Predigtansicht

Hebräer 13,9 - Ein festes Herz bekommen

Predigt zur Jubelkonfirmation in St. Nikolai, Marktbreit am 10. Juni 2018

2.Sonntag nach Trinitatis - 10.06.2018 - St. Nikolai / Marktbreit:

 

Liebe Jubilarinnen und Jubilare!

Jubelkonfirmation feiern ist immer auch eine Begegnung mit der eigenen Vergangenheit. Mit Erinnerungen an früher. An die eigene Jugend. An den Tag der Konfirmation und an all die Aufregung, die damit verbunden war. An den ersten dunklen Anzug, das erste Kleid. An den alten Bildern kann man erkennen, dass diese Kleidung für viele Beteiligte noch ungewohnt ist.

Sie, die Eisernen, Diamanten und Goldenen Konfirmanden noch alle in Schwarz.

Erst bei den Silbernen Konfirmanden gibt es die ersten dezenten Farbtupfer, ein blau-es Jackett oder einen beigen Blazer. Aus dem gebunden Haarreif ist ein weißer Spitzenkragen geworden.

Erinnern Sie sich noch an den Gottesdienst damals? Welche Lieder gesungen worden sind? Welche Gedanken ihnen durch den Kopf gegangen sind, als Sie zum ersten Mal das Abendmahl empfangen haben? Und erinnern Sie sich an den Inhalt der Predigt damals und damit an das, was der Pfarrer Ihnen mitgeben wollte? Und kennen Sie Ihren Konfirmationsspruch noch?

Wenn nicht, macht das nichts. Ich gebe heute Ihnen allen einen gemeinsamen Vers mit auf Ihre unterschiedlichen Lebenswege. Er lautet:

„Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde,

was durch Gnade geschieht" (Hebräer 13,9).

 

Um ein festes Herz geht es in diesem Bibelwort. Und wir alle schauen mit Ihnen, was Ihr Herz bewegt hat.

Als Sie, liebe Silberne vor 25 Jahre konfirmiert worden sind, ist Bill Clinton gerade eben US-Präsident geworden und Werder Bremen wird wenige Wochen später deutscher Fußballmeister. Whitney Houston ist mit ihrem tollen Lied „I Will Always Love You“ wochenlang auf Platz 1 der Charts und der Film über die Wiederbelebung der Dinosaurier „Jurassic Park“ ist der meist gesehene des Jahres 1993 gewesen. Ein spannender Film, der anschaulich gemacht hat, in welche Abenteuer man doch kommen kann.

Bestimmt haben Sie damals noch gar nicht geahnt, wie aufregend das Leben werden und wie schnell das Herz rasen kann.

 

Sie, die Goldenen Konfirmanden, sind in dem Jahr konfirmiert worden, das man mit der „68er Bewegung“ in Verbindung bringt. 1968 ist das Jahr der Bürgerrechts- und Studentenbewegungen nicht nur in Deutschland gewesen. In den USA war es das Aufbegehren gegen den Vietnamkrieg und das Eintreten für die Rechte der schwarzen Bevölkerung, angeführt vom Baptistenprediger Martin Luther King, der am 4. April in Memphis Opfer eines Attentats wurde und starb. In der Bundesrepublik Deutschland protestierten Studenten damals gegen die Notstandsgesetze und in Marktbreit hat man von all dem kaum was mitbekommen.

Vielleicht haben Sie erst später gemerkt, dass man auch mal protestieren muss, weil niemand einem was schenkt und dass man die eigene Stimme erheben oder zumindest seine Meinung deutlich äußern muss. Und vielleicht mussten Sie dabei auch Acht geben, dass das Herz fest und stark bleibt und man nicht dahin kommt, innerlich enttäuscht zu sein.

 

Sie, liebe Diamantene Konfirmanden, haben in Ihrem Konfirmationsjahr 1958 viel-leicht einen Hula-Hoop-Reifen geschenkt bekommen, der zum Verkaufsschlager dieses Jahres wurde und damals zum ersten Mal so was wie eine erste, kleine Fitness-welle eingeleitet hat.

Fußball Weltmeister wurde damals Brasilien. Im Sommer rollen Isettas und Käfer über die Alpen nach Italien. Und 200.000 Menschen haben der damaligen DDR den Rücken gekehrt, so viele wie Jahr für Jahr aus der Evangelischen Kirche austreten.

Manche aus Ihrem Jahrgang haben auch schon der Kirche den Rücken gekehrt. So manch jemand hat mir erzählt, dass der Konfirmandenunterricht und der damit vermittelte Glaube an Gott das Herz nicht erreichen konnte.

 

Noch einmal fünf Jahre zurück: 1953 war das Jahr, in dem Konrad Adenauer Bundeskanzler war, der durchschnittliche Monatslohn betrug 157,00 DM / Monat und der Liter Bier 1,20 DM. Am 2. Juni wurde Königin Elisabeth II. feierlich gekrönt und zwei Wochen später der Aufstand am 17. Juni deutlich machte, dass das Volk in der DDR seinen neuen, streng sowjetisierten Staat ablehnte.

Und Sie waren froh, dass das Herz nach den Kriegs- und Nachkriegsjahren langsam fester wurde, weil man sich ganz allmählich dieses und jenes leisten konnte.

 

So vieles hat Ihr Herz in all den Jahren und Jahrzehnten erlebt und erfahren.

Es schlagen ja immer zwei Herzen in unserer Brust.

Das eine ist das Herz, das glücklich ist, jubelt und sich über so vieles freuen kann.

Als Sie zum ersten Mal so richtig so richtig verliebt waren!

Als so viele Glückwünsche zum runden Geburtstag gekommen sind!

Oder als es mit der Beförderung geklappt hat!

