkte. Markt gehalten wurde gleich hier draußen, zwischen Rathaus und Schloss, auf der heutigen Marktstraße und dem oberen Markt.

Wer gestern durch die Straßen gelaufen ist, konnte bereits einen Einblick bekommen wie es damals war, als die Bauern und Häcker der Umgebung und die örtlichen Handwerker ihre Waren feilboten. Nur viel lauter ging es zu, wenn Getreide, Hülsenfrüchte, Butter, Käse, Schmalz, Geschirr, Kleidung, Werkzeug angeboten wurden. Und Wunderheiler priesen gellend so manches angebliche Wundermittel an. Fahrende Gaukler und Musikanten gehörten ebenfalls zum mittelalterlichen Markttreiben dazu, wie die Wirtsstuben und Herbergen. In ihnen wurde gespielt, getrunken und auch gestritten.

 

Können Sie sich vorstellen, dass es auch manche Bibelworte ursprünglich auf einem solchen Markt verkündet wurden? Bei dem Schriftwort für den heutigen wurde tatsächlich war es tatsächlich der Fall. Ein Prophet hat die folgenden Worte wie ein Marktschreier in die Menge geschrien.

Dieser Markt liegt lange zurück. Nicht im 16. Jahrhundert, sondern im 6. Jahrhundert vor Christi Geburt fand er statt. Abgehalten wurde er vor den Toren der mächtigen Stadt Babylon. Adressaten waren Angehörige des Volkes Israel, die seit Jahren dort in der Verbannung lebten.

Hören Sie selbst, was ein Prophet damals ausgerufen hat. Ich lese aus dem Buch des Propheten Jesaja, aus dem 55. Kapitel, die Verse 1-3:

»Her, wer Durst hat! Hier gibt es Wasser! Auch wer kein Geld hat, kann kommen! Kauft euch zu essen! Es kostet nichts! Kommt, Leute, kauft Wein und Milch! Zahlen braucht ihr nicht! (V.1).

Warum gebt ihr euer Geld aus für Brot, das nichts taugt, und euren sauer verdienten Lohn für Nahrung, die nicht satt macht? Hört doch auf mich, dann habt ihr es gut und könnt euch an den erlesensten Speisen satt essen! (V.2)

Hört doch, kommt zu mir! Hört auf mich, dann werdet ihr leben! Ich will mit euch einen unauflöslichen Bund schließen. Die Zusagen, die ich David gegeben habe, sind nicht ungültig geworden: An euch werde ich sie erfüllen (V.3)

 

Sie haben richtig gehört. „Hier gibt es was, was nichts kostet!“

Meinen Sie, ob die Leute geströmt sind, wenn er lauthals verkündet hat: Hier gibt es Wasser. Und auch wer kein Geld hat, kann kommen! Kauft euch zu essen! Es kostet nichts!

Heiß war es ja zumindest. Und die Sonne brannte vom Himmel. Ich stelle mir vor, dass viele Durst hatten und manche nichts mehr zu trinken in ihren Wasserbeuteln. Und dann hören Sie: Hier gibt es noch mehr als Wasser. Hier gibt es Wein und Milch. Und bezahlen muss man nicht. Wirklich es stimmt. (V.1).

 

Ob die Menschen geströmt sind? Oder ob sie eher verhalten waren, misstrauisch?

Vielleicht gehören Sie ja - wie ich auch - zu den Menschen, die eher zurückhaltend bei solchen Versprechungen sind.

Etwas geschenkt bekommen? Einfach so?. Einfach, mir nichts dir nichts? Das muss doch ein Haken haben. Das kann doch nur eine Mogelpackung sein.

So wie es einen Haken hat, wenn auf dem Prospekt steht, dass das neue Handy nur einen Euro kostet. Und wer dann das Kleingedruckte übersehen hat, der wird von solchen Schnäppchen erst mal genug haben.

 

Was der Prophet anbietet? Was es bei ihm umsonst gibt?

Etwas, was wir alle brauchen. Bei ihm gibt es  wirklich etwas, was wir uns immer wieder aufs Neue wünschen. Was wir uns lange erhalten möchten. „Leben“ gibt es bei ihm. „Hört doch, kommt zu mir!“, spricht er im Namen Gottes: „Hört auf mich, dann werdet ihr leben!“ (V.3).

Und ich stelle mir vor, wie er auf einem Podest steht und seine Zuhörer noch weiter beschwört: Hört ihr denn nicht? Leben wartet auf euch. Neue Möglichkeiten liegen vor euch. Es gibt noch Vieles zu entdecken.

