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Jesaja 54,7-10 (VI) - Lätare - Von der Solidarität Gottes zu seinen Menschen

„Nie mehr!“
Haben Sie auch schon einmal so gesprochen?
Nie mehr will ich mit dieser Person etwas zu haben. Ich bin so verletzt worden. Was da über mich erzählt worden ist, ist einfach zu viel gewesen. Und ich habe nicht einmal die Möglichkeit bekommen, meine eigene Sicht darzulegen. Wir stehe ich jetzt da? Nein, ich möchte nie mehr so behandelt werden. Es ist Schluss. Ein für alle Mal. Mit dieser Person will ich nie mehr etwas zu tun haben.
Nie mehr werde ich eine Partnerschaft eingehen. Es gibt einfach keine ehrlichen Beziehungen mehr. Ich bin so enttäuscht. Und ich habe gedacht: Das ist die große Liebe. Wir werden es schaffen. Mögen sich andere auch trennen. Wir schaffen es schon. Trotz unserer unterschiedlichen Berufe, die zeitlich so ganz anders getaktet sind. Trotz aller verschiedenen Interessen, die wir haben. Und dann werde ich so hintergangen.
Nie mehr werde ich ein Ehrenamt übernehmen und mich so einsetzen, so viel Zeit aufwenden, so viel Kraft und Mühen einbringen. Und was ist der Dank? Einen Blumenstrauß bekommen bei der Jahreshauptversammlung immer die anderen. Wer sieht schon, was ich alles im Hintergrund tue und in die Wege leite? Wer holt die Getränke und wer schmückt die Tische? Wer hat die ganzen Einzugsermächtigungen auf IBAN und BIC umgestellt? Sollen doch die anderen sehen, wie sie klar kommen.

Wer „Nie mehr!“ sagt, der hat genug. Ein für alle Mal.
Und wenn Sie schon einmal so gesprochen haben sollten, dann haben Sie bitter erlebt, dass bei Ihnen eine Grenze überschritten worden ist. Alles Vertrauen in ein gerechtes Miteinander hat einen großen Riss bekommen, den man nicht mehr kitten kann. Jedenfalls nicht in absehbarer Zeit. Oder wie bei Friedrich Dürrenmatts Theaterstück  „Der Besuch der Alten Dame“, nach Jahrzehnten noch nicht.
Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Marktbreit führen dieses Stück an diesem Wochenende auf und zeigen eindrücklich wie die „Alte Dame“ nach über 45 Jahren in ihren Heimatort zurückkehrt, um Rache an ihrem ehemaligen Geliebten zu nehmen. Der hat sie damals als 17jährige mit einem Kind sitzen gelassen und die Vaterschaft geleugnet. Daraufhin hat sie die Kleinstadt verlassen, verarmt und entehrt. Durch mehrere Ehen wird sie sehr vermögend. Aber weil sie immer noch nicht vergessen hat, will sie Rache nehmen.

Ob Gott auch so sprechen könnte? „Nie Mehr!“
„Nie mehr will ich mit den Menschen zu tun haben. Was bin ich von ihnen enttäuscht worden. Was haben Sie mir nicht alles versprochen? Und was wollten sie alles „nie mehr“ machen? - Sie verstehen einfach nicht, dass ich Ihnen eine wunderbare Welt gegeben habe, in der alle ihr Auskommen haben könnten. Und was machen sie? Und sie können einfach nicht im Frieden miteinander leben.“
Nicht nur große Präsidenten scharren mit den Hufen, wenn sie sich in ihrer Ehre gekränkt fühlen und verleiben sich gleich mal ganze Landstriche ein.
Auch im Kleinen schafft man es viel zu selten, das Leben einander leichter und angenehmer machen. Die einen reden nicht mehr mit den anderen und die anderen schreiben Leserbriefe unter falschem Namen. Die einen können nicht abgeben und die anderen wollen alles auf einmal.

