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Jahreslosung 2015 - Nehmt einander an wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob

„Nehmt einander an,
wie Christus euch angenommen hat
zu Gottes Lob.“

 Wenn das so einfach wäre

Wenn das so einfach wäre. Einander annehmen. Sich ertragen. Mit jemandem auskommen, der ganz anders ist, als man selbst.

Viele leiden darunter, dass das so schwer ist, auch um Weihnachten. Ich kenne viele, die vorsichtig geworden sind, misstrauisch, weil sie erlebt haben: Ich habe mich in einem Menschen vollkommen getäuscht.

Und andere können davon erzählen, wie sehr ihnen andere Menschen zu schaffen machen, weil man es ihnen einfach nicht recht machen kann, weil sie immer was auszusetzen haben oder einen Grund finden, warum sie schlechte Laune haben.

Für viele ist das der alltägliche Wahnsinn: Ein kleinlicher Vermieter, der alles kontrolliert. Ein neugieriger Nachbar, dem nichts entgeht. Ein schlecht gelaunter Kollege am Arbeitsplatz, der zum Lachen - wenn überhaupt - in den Keller geht. Ein Bruder, der so ganz aus der Familie ausschert und alles anders regeln will. Und bestimmt kommen Ihnen noch manch andere Personen in den Sinn, bei denen Sie sagen: Den oder die annehmen, also wirklich nicht.

 Worum es geht

Um es gleich zu sagen: einander annehmen heißt nicht, alles hinnehmen oder zu allem Ja und Amen sagen, nur nichts kritisieren oder sich gar demütigen lassen. Das wäre eine völlig falsche Sicht des Bibelwortes, das der Apostel Paulus einmal an Christen in Rom geschrieben hat.

Worum es dann geht? Eine treffende Erklärung bietet das Bild des Künstlers Andreas Felger, der genau heute übrigens 80 Jahre alt wird

Sie haben bestimmt schon einige Blicke auf die Karte geworfen. Was ist Ihnen zuerst aufgefallen?

•         Die grüne Striche, die allesamt in einem weißen Kreis stehen?

•          Das sonnengelbe Kreuz, das sich vom dem blauen Hintergrund abhebt?

•         Oder einfach diese Worte der Jahreslosung, die wir uns nicht ausgesucht haben, sondern die uns mitgegeben werden wie eine Schatzkarte um mit ihr gute Erfahrungen, neue Entdeckungen zu machen?

Niemand lebt alleine für sich

Mir sind als erstes diese grünen Striche aufgefallen, die alle in einem großen weißen Kreis stehen. In Form oder Länge sind sie ganz unterschiedlich, aber alle stehen sie senkrecht da.

Diese grünen Striche sind wir. Sie und ich. Andreas Felger hat sie abstrakt gezeichnet, weil er ganz allgemein darlegt: Schaut her! Das ist möglich, wenn Menschen es schaffen einander anzunehmen. Dann stehen sie beisammen, sind einander zugewandt, sprechen miteinander. Keiner steht abseits. Keine ist alleine. Niemand steht über den anderen.

 Der alttestamentliche Hintergrund

Es ist bei diesem Bild entscheidend, dass alle Figuren diese längliche, gerade Form haben. Für Andreas Felger gibt es bei seiner Darlegung der Jahreslosung übrigens einen alttestamentlichen Hintergrund. Es ist das Bibelwort aus dem Buch des Propheten Jesaja, in dem es heißt: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen.“ Der Prophet hat damit eine Person gemeint, die im Namen Gottes kommen und die Menschen aufrichten wird.

Die ersten Christen haben diese Verheißung mit Jesus als erfüllt gesehen. Denn - so ihre Meinung - wie niemand anderes hat es Jesus geschafft, dass Menschen aufrecht gehen können und nicht krumm oder gebückt, dass man meint, sie würden unter dem, was sie zu tragen haben, einknicken. Keine Krankheiten, keine Schuld, keine Verhältnisse sollen den Menschen so bedrücken, dass man meint, man würde unter allen Lasten zerbrechen.

 Das Ziel: Aufrecht gehen können

Mit der Art und Weise, wie sich Jesus den Menschen zugewandt, sie geheilt, ihnen Lebensfreude wiedergebracht, neuen Mut mitgegeben hat, ist diese Verheißung von dem „geknickten Rohr“, das „nicht zerbrechen“ wird, in Erfüllung gegangen.

Das gehört für mich zu den entscheidenden Inhalten meines Glaubens, dass Jesus den Menschen dazu verholfen hat: eine Würde zu besitzen, keine Angst mehr zu haben, weder vor Gott, irgendwelchen Mächten und schon gar nicht vor anderen Menschen, und sie deshalb aufrecht gehen können.

Die Jahreslosung sagt mir: Was auch immer dieses neue Jahr bringen mag,

•         ob Sie sich jetzt schon auf ein bestimmtes Ereignis wie einen runden Geburtstag oder eine Konfirmation freuen

•         oder ob sie schon ahnen, dass auch dunkle Wolken aufziehen können,

wir dürfen aufrecht hineingehen, brauchen uns auch nicht verbiegen lassen. Weil das für uns gilt: „Wie Christus euch angenommen hat.“ Dafür steht das Kreuz. Sonnengelb, lebensfroh, reich an Entdeckungen.