„Auf euch wartet die Fülle des Lebens“, hat der bekannte Alttestamentler Claus Westermann diesen Vers übersetzt.

Leben, das diesen Namen auch verdient. Leben mit Lachen und Weinen, mit Pläne schmieden und Hoffen. Mit Ausloten von neuen Möglichkeiten und in die Tat umsetzen.

 

Der Prophet muss wie ein Marktschreier auftreten, weil die Menschen, die es hören sollen, wie taub sind. Am Rande der Hauptstadt des großen babylonischen Weltreiches wohnen sie in kleinen Anlagen. Hierher wurden sie vor ungefähr 20 Jahren verschleppt, als Jerusalem eingenommen, zerstört und dem Volk Israel alle Eigenstaatlichkeit genommen wurde. Immerhin durften sie Häuser und Gärten anlegen. Die meisten haben sich mit diesem Leben arrangiert, haben sich an diese Unfreiheit gewöhnt.

Viele sind glücklich, weil es ihnen leidlich gut geht. Es könnte zwar auch besser sein, aber ebenso sehr viel schlechter.

Und Andere haben sich mit ihrer Lage abgefunden. Es ist halt so. Und außerdem wollte es Gott. Auch in dieser Rolle kann man sich ja behaglich einrichten. Denn sie gibt doch dem Leben einen gewissen Sinn, ohne dass man viel nachdenken muss: "Es ist eben so. Punkt aus. Und so haben sie kein Interesse mehr, das Exil zu verlassen, das Land um Jerusalem wieder aufzubauen, mithelfen, dass man auch den Glauben neu leben kann. Kein Schwung mehr, wirklich Neues zu wagen.

 

Er, Gott, will Israel aus der Verbannung in Babylon herausführen, zurückbringen nach Israel, aber die Menschen wollen nicht an ihre Befreiung glauben.

Der Prophet versteht es nicht.

Auch wenn kurz zuvor ein anderer Prophet, Jeremia, der als einer der wenigen in Jerusalem geblieben war, geschrieben hat, sie, die Weggeführten, sollten auch der fremden Stadt Bestes suchen, Häuser bauen, Gärten anlegen, Familien gründen (Jeremia 29). Weil Gott ist überall nah ist und allerorts für seine Menschen Aufträge und Aufgaben hat.

Aber jetzt sagt dieser Prophet, dass es ja auch nicht darum gehen kann, dass man alle Lebenshoffnungen beim Hausbau gleich mit einmauert. Wie viele Menschen denken so. Wenn erst einmal das Haus steht und weitgehend abbezahlt ist, dann ist alles im Leben geschafft.

Und wie viele Häuser müssen dann wieder verkauft werden bei der Trennung. Leben ist mehr, als ein Haus hinzustellen, auch wenn das eine enorme Leistung ist.. Leben hat immer mit Veränderung zu tun. Menschen verändern sich. Um uns herum und man selbst auch. Und viele bekommen es gar nicht mit. Und dann entstehen Risse. Menschen kommen nicht mehr zusammen.

 

Bei Gott ist auch eine Veränderung eingetreten. Eigentlich ist es keine Veränderung. Aber jetzt erinnert Gott wieder deutlich an seinen Bund, den er vor langer Zeit mit dem Volk Israel geschlossen hat. Damals am Berg Sinai. Das Volk Israel soll wissen, dass Gott mit ihnen ist. Und dass er neues Leben schenkt. Dass man nicht mehr in der Verbannung leben muss. Und nicht mehr einfach nur ein bisschen geduldet sein soll. Nicht mehr nur so dahinvegetieren braucht.

Es gibt doch noch etwas, das hinausgeht über das kleine Glück im eigenen Garten. Es gibt doch noch die großen Visionen von wirklicher Heimat, von Frieden und Gerechtigkeit!

Der Prophet fragt uns heute: Du hast doch auch noch Lebensträume! Und Leben, das Gott zusagt, ist mehr als alles, was gerade ist! Oder wie es die Losung des Kölner Kirchentags vom Wort Gottes sagt: Es ist „lebendig und kräftig und schärfer“ (Hebräer 4, 12)!

 

Gerade weil sich Menschen mit vielem abgeben, was auch anders sein könnte, versteht er nicht, warum sie sich damit zufrieden geben: Er ruft:

„Warum gebt ihr euer Geld aus für Brot, das nichts taugt, und euren sauer verdienten Lohn für Nahrung, die nicht satt macht? Hört doch auf mich, dann habt ihr es gut und könnt euch an den erlesensten Speisen satt essen!“ (V.2)

Mit was finden wir uns alles ab. Mit so vielen verlorenen Hoffnungen. Lassen uns bevormunden. Wehren uns nicht, wenn uns Unrecht geschieht. Und vielen ist auch der Gen-Mais vor unseren Türen egal.

