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Jesaja 27,2b - Kommt, singt ein Lied, zu seiner Ehre!“ - Gospelprojekt:

Wir singen und hören heute Morgen Lieder zur Ehre Gottes.

Wir tun dies nicht, weil wir immer nur auf der Sonnenseite des Lebens stehen, weil uns alles so leicht von der Hand geht und weil uns alles so spielend leicht gelingt.

Vielen denken so. Man kann Gott nur dann loben und ihn nur dann ehren, wenn man selbst keinen Grund zur Klage hat. Wenn alles immer nur nach Plan läuft. Oder wenn der eigene Glaube gar nicht weiß, was es heißt, durch ein tiefes und dunkles Tal gehen zu müssen.

 

Wir singen heute Morgen Lieder zur Ehre Gottes, weil wir gerade das Gegenteil kennen und immer wieder auch das ganz Andere erfahren. Dass das Leben mitunter ganz schön hart ist und unbarmherzig. Wir singen, auch wenn wir erleben, dass wir an manchen entscheidenden Punkten nicht vorankommen. Und wir singen, wenn zwischen unseren Wünschen und der Wirklichkeit eine große Lücke klafft.

Wir singen heute Morgen Lieder zur Ehre Gottes, weil Gott gerade dann, wenn nichts mehr voran geht, an unserer Seite ist und bleibt. Uns wahrnimmt. Anteil nimmt an unserem kleinen Leben. Uns achtet. Respekt hat vor unserer Lebensgeschichte, die manche Bitterkeit hervorgebracht und viel Lebensfreude verschüttet hat. Und weil er weiß, was wir können und - wenn die Rahmenbedingungen passen würden - was wir alles in die Wege leiten könnten.

Wir singen Lieder zur Ehre Gottes, weil es immer wieder ein Wunder ist, dass der große und erhabene Gott sich nicht zu Schade ist, uns zu achten und zu würdigen und voranzubringen.

„Aber du, Herr, bist der Schild für mich, du bist meine Ehre und hebst mein Haupt empor“, sagt der 3. Psalm (Psalm 3,4).

 

Aus diesem Grund sind auch vor einigen Jahrhunderten die „Spirituals“ entstanden, die wir Vorläufer der Lieder, die wir heute als Gospel bezeichnen.

„Spirituals“ waren die, "geistlichen Lieder" der Afroamerikaner in den USA. Im 17. Jahrhundert wurden sie als Sklaven von Westafrika nach Amerika geholt. Viele wurden Christen. Teils aus Überzeugung, teils aber auch, weil es ihnen so befohlen wurde. Und wer nun dachte, dass sie mit ihren weißen Herren geschwisterlich und rechtlich gleichgestellt leben durften, der wurde rasch enttäuscht. An ihrer sozialen Stellung änderte sich nichts.

Aber in der Bibel haben sie gelesen, dass sie bei Gott geachtet sind. Wie heißt es im 84. Psalm: „Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln! Denn Gott der Herr ist Sonne und Schild; der Herr gibt Gnade und Ehre“ (Psalm 84,6.12).

Sie haben nach einem Ventil gesucht um all das, was sie bewegt, auszusprechen. Sie haben sie eine völlig neue Gattung von Musik kreiert, die sich in Melodie, Rhythmus und Sprache deutlich vom überlieferten Liedgut der weißen Christen unterschied.

In diesen Liedern loben und ehren sie Gott, auch wenn sich an ihrer sozialen Stellung nichts geändert hat und auch so schnell nichts ändern wird. Sie loben und ehren Gott, auch wenn der Tagesablauf hart ist und auch wenn Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit gerade unter Christen noch ein großes Fremdwort ist. Sie loben und ehren Gott, weil sie wissen und spüren, dass er auf ihrer Seite ist, weil er Kraft zum Weitermachen gibt, und weil sie der festen Meinung sind, dass zumindest Gott ihnen die Ehre zukommen lässt, die sie brauchen, um ein hartes Leben überhaupt durchzustehen.

 

Ehre ist ein Lebensmittel, so nötig wie Trank und Speise. Wir leben nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das uns aufbaut, ehrt, lobt, auszeichnet, würdigt (Traugott Giesen).

Wir brauchen Anerkennung, sonst ist es so als wären wir gar nicht da. Wie gut tut es uns, wenn wir es ab und an hören: Toll, wie du das geschafft hast. Ich bin so froh, dass es dich gibt. Nicht auszudenken, wenn du nicht dabei gewesen wärest … . Und das sind ja die Höhepunkte, die absoluten Glücksmomente des Lebens, wenn jemand so zu uns spricht.

