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Jesaja 50,4-9 (IV) - Palmarum

Liebe Gemeinde,
 im Schriftwort für diesen Palmsonntag aus dem Buch des Propheten Jesaja geht es um eine Person, deren Namen man bis heute nicht kennt. An insgesamt vier Abschnitten in diesem Prophetenbuch erfährt man etwas von ihr, weil das, was diese Person erlebt hat, spätere Menschen immer wieder bewegt hat. Zum einen, weil man nur sprachlos werden kann, was sie alles mitgemacht hat. Und zum anderen, weil wir uns alle in dieser Person auch ein Stück weit wiederfinden können. Hören Sie aus dem 50.Kapitel, die Verse 4-9:

Gott, der Herr, gibt mir die richtigen Worte, damit ich erschöpfte Menschen zur rechten Zeit ermutigen kann. Morgen für Morgen weckt er mich, und dann höre ich zu: Der Herr lehrt mich wie ein Lehrer seinen Schüler (V.4).

Ja, Gott, der Herr, hat mich bereit gemacht, auf ihn zu hören. Ich habe mich nicht gesträubt und bin meiner Aufgabe nicht ausgewichen (V.5).

Meinen Rücken habe ich hingehalten, als man mich schlug; ich habe mich nicht gewehrt, als sie mir den Bart ausrissen. Ich hielt ihren Beschimpfungen stand und verdeckte mein Gesicht nicht, als sie mich anspuckten (V.6).

Und doch werde ich mich ihnen nicht beugen, denn Gott, der Herr, verteidigt mich. Darum habe ich auch die Kraft, ihnen die Stirn zu bieten. Ich weiß, ich werde nicht in Schimpf und Schande dastehen (V.7).

Der Richter, der mich freisprechen wird, ist schon unterwegs. Wer will mir da noch den Prozess machen? Lasst uns nur vor Gericht gehen! Wer will mich anklagen? Soll er doch herkommen! (V.8).

Ja, Gott, der Herr, verteidigt mich! Wer kann mich da noch schuldig sprechen? Alle meine Ankläger werden umkommen, sie vergehen wie ein Kleid, das die Motten zerfressen (V.9).

Zu diesem Abschnitt habe ich ein anschauliches Bild gefunden. Diese Worte sind wie der Weg durch ein Haus. Und ich möchte sie heute Morgen gerne auf einen Rundgang durch dieses Gebäude mitnehmen.
Wenn wir die Türe im Erdgeschoss öffnen, dann sind wir bei dieser unbekannten Person, die vor über 2500 Jahren gelebt und deren Schicksal viele berührt hat.

Es ist ja oft so, dass man gar nicht ermessen kann, welche Schicksale hinter manchen Schlagzeilen in der Zeitung stehen. Was es zum Beispiel für diese eine von 11.000 Schlecker-Angestellten im Bayerischen Wald bedeutet, wenn sie nicht mehr ihr monatliches Einkommen hat und die Arbeitsmöglichkeiten für sie in dieser strukturschwachen Gegend nicht gerade auf der Straße liegen.

Oder mit wie viel Angst Christen in Nigeria, Kairo oder Damaskus am heutigen Tag und in der gesamten kommenden Woche in den Gottesdienst gehen, weil sie befürchten müssen, dass möglicherweise gerade jetzt ein Anschlag sie treffen könnte.

Und manchmal erleben ja auch wir, dass das, was wir gerade mitmachen müssen, keinen interessiert, weil es entweder für eine Schlagzeile zu unbedeutend ist oder weil andere abwiegeln und meinen: Wen interessiert es schon groß, was wir tagein tagaus alles schultern oder wie viel wir aushalten müssen?

Das Schicksal dieser unbekannten Person hat die Menschen so bewegt, dass sie es festgehalten haben.
Einerseits, weil es einfach unfassbar ist, was sie alles mitmachen musste. Sie hat ihren Rücken hingehalten, als man sie schlug; hat sich nicht gewehrt, als andere den Spott mit ihr getrieben haben; hat auch allen Beschimpfungen standgehalten, als man alle eigenen Enttäuschungen auf sie aufgeladen hat; und hat es über sich ergehen lassen, als die Masse sich auf sie eingeschossen und sie für alle Misere verantwortlich gemacht hat (vgl. V.6).

Im Buch des Propheten Jesaja ist an einer anderen Stelle zu lesen, dass diese Person am Ende sogar hingerichtet worden ist. Sie wird nicht einmal begraben. Den Körper lässt man an der Hinrichtungsstätte von den Geiern fressen. Was Schändlicheres kann man sich gar nicht vorstellen.

Ihr Schicksal hätte man bald vergessen, wie das Verhängnis von unzähligen Menschen, die sich in totalitären Ländern für Recht und Gerechtigkeit eingesetzt und dabei in Kauf genommen haben, wie rasch man mundtot gemacht werden oder wie schnell ein Scharfschütze einen jederzeit treffen kann.