 Auch andere dürfen aufrecht gehen

Jetzt könnten wir eigentlich nach Hause gehen, weil alles so schön wäre und wir alle mit viel Mut aufrecht  in dieses neue Kalenderjahr hineingehen und vertrauensvoll erwarten könnten, was kommen wird.

Wären nur nicht die anderen grünen Striche da. Die Jahreslosung und die Bildkarte sagen: Du bist nicht alleine! Andere sind auch noch da! Sie stehen auch in dem hellen Lichtschein. Haben auch eine Würde. Wollen auch aufrecht gehen können. Das macht die Sache schwierig.

 Unsere Aufgabe für 2015: Eine Beziehungsarbeit, die manchmal auch anstrengend sein kann

Die Jahreslosung ruft uns zu einer aktiven und vielleicht auch anstrengenden Beziehungsarbeit auf. Weil du angenommen bist, kannst du auch  andere annehmen.

Nochmal: Paulus geht es nicht darum, dass die einen immer alles bestimmen und die anderen immer alles schlucken, alles über sich ergehen lassen, den Launen der anderen ausgesetzt sind. Paulus ist der Meinung, dass Christen miteinander so umgehen können, wie sie es von Jesus, dem Urgrund ihres Glaubens, selbst gesehen haben. Es muss doch möglich sein, dass Menschen, die sich auf seinen Namen berufen

•         sich auf gleicher Augenhöhe begegnen,

•         würdevoll gegenübertreten, ohne dass nach zwei Minuten die Türen knallen oder Ausdrücke fallen

•         und aufrecht nach einer umstrittenen Aussprache auseinandergehen können.

Genau dafür gibt es Kirche: Ganz unterschiedliche Menschen schaffen es, zusammenzukommen, sich einzubringen, nach Lösungen zu suchen, einander zu helfen, sich gegenseitig aufbauen. Warum? Weil sie davon wissen, was der Apostel Paulus mit der Jahreslosung umschrieben hat.

Peinlich ist es für Kirche immer, wenn sie sich in Rechthaberei verzettelt oder an Etiketten festhält, die längst keine Traditionen mehr sind.

Gottesdienste kann man auch zu Hause im warmen Wohnzimmer am Fernseher oder am Radio mitfeiern. Man kann sich auch theologische Inhalte oder Glaubensinformationen aus dem Internet holen. Aber erleben wie ist, wenn eine Gemeinschaft trägt, wie gut es tut, wenn man etwas geben oder helfen kann und gleichzeitig erfährt, dass man dadurch auch selbst viel zurückbekommt, dafür stehen Kirchengemeinden.

Das ist der große Traum Gottes, dass viele unterschiedliche Menschen sich aufrecht begegnen können, mit viel Würde und Achtung voreinander und einander helfen, das Leben zu bestehen. Und wo das geschieht, wird die Welt hell, wie auf dieser Bildkarte. Und vielleicht stehen nicht auch umsonst die ersten drei Worte der Jahreslosung in einem helleren Blau.

Diese Beziehungsarbeit nimmt uns niemand ab: Wer ist diese Person eigentlich neben mir? Kenne ich sie? Weiß ich, was sie gerade beschäftigt?

Oder: Rede ich eigentlich immer nur von mir? Was habe ich nach einem Gespräch von der anderen Person erfahren? Von ihr wahrgenommen?

Und welche Kraft geht von mir aus?

Denn dafür steht und fällt auch die Glaubwürdigkeit unserer Religion. Schaffen wir es andere anzunehmen, aufzunehmen? Flüchtlinge, Neubürger und die, die immer am Rand stehen und nicht gefragt werden.

Eine Gemeinschaft, die trägt

Ich finde es immer schade, wenn sich Menschen zurückziehen und am liebsten alleine ihr Leben verbringen wollen und gar keine anderen Personen um sich herum brauchen.

Auch wenn manche sagen, dass sie schon so oft getäuscht worden sind und deshalb mit anderen nichts mehr zu tun haben wollen.

Oder wenn einige nie gelernt haben, sich mit anderen auseinanderzusetzen. Immer wieder und wieder.

Auch deshalb führen wir in diesem Jahr, im Juli, eine Familienwochenende auf dem Schwanberg durch und im August eine Jugendfreizeit auf der Insel Sylt. Wir möchten gerne weitergeben: Es ist ein großer Schatz von uns, dass wir eine Gemeinschaft anbieten können, in der sich alle wohlfühlen und gerne kommen.

 

Der Ausblick

Es ist nicht schlimm, dass Kirchenmitglieder, dass Christen, immer weniger werden. Schlimm ist nur, wenn von uns keine Hoffnung ausgehen würde, und keine Freude, kein Gemeinschaftssinn.

Auch deshalb kommen wir nach dem Gottesdienst zu einem kleinen Sektempfang zusammen, weil wir uns nicht nur gerne ein gesegnetes neues Jahr wünschen wollen, sondern auch voneinander wissen möchten und deutlich machen: Wir sind eine Kirchengemeinde, in der wir aufrecht gehen können und dies anderen auch gestatten.

Und die Möglichkeiten Gottes, die immer größer und weiter ist, als die Aussichten, die wir gerade vor uns haben, mögen uns auf unserem Weg wieder ein Stück weiterbringen. Amen.

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk

Römer 15,7 (Jahreslosung 2015) „Nehmt einander an wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“

Gehalten in St.Nikolai, Marktbreit an Neujahr, 01.01.2015