Das ist eine der großen Fragen der Bibel, vor allem des Alten Testaments: Bleibt Gott seinen Menschen treu oder hat er irgendwann einmal genug von ihnen und schleudert ihnen ein „Nie Mehr!“ entgegen?
Dieser Sachverhalt zieht sich durch das ganze Alte Testament: Menschen beten zu Gott. Sie spüren seine Hilfe. Kaum geht es ihnen besser, vergessen sie ihn. Sie schreiben sich ihre Erfolge und alles Gelingen auf die eigenen Fahnen. Und dann verbauen sie wieder alles. Sie werden übermütig oder geraten in falsche Abhängigkeiten. Sie lassen sich zu etwas verleiten oder handeln zu kurzsichtig. Und dann steht wieder die nächste Katastrophe vor der Tür. Erneutes Bitten und Flehen. Gott hat schließlich wieder ein Einsehen. So geht es immer weiter. Kein Wunder, dass Gott eines Tages sagen könnte: „Jetzt ist Schluss. Kommt doch alleine klar. Macht doch, was ihr wollt.“

Dieser immer wieder kehrende Kreislauf ist gleichzeitig der Hintergrund des heutigen Schriftwortes. Das Volk Israel hat die größte Katastrophe seiner Geschichte hinter sich. Das Land hat seine Eigenstaatlichkeit verloren, der Tempel in Jerusalem niedergebrannt, alle geltenden Rituale sind zerstört, die Menschen deportiert, das Glaubensleben ist erloschen.
Die Frage, die damit zusammenhängt? Warum ist es soweit gekommen?
Weil Gott einfach die Nase voll von seinem Volk gehabt hat? Weil er „Nie Mehr!“ mit ihnen zu tun haben möchte? Weil sie doch nur machen, was sie wollen? Sie legen sich nach außen mit den Supermächten der damaligen Zeit an. Und im inneren ist das soziale Gefüge völlig aus den Fugen geraten. Die ganz oben leben in einem Unvorstellbaren Luxus während der Großteil der Bevölkerung in ärmlichen Verhältnissen auskommen muss.
Hat Gott genug davon? Oder haben sich die Menschen das alles selbst zuzuschreiben?

Einige Jahrzehnte später - in einer Zeit, in der sich schon viele damit abgefunden haben, dass Gottes „Nie Mehr!“ das endgültige und letzte Wort ist, tritt im Exil ein Prophet auf, der den Menschen zuspricht: Du kannst dich auf Gott und auf seine Gnade verlassen. Er hält zu dir. Es gibt kein „Nie Mehr!“ Gottes. Hören Sie dazu aus dem Buch des Propheten Jesaja, aus dem 54. Kapitel, die Verse 7-10:
„Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.
Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser.
Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will.
Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer.“

Das verbindet uns mit den Menschen damals: Wir grübeln manchmal ja auch und fragen: „Kann ich mich auf Gott verlassen? Kann ich in meinem Alltag auf ihn bauen? Auch dann, wenn ich ihm wenig Grund gebe, dass er Gefallen an meinem Leben und Tun findet, weil ich im Moment so sehr mit mir selbst beschäftigt bin oder weil ich den Kopf einfach nicht frei habe, um meine kleine Welt, in der ich lebe, menschlicher zu machen.
Für alle, die so fragen, macht der Prophet klar: Du kannst dich auf Gott verlassen. Seine "Gnade", - wörtlich übersetzt: seine Verbundenheit, seine Treue, seine Solidarität - zu den Menschen ist unerschütterlich. Sie steht ein für alle Mal fest. Auch dann, wenn du manchmal meinst, dass du ganz alleine auf dich gestellt bist, weil diese Durststrecke einfach nicht enden mag.
Ich glaube nicht daran, dass - wie Menschen damals gemeint haben - Gott uns für einen „kurzen Augenblick“ verlässt (vgl. V.7) oder dass er sein „Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor uns verborgen“ hat (vgl. V.8).
Für mich wäre der Glaube an einen Gott, bei dem ich nicht weiß, woran ich bin, unerträglich. Ich könnte mein Leben nicht einem Gott anvertrauen, bei dem ich nicht wüsste, ob er irgendwann einmal von mir genug hat? Und sei es nur für kurze Zeit! Oder dessen Empörung ich auf irgendeine Weise spüren muss. Und bei dem ich nicht weiß, ob alles, was mir daneben geht, nicht doch irgendwann und irgendwo Konsequenzen hätte.
Wir bestrafen uns selbst am meisten, wenn wir solche Gedanken bei uns aufkommen lassen, dass Gott uns alleine gelassen haben könnte oder dass er sich von dieser Welt und aus unserem Leben längst verabschiedet hat und wir haben es vielleicht noch gar nicht gemerkt haben. Denn neben dem, was uns ohnehin zu schaffen macht, müssten wir uns noch mit der bohrenden Frage auseinandersetzen, wie wir das alles alleine schaffen sollten.