Und dann hat man diese Person nicht vergessen, weil sie einfach Recht hatte. Aber das hat man später erst festgestellt. Sie hat nämlich in einer Zeit, in der viele Menschen gefangen und verschleppt waren, die Hoffnung aufrecht gehalten, dass die Zeit kommen wird, in der Gott sie wieder in ihre Heimat, in ihre Dörfer und auf ihre Felder zurückführen wird. Niemand hat dieser Botschaft Glauben geschenkt. Dabei hätten sich die Menschen nichts lieber gewünscht. Und vor lauter Enttäuschung haben die Menschen alle aufgestaute Wut, allen Frust, allen Zorn über ihr Schicksal auf diese Person übertragen und in ihr ein dankbares Mobbingopfer gefunden. Auf wen sonst hätte man auch alle aufgestaute Verbitterung entladen können.

Die ganze Sache wäre aus und erledigt gewesen, wie so manches Schicksal, von dem man in den Nachrichten kurz hört, aber dann wieder aus dem Blick schwindet, weil sie nächsten Bilder in den Blick kommen. Aber nach deren Tod sind andere aufgestanden und haben im Namen Gottes das gleiche verkündet.
Gott, der Herr, gibt mir die richtigen Worte, damit ich erschöpfte Menschen zur rechten Zeit ermutigen kann. Morgen für Morgen weckt er mich, und dann höre ich zu: Der Herr lehrt mich wie ein Lehrer seinen Schüler“ (V.4).

Priester haben die alten Texte der Bibel neu geschrieben, damit Gottes Geschichte mit seinen Menschen bewahrt bleibt. Sie sind sich ganz sicher gewesen. Gott steht zur Geschichte mit seinem Volk und auch zu den Lebensgeschichten all derer, deren Schicksal man kaum mehr wahrnimmt.

Schriftkundige Männer haben die gesamte Geschichte der Richter und Könige Israels auf diese Zuversicht hin im Nachhinein neu geschrieben und in diesem Licht gedeutet. Weitere Psalmen werden gedichtet, die davon erzählen, wie Gott aus größter Gefahr herausgeführt hat. Wichtige Teile des Alten Testaments sind damals im babylonischen Exil entstanden. Und das alles ist möglich gewesen, weil eine uns unbekannte Person als erste den Bann gebrochen hat und alle hoffnungslosen Gedanken aufgebrochen hat.

Mittlerweile sind wir im ersten Stock angekommen. Dort gibt es die Jesusgeschichten des Neuen Testaments zu sehen. Ich stelle mir vor, wie in den einzelnen Zimmern die Evangelisten sitzen und überlegen, wie man das, was Jesus in seiner letzten Woche in Jerusalem alles erlebt hat, in Worte fassen kann. Und mit welchen Bildern man das Leiden Jesu erfassen und vielleicht auch ein Stück weit deuten kann.

Sie überlegen: Ist es mit Jesus nicht genauso gewesen wie mit dieser Person, die 550 Jahre zuvor gelebt hat? Auch Jesus hat denen, die müde und erschöpft gewesen sind, neuen Mut zugesprochen. Auch Jesus konnte so unmittelbar von Gott sprechen, dass die etablierten Religionsvertreter die Welt nicht mehr verstanden haben. Auch die Art und Weise, wie Jesus umgekommen ist, lässt an diesen unbekannten Propheten aus alter Zeit denken. Und auch dass Jesus seinen eigenen Weg so beharrlich gegangen ist und seine Sache nicht verleugnet hat, ist wie eine Parallele zu damals, wenn es bei Jesaja heißt: „Ja, Gott, der Herr, hat mich bereit gemacht, auf ihn zu hören. Ich habe mich nicht gesträubt und bin meiner Aufgabe nicht ausgewichen“ (V.5). So konnte auch Jesus gesagt haben.

Diese Worte bekommen gerade am Palmsonntag ihre volle Aussagekraft. Und so müssen wir den Einzug Jesu in Jerusalem auch verstehen. Nicht als ein göttliches Schauspiel, in dem Jesus erhaben an das Kreuz geht um dort willig etwas vollbringt, was Gott inszeniert hat. Jesus ist sich darin treu geblieben, dass er bis zuletzt Gott ganz neu verkündet hat , nicht mittels Gesetze und Vorschriften, Richtlinien oder Gebrauchsanweisungen, sondern Gottes Güte 1:1 gelebt und ausgeteilt hat, Und ausgerechnet er wird angefeindet und ein Opfer der etablierten Machthaber, weil er religiöse Zeremonien stört und die bestehenden Verhältnisse durcheinanderbringt. Das ist die Tragik des Palmsonntags, dass man heute noch erwartungsvoll begrüßt werden und morgen schon fallengelassen werden kann. Nicht nur Fußballtrainer oder Politiker können ein Lied davon singen.

