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Jakobus 5,13-15 (IV) - 19.Sonntag nach Trinitatis

Liebe Gemeinde!
In meiner 10.Klasse der Mittelschule in Ochsenfurt beschäftigen wir uns in Religion gerade mit der “religiösen Entwicklung“ eines Menschen.
Jeder Mensch entfaltet sich ja im Laufe seines Lebens immer weiter. Als Kind hat man diese Sichtweise, als Jugendlicher kommt man zu einer ganz anderen Auffassung und als Erwachsener legt man wieder manches ab und sieht die Dinge noch einmal neu.
Das gilt nicht nur in Fragen, welche Musik man damals gehört und was man früher alles so angezogen hat oder wie man sein Zimmer, seine Wohnung einmal eingerichtet hat und welche Poster und Bilder von einst man heute nicht mehr so aufhängen würde.
Auch in der Frage, wie man Gott sieht und über ihn denkt, was man von ihm erhofft und erwartet, gibt es im Laufe der Jahre immer wieder Veränderungen, weil wir uns verändern.

Das Gottesbild, das Sie gerade haben, spielt für das Verstehen des heutigen Schriftwortes eine wesentliche Rolle. Hören Sie aus dem Jakobusbrief, einer kleinen Schrift am Ende des Neuen Testaments, aus dem 5.Kapitel, die Verse 13-15:
Leidet jemand unter euch? Dann soll er beten! Hat einer Grund zur Freude? Dann soll er Gott Loblieder singen.
Wenn jemand von euch krank ist, soll er die Gemeindeleiter zu sich rufen, damit sie für ihn beten und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben.
Wenn sie im festen Vertrauen beten, wird der Herr dem Kranken helfen. Er wird ihn aufrichten und ihm vergeben, wenn er Schuld auf sich geladen hat.
(Übersetzung: Hoffnung für Alle)

Diese wenigen Worte haben schon immer eine große Wirkungsschichte gehabt.
Auf der einen Seite haben diese Zeilen viele Christen, die ihren Glauben ernst nehmen, besonders angesprochen und angeregt zu fragen: Warum nehmen wir das, was hier steht, nicht einfach ernst? Dann würden wir mit unserem Glauben vielleicht noch ganz andere Erfahrungen machen. Wenn wir wirklich zu jemandem, von dem wir wissen, dass er krank ist, gehen, ihm die Hände auflegen, für ihn beten, ihn vielleicht mit Öl salben, dann müssten wir doch auch erleben, wie er wieder auf die Beine kommt. Und wenn jemand dann noch aussprechen kann, was ihm zu schaffen macht oder gerade belastet, dann würde alleine diese Tatsache, dass diese Sache nun wirklich aus der Welt geschafft ist, diese Person zusätzlich aufrichten.
Und es gibt nicht wenige Beispiele, wo jemand - ganz unabhängig von der medizinischen Versorgung - so sprechen konnte. Das Gebet hat mich gesund gemacht. Und es hat mir gut getan, dass andere für mich so dagewesen sind.

Auf der anderen Seite gibt es die vielen Erfahrungen von Personen, die so gebetet und gehofft haben und für die es keine Heilung gegeben hat.
Und dabei die Fragen: Warum gerade ich? Warum jetzt? Lässt sich ein tieferer Sinn meiner Krankheit erkennen? Habe ich was falsch gemacht? Muss ich jetzt für meine Fehltritte irgendwie büßen? Habe ich mit meiner leichtsinnigen Lebensweise überhaupt eine transplantierte Leber verdient?
Welche Fragen einem damit im Kopf umhergehen, im Hintergrund steht immer diese eine Frage, die ich gerade mit meiner 10.Klasse behandle. Was für ein Bild von Gott habe ich? Und was kann ich von ihm erhoffen, gerade dann, wenn ich ihn ganz nah bei mir brauche?