Aber alleine schon die Tatsache, dass es uns überhaupt gibt, dass wir hier sind, braucht schon ein Basispaket an Würde.

Milliarden Menschen ringen um Essen und Trinken, die Basisehre überhaupt. Auch Arbeit ist eine Grundehre für Menschen. Viele wollen Arbeit, sie wollen was leisten und finden keine Abnehmer. Fähige Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen werden nicht gebraucht. Manche Filme, mit viel Herzblut und Tiefgang produziert, verschwinden unbeschaut. Bücher, mit gründlichen Recherchen und zahlreichen Überarbeitungen werden verramscht. Musiktücke, mit viel Gefühl komponiert, verschwinden im Papierkorb.

Dabei ist doch jede Arbeit ist ihres Lohnes wert, und jede Leistung ist der Anerkennung würdig. Und Dank allen Menschen, die anderen ihre Ehre sichern helfen, ihnen Chancen einräumen, sie aufrichten, ihre Umstände bessern.

So haben Kinder der Grundschule in Frickenhausen zur Frage, welche Rechte denn für alle Kinder gelten sollen, auf ein großes Papier geschrieben: Sauberes Wasser für alle - dass man in die Schule gehen kann - Eltern, die da sind.

Das sind auch Grundrechte an Ehre, die genauso in einer Weltcharta, in jedem Grundgesetz verankert werden müssten: Dass Kindern Chancen eingeräumt werden - dass man als Erwachsener ohne Angst vor anderen Menschen leben kann - dass man im Alter beschützt und versorgt ist - das alles braucht so viel Achtung.

 

Wir spüren es ja alle, ob wir gewürdigt werden oder ausgenutzt. Wir registrieren, wer die von uns ausgeliehenen CDs nicht zurückbringt oder die Bohrmaschine. Wir bemerken gleich, wenn einer uns über den Mund fährt oder beim Begrüßen übergeht. Ob einer uns dankt oder nicht.

Aber eben diese Antennen auch für andere ausfahren.

Natürlich gibt es das auch: Manch einer kann seinem Vater, seiner Chefin, seinem Gefährten gegenüber keine Dankbarkeit ausdrücken; dabei würde Dankbarkeit beide vielleicht auf unerklärliche Weise wieder einander näher bringen.

Aber es gibt viele andere, die warten, von uns geehrt, gewürdigt zu werden: Die Leute von der Müllabfuhr, Polizisten und alle, die für Sicherheit sorgen, auch den Lehrern nach der Klassenfahrt einen spürbaren Elterndank zeigen. Und den Altgewordenen Frechheiten ersparen. Das wäre schon viel.

 

Auch Gott will Dank und Lob: Er will uns nicht als bewusstlose Verbraucher, sondern als aufmerksame Zeitgenossen, die spüren, wie sehr wir ihm Herzen liegen und die merken, wie sehr er sich um uns bemüht und wahrnehmen, dass Gott manchmal verzweifelt, dass wir, seine Menschen, so wenig einsichtig sind.

Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln! Denn Gott der Herr ist Sonne und Schild; der Herr gibt Gnade und Ehre (Psalm 84,6.12).

Gott macht dich groß. Erhaben. Gott will, dass du gut durch kommst. Dich nicht blenden lässt von den Schulterklopfern, wenn du eine Glückssträhne hast. Dass du weiter wächst. Dass die Ringe an deinem Lebensbaum mit den Jahren nicht immer kleiner werden.

Und dass du es weißt: deine Würde ist jenseits von Besitz und Chic und Falten. Du bist wunderbar, weil du Sohn - weil du Tochter - Gottes bist. Hab keine Angst. Gott hat dich aus dem Nichts erlöst. Hat dich bei deinem Namen gerufen. Kennt dich. Unterscheidet dich. Er will dich einzigartig, nicht als Schablone.

 

Gelobt sei Gott der Herr, der Gott Israels, der allein Wunder tut! Gelobt sei sein herrlicher Name ewiglich, und alle Lande sollen seiner Ehre voll werden! Amen! (Psalm 72,18-19).

Wir können Gott deshalb loben und ehren, weil er uns will und braucht, weil ihm unser kleines Leben in den großen Sturmfluten des Lebens nicht egal ist und weil noch vieles vor uns liegt, das wir seiner Hilfe auch schaffen können.

Deshalb hören wir heute Morgen Lieder zur Ehre und singen mit und spüren es vielleicht wieder ganz neu, dass wir in allem Auf und Ab des Lebens getragen sind.

Und die Weite Gottes, die umfassender und höher und tiefer ist als alles menschliche Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Predigt zum Gospelprojekt in St. Nikolai, 11. November 2007, gehalten von Pfarrer Thomas Volk