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Jesaja 29,17-24 (III) - 12. Sonntag nach Trinitatis - Wenn „noch eine kleine Weile“ sich hinzieht

Was verstehen Sie, liebe Gemeinde, unter „noch eine kleine Weile“?

Ein paar Stunden?

Ein paar Tage?

Ein paar Wochen?

Mehr aber doch nicht, oder?

Denn „noch eine kleine Weile“ beinhaltet doch, dass man nicht mehr lange warten braucht. Schon bald wird sich etwas ändern.

 

„Noch eine kleine Weile“

Wenn man zu uns sagen würde „noch eine kleine Weile“, dann würden wir uns doch auch wirklich darauf verlassen, dass diese „kleine Weile“ bald vorbei ist:

„Noch eine kleine Weile“ bis das Hochwasser in Texas und vor allem auch in Indien, Bangladesch, Nepal und Pakistan wieder abgelaufen ist.

„Noch eine kleine Weile“ bist du wieder gesund bist und in die Stadt gehen kannst.

„Noch eine kleine Weile“ bis der Prüfungsstress vorbei ist.

„Noch eine kleine Weile“ … .

Aber dann, dann ist es vorbei, wird es wieder gut, angenehmer und leichter.

 

Und Christen verbinden mit dem Ausspruch „noch eine kleine Weile“, nach der es dann besser wird, noch etwas: Dass Gott mithelfen, mitwirken, herbeiführen kann, dass diese „kleine Weile“ möglichst bald vorbei ist.

 

Die große Wandlung in Jesaja 29

Das heutige Schriftort beginnt mit diesem Ausspruch: „Noch eine kleine Weile“. Und was dann angekündigt wird, hat der Prophet Jesaja, in seinem Buch, im 29.Kapitel, in den Verse 17-24 so angekündigt:

17 Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.

18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen;

19 und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.

20 Es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten (V.20)

21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.

22 Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen.

23 Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände - ihre Kinder - in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten.

24 Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.

 

Die Rechtsbrecher werden am Ende sein

An wen sich damals - ungefähr 700 Jahre vor Christus – diese Verheißungen gerichtet haben? An die Ärmsten der Armen. An Landarbeiter, die selbst kein Land hatten und städtische Tagelöhner, für die jeder Tag aufs Neue ein Kampf ums Überleben war. Sie sind gemeint, wenn es heißt:

Und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels (V.19).

Ihnen und allen anderen, die sich so vorkommen, wird angekündigt: „Noch eine kleine Weile“ dann es wird ein Ende haben mit der Herrschaft, die sich nur auf Gewalt und Einschüchterung gründet.

Alle, die spotten – also alle, die nichts gelten lassen, überheblich sind, alles besser wissen, aber es dann doch nicht mithelfen, umsetzen, werden schweigen.

Und alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, werden erledigt.

Es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten (V.20)

 

Das kommt uns doch bekannt vor

Kommt Ihnen das nicht bekannt vor? Das könnte auch alles in unserer Zeit geschrieben sein.

Wie schön wäre das, wenn wir morgens in den Nachrichten hören würden:

„Noch eine kleine Weile“ und …

… der türkische Ministerpräsident gewährt Pressefreiheit.

… der russische Präsident lässt alle Waffen verschrotten.

… Nordkorea stampft seine Raketen ein.

… Amerika wird Vorreiter in Sachen Klimaschutz. Die Autoindustrie wird umgebaut. Der Präsident twittert: „Null-Emission statt Dreckschleuder!“ Great!

… und alle Menschen, die uns mit ihrem Gerede sowas von nerven, werden uns freundlich grüßen und uns fragen, ob sie uns denn nicht was helfen könnten.

 

Keine umfassende Wandlung damals

Das soll Wirklichkeit werden? In einer „kleinen Weile?“ Es wäre zu schön um wahr zu sein.

Wenn Sie wissen wollen, ob es damals wirklich nur „eine kleine Weile“ gedauert hat, bis alles eingetreten ist, was der Prophet verheißen hat, dann müsste die Antwort - wenn sie nur mit „Ja“ oder „Nein“ lauten sollte -, Nein sein.