Darum wird der Prophet so laut. Darum tritt er auf als Marktschreier. Der Prophet, der die Botschaft des großen Jesaja weiterführt, - und man deshalb seine Worte in dieses Buch eingefügt hat - verwendet die Redeweise eines Marktschreiers, um Gottes Verheißung an die Frau und den Mann zu bringen - und stellt alles Gewohnte auf den Kopf.

Denn wo gibt es schon etwas umsonst?! Für alles musst du bezahlen, selbst für die einfachsten Grundnahrungsmittel: für Wasser und Brot, Wein und Milch. Und wie teuer ist das Benzin geworden? Wie kostbar die Atmosphäre angesichts der Luftverschmutzung?!

 

Man sollte meinen, nun müssten sich die Menschen drängen, wie morgen früh wieder in manchen Supermärkten. Wo es doch hier das Beste umsonst gibt.

Viele sind schon damals skeptisch gewesen. Etwas geschenkt bekommen? Wo ist da der Haken. Und jeder und jede von uns kennt wohl solche Menschen, denen man nichts schenken kann, ohne dass sie das Bedürfnis haben, wieder etwas geben zu müssen, damit man unterm Strich auf Null steht.

Viele haben auch Gott im Verdacht, dass Gott eine Gegenleistung erfordert, dass er Unmögliches von mir fordert, dass ich - wie es wirklich jahrhunderte lang in den Kirchen falsch gelehrt wurde - dass mein Gottes Wohlgefallen an mir an dem hängt, was ich leiste, was ich vollbringe an guten Werken.

Gott möchte, dass wir leben. Und er leidet mit, wenn wir nicht leben, oder wenn wir uns in Abhängigkeiten begeben, die uns nicht gut tun, die uns so weit bringen, dass wir überhaupt keine Perspektiven mehr sehen.

Natürlich kann man das Leben, das von Gott her gedacht ist, nicht als Marktschreier an den Mann oder an die Frau bringen. Auch nicht in einem Werbeprospekt unterbringen, wie sie am Samstagnachmittag in Marktbreit überall eingeworfen werden. Rechtzeitig vor der Schnäppchenjagd im Supermarkt am Montag.

Dieses Leben kann man auch nicht kaufen, wie jemand einmal träumte. Sie kennen die Geschichte?

 

Ein Mensch hatte einen Traum: Er betrat einen Laden. Hinter der Theke sah er einen Händler. Er wirkte irgendwie fremd. Unter seinem lichtweißen Hemd verbarg er mühsam zwei Flügel

Das Regal war bis unter die Decke voll mit Tüten und Schachteln gestellt.

Doch im Dämmerlicht konnte man nicht so recht sehen, was darinnen ist.

Er fragte ihn:" Was verkaufen Sie?" "Alles, was Sie wollen" antwortete freundlich der

Engel. „Das wonach Sie sich sehnen, was Sie froh machen kann, was Sie schon nicht mehr hofften. All das biete ich an.““

Da sagte der junge Mensch: " ich möchte das Schweigen der Waffen und die Brötchen viel besser verteilt! Mehr Verstand in die Köpfe. Weniger Habgier. Dass Eltern mehr Zeit für ihre Kinder haben. Achtung vor jedem Tier. Helle Zimmer für alle. Arbeit, je nach Talent. Dass Gottes Freundlichkeit wieder deutlich wird.“

Als er für weitere Wünsche Luft holen wollte, fiel ihm dieser merkwürdige Händler ins Wort: "Kleinen Moment!“ Entschuldigen Sie, Sie haben mich falsch verstanden. Wir verkaufen keine Früchte, wir verkaufen nur den Samen!"

 

Das ist gleichzeitig auch ein schönes Bild von Kirche. Kirche als Ort, wo Samen gelegt wird, damit Menschen ihr eigenes Leben immer wieder neu entdecken und finden können. Kirche als Ort, an dem Leben immer wieder neu wachsen kann. Und Kirche als Ort, an dem auch die neben uns reifen können

Und die Weite Gottes, die umfassender und höher und tiefer ist als alles menschliche Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

Predigt zu 450 Jahre Marktrecht in Marktbreit, 2. Sonntag nach Trinitatis, 17.06. 2007, gehalten von Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk und Pfarrer Thomas Volk in St. Nikolai