Damit sind wir auch schon längst im zweiten Stock angekommen. In dieser Etage begegnet uns unser eigenes Leben. Unser Alltag, der manchmal sehr mühevoll sein kann.

Vielleicht geht es Ihnen manchmal genauso wie dieser Person aus dem 6. Jahrhundert vor Christus, die missverstanden, alleingelassen, sogar angefeindet wird.

Und vielleicht haben Sie sich auch schon gefragt, wie man all den Mut aufbringen kann, das zu tun oder zu sagen, was ansteht und sich auch nicht mehr verbiegen zulassen.

Das ist ja die große Frage, die man sich in jedem Alter stellt, was alle Hoffnung aufrecht hält? Was ist es, dass man morgens wieder aufstehen und den Tag bestehen kann, auch wenn manches dagegen spricht? Und was muss geschehen, dass man nicht verbittert oder ein Sauertopf wird? Dass man überhaupt so nachsprechen kann wie es in den alten Worten heißt: „Gott, der Herr, gibt mir die richtigen Worte, damit ich erschöpfte Menschen zur rechten Zeit ermutigen kann. Morgen für Morgen weckt er mich“ (V.4).

Dieser Vers ist übrigens die Grundlage zu dem Lied: „Er weckt mich alle Morgen!" gewesen, das wir eingangs gesungen haben. Es stammt von Jochen Klepper. Geschrieben der Zeit des Dritten Reiches! Er war mit einer Jüdin verheiratet und etlichen Schikanen ausgesetzt. Die Gestapo wollte ihn zwingen, sich scheiden zu lassen, um dann umso leichter seine Frau ins KZ schicken zu können. In seinem Tagebuch schildert Klepper, wie die Gestapo ihn zappeln ließ in seinem vergeblichen Versuch, eine Ausreiseerlaubnis für seine Frau und sich nach Schweden zu bekommen. Er hoffte, so stark zu sein wie der uns unbekannte Gottesknecht in Babylon. Am Ende jedoch siegte beim Ehepaar Klepper die Verzweiflung: Beide Eheleute gingen gemeinsam in den Tod.

Ich merke nicht nur an diesem Beispiel, dass es ausgesprochen schwierig ist, den Weg nachzugehen, den diese unbekannte damals gegangen ist und für die Wahrheit zu leiden, für die Gerechtigkeit Schmerzen erdulden und für die Liebe Hass auf sich zunehmen, ohne daran zu zerbrechen.

Und dann kommen mir Menschen unserer Zeit in den Blick, die diesen Weg gehen konnten. Vor einem Jahr hat der Arabische Frühling begonnen. Ich staune, woher die Menschen den Mut hatten, gegen ihre unumschränkten Machthaber auf die Straße zu gehen? Und ich werde beschämt, wenn ich sehe, woher die Friedensnobelpreisträgerin in Birma, Aung San Suu Kyi, die Ausdauer hatte, um über 20 Jahre gegen die Diktatur für Freiheit und Menschenrechte zu kämpfen? Doch wie viele Menschen haben für ihr mutiges Eintreten Freiheit und das Recht leiden müssen?

Unser Rundgang durch das Haus geht zu Ende. Welche Eindrücke sind bei Ihnen hängen geblieben? Bei mir ist es die Erkenntnis, dass man sich seinen Lebensweg nicht immer aussuchen und manchmal ganz alleine dastehen kann. Aber man darf Gott an seiner Seite wissen, wie diese unbekannte Person damals, die sogar ganz selbstbewusst mit Worten, die an eine Gerichtsverhandlung klingen, sagen konnte: „Und doch werde ich mich ihnen nicht beugen, denn Gott, der Herr, verteidigt mich. Darum habe ich auch die Kraft, ihnen die Stirn zu bieten. Ich weiß, ich werde nicht in Schimpf und Schande dastehen“ (V.7).

Und jemand anderes hat einmal trotzig so ausgerufen: „Auf Gott hoffe ich und fürchte mich nicht. Was können mir Menschen tun?“ (Psalm 56,12).

Menschen können wehtun, verletzten, schmähen, aber sie können nicht die Würde rauben, die man bei Gott hat.

Das konnten sie bei Jesus auch nicht. Nach seinem Tod hat man gemerkt, dass Gott sich auch auf seine Seite gestellt hat und gewusst, dass Gott niemanden fallen und schon gar keinen hängen lässt.

Niemand ist alleine, auch in den ganz dunklen Stunden nicht.

Und der Trost Gottes, der weiter blickt und tiefer schaut als alles menschliche Sehen, gebe uns die Geborgenheit, die wir gerade brauchen. Amen

• Predigt zum Palmsonntag, 01. April 2012, von Pfarrer Thomas Volk, gehalten in St. Nikolai, Marktbreit