Dazu eine Geschichte, die diese Fragen auf den Punkt bringt:
Paul, ein junger Arzt, hat soeben sein Staatsexamen mit Erfolg bestanden. Er hat eine Freundin, der er versprochen hat, dass er sie heiraten werde. Vorher darf er als Belohnung eine Reise nach England machen, welche ihm die Eltern bezahlen.
Paul tritt die Reise an. Kaum ist das Flugzeug richtig aufgestiegen, meldet der Flugkapitän, dass ein Motor defekt ist und der andere nicht mehr zuverlässig arbeitet. Die Maschine sackt ab. Alle Sicherheitsvorkehrungen werden sofort getroffen Sauerstoffmasken, Schwimmwesten usw. werden verteilt. Zuerst haben die Passagiere geschrien, jetzt ist es totenstill. Das Flugzeug rast unendlich schnell zur Erde. Paul geht sein ganzes Leben durch den Kopf. Er weiß, jetzt ist alles zu Ende.
In dieser Situation denkt er an Gott und beginnt zu beten. Er verspricht - falls er gerettet würde - sein Leben ganz für die Menschen in der Dritten Welt einzusetzen und seine Freundin, die er sehr liebt, nicht zu heiraten, falls sie sein Engagement nicht mittragen will. Er verspricht, auf ein hohes Einkommen und Prestige in unserer Gesellschaft zu verzichten. Das Flugzeug zerschellt auf einem Acker - doch wie durch ein Wunder wird Paul gerettet!
Nach seiner Rückkehr wird ihm eine gute Stelle in einer Privatklinik angeboten. Er ist aus 90 Anwärtern aufgrund seiner Fähigkeiten ausgewählt worden. Paul erinnert sich jedoch an sein Versprechen, das er Gott gegeben hat. Er weiß nun nicht, wie er sich entscheiden soll.

Wie Paul sich wirklich verhalten hat, kann ich nicht sagen. Ich habe diese Geschichte in unserem Schulbuch gefunden. Es ist auch nicht entscheidend zu wissen, wie er sich verhalten hätte, weil diese Geschichte eigentlich uns fragen will: Wie würden wir uns entscheiden?
Würden wir das Versprechen selbstverständlich halten und alles aufgeben, weil uns ständig ein schlechtes Gewissen begleiten würde, das sich gerade immer dann meldet, wenn eine Sache für uns nicht gut läuft.
So denken Kinder bis ungefähr 8 Jahre über Gott. Sie halten Gott für einen großen Mann mit einem langen Bart, der auf den Wolken sitzt, alles sieht und nichts ohne seinen Willen geschieht. Und wenn man ihm etwas verspricht, dann muss man es auch halten.

Später - wenn Kinder älter werden, meinen sie, dass sie Gott beeinflussen könnten. Wenn ich ihm etwas verspreche und etwas Besonderes ihm anbiete, dann hat das vielleicht doch einen Einfluss auf seine Entscheidung. Selbst Erwachsene, wie Paul, meinen noch so. Er will auf Ansehen verzichten und in der dritten Welt arbeiten, wenn, ja wenn Gott sich beeinflussen ließe.
Viele bleiben auf diesen Stufen stehen und tragen als Erwachsene immer noch dieses Bild von Gott mit sich. Ich erschrecke immer, wenn heute jemand meint, dass er oder sie Gott durch Versprechen oder religiöse Höchstleistungen etwas anbieten müsste und dann enttäuscht ist, wenn diese eine Sache ganz anders ausgeht.
Deshalb verabschieden sich auch so viele von Gott und merken dabei, dass sie auch so ganz gut zurechtkommen und einen Gott, bei dem man immer im Ungewissen bleiben wird, gar nicht brauchen.