Auch wenn der Tyrann, von dem die Rede ist - die damalige Großmacht Assur mit ihrer aggressiven Außenpolitik - bald an sein Ende gekommen ist und keine Bedrohung mehr darstellte, sind dafür nach kurzer Zeit wieder neue Weltmächte aufgekommen, die nicht genug bekommen konnten.

Der Libanon ist bis heute noch nicht zum Paradies-Garten geworden und der Karmel, ein felsiger Gebirgszug auch noch nicht zu einem waldreichen Gebiet (V.17).

Und die Spötter haben nach wie vor Hochkonjunktur und die Menschen, die unrecht tun, sind auch nicht von der Bildfläche verschwunden.

 

Wenn „Noch eine kleine Weile“ zum „Ausnahmezustand“ wird

Was tun, wenn die kleine Weile lang und länger wird? Wenn aus ihr der „dauerhafte Ausnahmezustand“ wird?

Und wie bringen wir Christen das mit unserem Glauben an Gott zusammen, von dem wir irgendwie erwarten, dass er „eine kleine Weile“ nicht unendlich ausdehnen lässt.

Wie oft hat sich eine „eine kleine Weile“ hingezogen?

„Noch eine kleine Weile?“ Fast 250 Jahre sind vergangen seit die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika im Jahr 1776 verkündet wurde und damit auch die allgemeinen Menschenrechte: „Alle Menschen sind gleich geschaffen“ und „der Schöpfer hat ihnen bestimmte unveräußerliche Rechte verliehen“, zu denen „Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören“ heißt es darin.

Als der amerikanische Präsident vorletzte Woche den rechtsradikalen Mob verteidigte, der in Charlottesville gegen den Abriss eines Denkmals des Südstaatengenerals Robert E. Lee demonstriert hatte, ist wieder deutlich geworden, dass der Rassismus nach wie vor da ist und nicht nach „einer kleinen Weile“ verschwunden ist.

Der neue preisgekrönte Roman des amerikanischen Autors Colson Whitehead mit dem Titel „Underground Railroad“ erinnert an die Zeit damals, wenn er von der Geschichte einer jungen Frau namens Cora erzählt, die einen „Underground Railroad“, ein geheimes Fluchtnetzwerk für Sklaven ausmacht, aber die Freiheit und vor allem die Gleichberechtigung doch nicht finden kann.

Der Rassismus ist nicht abgeschafft, auch nicht durch Christen - das ist das Schlimme daran - sondern geht weiter. Möglicherweise nicht nur „eine kleine Weile“ werden diese Tyrannen unserer Zeit weitermachen.

 

Die „kleine Weile!“ zieht sich oft auch in unserem Leben hin

Auch in unserem persönlichen Leben kann die „kleine Weile“ aus ganz unterschiedlichen Gründen sehr lang werden.

Wenn die einen sich Gesundheit wünschen und ein Ende der Schmerzen, aber kein Ende des Tunnels erkennbar ist.

Oder wenn die anderen hoffen, dass die Kinder in stabilen Beziehungen leben mögen, die halten und stützen.

Und wieder andere wünschen sich so sehr, dass der Beruf, den sie erlernt haben, sie bald auch ernähren kann.

Als Christ kommt man leicht in ein Denken hinein, in dem man rechnet oder aufzählt.

Wenn ich genug bete …

Wenn ich in die Kirche gehe …

Wenn ich Gutes tue …

… dann müsste doch die „kleine Weile“ kürzer werden.

Und wenn nicht? Dann stellt sich für manchen die Frage: Warum glaube ich überhaupt, wenn sich vermeintlich doch nichts ändert?

 

Glauben ist kein Berechnen

Wer glaubt und dabei rechnet oder im geheimen aufzählt, der wird immer enttäuscht sein.

Überhaupt: im christlichen Glauben geht es nicht um ein Rechnen oder Aufzählen.

Ich sage es mir immer wieder: Ich glaube, weil mir mein Glaube Kraft gibt, mein Leben so zu bewältigen, wie es gerade ist, unabhängig davon, wie lang eine „kleine Weile“ dauert.

Ich bin Christ, weil ich an der neuen „Welt Gottes“ mitbauen möchte, so wie sie in der heutigen Prophezeiung dargestellt worden ist

Und ich will mich gerade nicht damit abfinden, dass aus der „kleinen Weile“ ein Dauerzustand wird.