Als die Judäer im Exil begonnen haben, sich der alten Verheißungen zu erinnern und sie neu zu deuten, wie sie überlieferten Erzählungen gesammelt und überarbeitet haben, da ist nicht nur die Aussage von dem „Nie Mehr“ Gottes entstanden, sondern auch die nachträgliche Deutung der sogenannten „Sintflutgeschichte“: „ Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ (1. Mose 8,22).
Damit soll von Anfang an feststehen. Nein! Man kann diese oder andere Naturkatastrophen nicht Gott in die Schuhe schieben, weil er mal wieder „Nie Mehr!“ mit den Menschen zusammen sein möchte.
Und der Untergang Israels damals und die Zerstörung Jerusalems sind deshalb gekommen, weil die im politischen und religiösen Bereich Verantwortlichen völlig versagt haben und bei ihren Entscheidungen die Weisungen Gottes gänzlich außer Acht gelassen haben.

Aber jetzt steht es ein für alle Mal fest.
„Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer“ (V.10).
Du darfst spüren, wie Gott dir den Mut zukommen lässt, den du gerade brauchst. Du kannst erleben, wie du durch dieses dunkle Tal gehen kannst. Und du darfst erfahren, dass du nicht alles alleine tragen musst.

Jetzt haben manche gedacht, dass diese Zusage beinhaltet, auch den Menschen komme kein „Nie Mehr!“ über die Lippen. Nie mehr bleibt mir dieser Gott rätselhaft. Und nie mehr werde ich fragen, ob Gott mich vielleicht verlasen haben könnte, weil ich ihn einfach nicht in meinem Leben spüre.
Aber schon bei Hiob wird diese Frage wieder neu auf den Punkt gebracht. Als seine sogenannten Freunde ihm klar machen wollen, dass das Schlimme, das er erleidet, doch irgendeinen einen Grund haben müsste und Gott vielleicht doch „Nie Mehr!“ helfend eingreift, da geht es erneut um die Erfahrung, dass der Glaube, trotz der Verheißung der „ewigen Gnade“ (V.8) manchmal einfach nicht aufgeht und manches im Leben rätselhaft bleiben kann.

Das ist die offene Frage, die jede und jeder für sich selbst beantworten muss. Warum es den einen so gut geht und den anderen nicht? Warum die einen spielend durchs Leben kommen und die anderen sich so sehr abmühen? Und warum die einen ohne finanzielle Sorgen leben und die anderen jeden Cent zweimal umdrehen müssen?
Je nach dem, wo wir uns auf einer Zufriedenheitsskala von 0-100 einordnen, man kann Gottes Gnade nicht in dem Sinn herunterladen oder festhalten, dass man eine Garantie auf mindestens 80% hat und alles im Leben gut wird und bleibt.
Man kann auch nicht Gerechtigkeit kaufen, wie Friedrich Dürrenmatts „Alte Dame“, die die Stadt ihrer Jugend besucht und nach vielen Jahren mit einer hohen Summe Geld ihr Recht wiederherstellen will.
Das Leben beinhaltet immer auch das Risiko, dass man leicht abrutschen kann. Und Gott muss es in Kauf nehmen, dass auch Menschen zu ihm sagen „Nie Mehr!“ Nie mehr kann ich glauben, dass mein Leben geborgen und gehalten ist. Es ist auch sein Risiko, dass seine „Gnade“, seine Solidarität zu uns nicht immer so fest und so deutlich auszumachen sind und wir dann tatsächlich meinen, für einen kleinen oder großen Augenblick verlassen zu sein.

Der heutige Sonntag Lätare sagt: „Freue dich.“ Er ist mitten in der Passionszeit wie ein kleines Ostern. Es ist wie eine Auferstehung, wenn man Gott fest an seiner Seite spürt.
Freue dich, wenn du Gnadenspuren in deinem Leben entdecken und aufzeigen kannst, vielleicht wieder nach langer Zeit. Freue dich, wenn du Gott fest an deiner Seite spürst Und freue dich, wenn du diese Gewissheiten mitnehmen kannst für alles was kommt.
Und der Friede Gottes, der größer ist als alles „Nie Mehr!“, das Menschen aussprechen bewahre uns, unsere Gedanken, unser Planen und unser Tun, in Christus Jesus. Amen.

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk zu Lätare, Sonntag 30. März 2014 in St. Nikolai, Marktbreit