Das große Ziel der „christlichen religiösen Entwicklung“ ist, dahin zu kommen, dass wir Gott ganz fest an unserer Seite wissen. Egal, was ich geleistet habe. Egal, wie nachlässig ich in dieser einen Sache gewesen bin. Egal auch, ob ich Gott dieses oder jenes einmal versprochen oder mir vorgenommen habe.
Meister Eckhardt, der große Mystiker des 13. Jahrhunderts hat es damals schon so formuliert: „Der Mensch soll ich in keiner Weise je als fern von Gott ansehen, weder wegen eines Leidens noch wegen einer Schwäche noch wegen irgendetwas sonst … Gott geht nimmer in die Ferne, er bleibt beständig in der Nähe.“

Wer Gott an seiner Seite weiß, der kann auch bei allen Fragen, die einen gerade umtreiben, das erleben, worum es dem Jakobusbrief eigentlich geht. Dass Menschen heil werden.
Dieses Wort war für lange Zeit entwertet worden, aber so langsam gewinnen wir es wieder zurück (Werner Milstein).
„Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf mir, so ist mir geholfen“ (Jeremia 17,14)“, sagt der Wochenspruch für diesen Sonntag mit seiner beginnenden neuen Woche.
Heil ist mehr ist als die Wiedererlangung von Gesundheit. Auch mehr als aus dem Krankenhaus entlassen werden mit dem Befund, dass die Werte nun wieder halbwegs stimmen.
Heil werden heißt, Gott ganz fest an seiner Seite zu wissen, damit ich in Einklang komme, mit meinem Weg, mit meinen Grenzen, mit meiner abnehmenden Lebenskraft, mit meiner Krankheit, die sich nicht so einfach wegzaubern lässt und die mich vielleicht mein Leben lang begleiten wird.
Zum „Heil werden“ gehört auch, den eigenen Lebensweg annehmen können mit Dankbarkeit und dahinkommen, manches nicht gewünschte im Leben, das man sich nicht ausgesucht hat, im Nachhinein einfach so stehen lassen können.

Unserem Abschnitt aus dem Jakobusbrief mache ich den Vorwurf, dass er den Anschein erweckt, als ob Schuld und Krankheit immer noch in einem direkten Zusammenhang stehen und den Menschen im Ungewissen lassen, als habe er nicht genügend geglaubt und gebetet. Diese Vorstellung ist mit dem Heil, das Jesus gebracht hat, einfach nicht mehr aufrechtzuhalten. Wenn wir von ihm als dem Heiland sprechen, dann deshalb, weil er in diese Welt gekommen ist, um das Leben von Menschen, das kaputt gegangen oder verschüttet worden ist, wieder zum Vorschein bringen will. Nicht erst einst, sondern auch schon hier und jetzt.
Jemand, der das Gefühl hat, im Leben manches verpasst oder verbaut zu haben, darf wissen: Du bist bei Gott nicht auf das festgelegt, was dir verlorengegangen ist. Du kannst dein Leben immer wieder entdecken und gestalten.
Jemand der krank ist, darf wissen: Meine Krankheit kommt nicht von Gott, der damit eine alte Rechnung begleiten möchte. Und auch wenn manches in Zukunft anders sein oder im Ungewissen bleiben wird, kann ich mit meinem Leben in Einklang kommen. Und auch wenn es keine Antwort auf die Frage nach dem Warum gibt, kann „Heil werden“ bedeuten, dass man das Leben so beschließen kann, dass sich manche Kreise noch schließen. Vielleicht schaffe ich es einmal über das sprechen, was mir so zu schaffen macht. Vielleicht gehen mir manche Dinge auf, die ich bislang noch nicht verstanden habe. Oder vielleicht merke ich, wie gut es tut, wenn mir jemand viel Zeit schenkt.
Und Paul darf wissen: Gott will, dass ich mich nach bestem Wissen und Gewissen selbst entscheiden kann. Und ich kann dabei sicher sein: Egal, wie ich mich festgelegt habe, ich darf darauf bauen, dass seine Nähe mich weiterhin begleitet, weil jedes Gebet nicht aus Pflicht oder aus dem schlechten Gewissen heraus geschieht, sondern weil es einfach guttut und mich immer mehr gewiss macht, dass Gott nicht weg, sondern ganz nah bei mir ist.
Und der Friede Gottes, der weiter reicht als alle Vernunft, halte die Wacht über eure Herzen und Gedanken in Christus Jesus. Amen.

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk am 14.10.2012 in St. Nikolai, Marktbreit