Auch wenn bei uns Christen immer weniger werden: Ich bin nicht deshalb Christ, weil es alle anderen auch sind, sondern weil es für mich die beste Form und Möglichkeit ist, diese Welt ein Stück weit gerechter und menschlicher zu machen.

 

Fazit:

Also: Welche Schlüsse kann man für seinen Glauben ziehen, wenn es auf der einen Seite heißt „Noch eine kleine Weile“ und man auf der anderen Seite merkt, dass sich nichts ändert, jedenfalls nicht so, wie man sich das wünscht.

 

1. Sich nicht mit dem abfinden, was gegen Jesu Willen ist

Es gehört zu unserem Glauben dazu, dass sich Christen nicht abfinden mit ungerechten Zuständen wie sie schon der Prophet Jesaja damals beschrieben hat, wo die einen die anderen klein halten und betrügen und die anderen sich still und brav in ihr Schicksal ergeben.

Uns Evangelische hat man auch mal als Protestanten bezeichnet. Das geht weit zurück als evangelische Stände 1529 auf dem Reichstag zu Worms protestiert haben. Heute sind für mich Christen aller Konfessionen Protestmenschen gegen alles Unrecht.

 

2. Gott kann ein Ende machen mit dem Bösen:

Zweitens glaube ich, dass Gott so groß ist, mit allem Bösen und Widerwärtigen ein Ende zu machen. Ich glaube es einfach, auch wenn ich es viel zu wenig erlebe.

Das Evangelium für den heutigen Sonntag erzählt von Jesus wie er einen Taubstummen heilt. „Hefata!“ „Tue dich auf“ Die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.

Und in der Epistel ist die Rede, das Saulus, der die Christen verfolgt, eines Tages wie von einem Blitz-Licht getroffen wird und er neu sehen kann, ein völlig anderer Mensch wird, der die Christen nicht mehr verfolgt.

Warum nicht alle Menschen ein solches Erlebnis haben?

Ich weiß es nicht. Ich kann nur darum bitten, dass ich nicht verblendet werde, sondern meine Mitmenschen in dem Licht sehe, mit dem Paulus auf einen völlig neuen weg gekommen ist.

Gott kann ja nicht alle sieben Milliarden Menschen programmieren, wie in einem riesigen Computerspiel, sondern ist auch darauf angewiesen, dass wir Menschen im Lichte Gottes selbst in der Lage sein müssten, miteinander friedlich auszukommen

 

3. Die Kraft des Glaubens, wenn aus einer „kleinen Weile“ eine „lange Zeit“ wird

Und wenn die „kleine Weile“ doch ausbleibt?

Wir können Gottes Zeitvorstellung nicht erraten, nicht erahnen, nicht entschlüsseln, aber wir können - wenn eine kleine Weile zu lange wird –

• um Geduld bitten

• trotzige Hoffnung entwickeln

• oder Plan B oder Plan C greifen lassen. Wir können nun mal nicht in einen neuen, jungen Körper hineinschlupfen oder uns 10, 20, 30 Jahre zurückbeamen.

Diese Frage können wir alle mit in die neue Woche nehmen: „Was trauen wir Gott zu?“

• Für alle von uns, die noch viel vor sich haben:

„Ich möchte darauf vertrauen, dass du, Gott, bei mir bist, was auch kommt.“

• Für alle, die an eine entscheidende Wandlung nicht mehr glauben können, weil vielleicht schon viele Jahre ins Leben gezogen sind:

„Es gibt auch viele kleine Wandlungen. Im Kopf.“

Ich kann meine Sichtweise ändern.

Ich kann - auch wenn das eine nicht mehr wiederkommt - auch anders das Leben bewältigen und auch genießen.

Ich kann versuchen, die heutige Zeit zu verstehen. Warum sind manche Menschen so wie sie sind.

Zu unserem Glauben gehört, dass Gott uns Menschen weiterführt und - egal wie lange „eine kleine Weile“ auch dauern mag - wir es immer wieder erleben, wie er uns mit Vielfältigen überrascht.

Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes (Römer 15,13).

 

->Predigt vom 03.09.2017, gehalten von Pfarrer Volk in St. Nikolai, Marktbreit