Das andere ist das Herz, das sich Gedanken macht, das uns unruhig und ängstlich werden lässt.

Als die Krankheit nicht vorbeigegangen ist und alle sich schon Gedanken gemacht haben.

Als es mit der Ehe, mit der Partnerschaft Aus und Vorbei war und die einmal große Liebe erkaltet ist.

Als der Zeitpunkt da war, an dem man völlig überfordert war und gedacht hat: „Das schaffe ich nicht mehr. Ich komme nicht mehr dahin, was ich mir doch einmal so fest vorgenommen habe.“

 

Welche Herz hat bei Ihnen in all den Jahren die Oberhand behalten - das frohe, unbeschwerte und leichte oder das zaghafte und sich zersorgende? Sie wissen es für sich selbst am besten.

Wie auch immer, am heutigen Tag geht es auch um die Frage ob ihr Herz auch fest geworden ist?

Der Verfasser des Hebräerbriefes beschreibt es als ein „köstliches Ding“, wenn das Herz fest wird. Und er meint nicht die Erlebnisse, die unser Herz haben hart und kalt werden lassen. Das kann es ja auch im Leben geben, dass man sich oft enttäuscht vorkommt oder das Gefühl nicht los wird, im Leben immer mehr zu geben als zu bekommen. Dann zieht man sich innerlich zurück, schottet sich vor der Welt ab, lässt keine Gefühle mehr zu und merkt zu spät, dass man auch nicht mehr trösten und, nicht mehr Anteil am Geschick der Kinder nehmen kann, weil das eigene Herz wie fest verschlossen worden ist.

Ein „festes Herz“ ist ein Herz, das wie ein Schiff auf hoher See mit den Wellen mitgleitet, bei allem Auf und Ab nicht untergeht und auch bei schwerem Seegang wieder nach oben kommt. Ein festes Herz weiß sich - um bei dem Bild mit dem Schiff zu bleiben - getragen. Von Gott. Ein festes Herz weiß: Gott ist bei mir. Er lässt mich nicht untergehen, auch wenn ich gerade eine Zeit durchlebe, die ich mir nicht ausgesucht habe.

 

Darauf kommt es doch im Leben an: ob unser Herz schon fest geworden ist.

Fest genug, um die Herausforderungen des Lebens anzunehmen.

Fest genug, dass es sich immer wieder lösen kann von dem, was uns so vertraut ist und dabei erlebt, dass sich auch wieder neue Wege auftun.

Fest genug, um sich allen Lebensmut nicht nehmen zu lassen, nur weil dieses oder jenes Unvorhergesehene passiert ist.

 

Immer wenn wir erleben, dass das Herz fest wird, dann ist es ein „köstlich Ding“, etwas Kostbares und Wertvolles, weil wir dann spüren, dass wir etwas geschafft haben oder etwas einfach abschließen konnten.

Und wenn wir genau hinsehen, dann geht uns auch auf, dass es längst nicht immer unser Verdienst und der Lohn unserer eigenen Anstrengungen gewesen ist.

Wie sind manche Ängste dann doch auf einmal gewichen wie bei einem Luftballon, dem die Luft ausgeht.

Wie haben sich manche Sorgen mit einem Mal zerschlagen und was haben wir uns einen Kopf gemacht?

Und so manche Befürchtung hat sich auch als überflüssig erweisen. Das ist wie Befreiung.

 

Deshalb hat die heutige Tageslosung noch diesen Nachsatz mit der Gnade.

„Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde,

was durch Gnade geschieht" (Hebräer 13,9).

Auch darum feiern wir heute - egal wie viele Jahre wir zurückblicken - Jubelkonfirmation und danken für alle Gnade, die dabei gewesen ist und werden eingeladen mitzusprechen: „Danke, Gott, du hast mir so oft schon mein Herz fest werden lassen und ich habe es nicht immer gleich gemerkt oder habe es für ganz selbstverständlich gehalten, wenn ich gut durchgekommen bin. Und ich möchte auch weiterhin darauf vertrauen, dass mein Herz, das manchmal so schnell unruhig werden kann, bei dir geborgen ist.“

 

Sie, deren Konfirmation 25 Jahre zurückliegt, spüren - wenn man an die 40 anklopft -, wie viel Glück auch dazugehört, um einigermaßen klarzukommen und wie alles Wesentliche Gnade ist, ein Geschenk, das wir nicht mit unserer Leistung verdient haben. Und Sie können deshalb mit viel Vertrauen in die zweite Lebenshälfte aufbrechen.

Sie, deren Konfirmation 50 Jahre zurückliegt, müssen nicht mehr allem Möglichen hinterher jagen. Sie müssen auch nicht mehr alles haben und kaufen wollen. Sie haben es genug erlebt: Materielle Dinge und Konsumieren machen das Herz nicht fest.

Und Sie, deren Konfirmation 60 Jahre und länger zurückliegt, müssen nicht mehr befürchten, etwas zu verpassen und jedem Trend nachzujagen. Sie können auf so manches verzichten, was Sie innerlich nicht reicher macht. Dafür können Sie sich eine gesunde Neugier und eine Begeisterung auf ihr Leben bewahren, jeden Tag als ein Geschenk sehen mit vielen Möglichkeiten und mit ihrer Lebenserfahrung anderen et-was weitergeben

 

Wir alle können - egal wie alt wir sind - unserem Leben nicht mehr Jahre, aber unseren Jahren, die Gott uns schenkt, mehr Leben geben. Und wir werden alle erfahren, wie dankbar uns das macht. So wie heute bei unserem Rückblick. Und alle Dankbarkeit nehmen wir mit für alles, was kommt. Damit das Herz fest wird und bleibt. Das ist wirklich ein köstlich Ding, ein wertvolles Gut.

Und die Möglichkeiten Gottes, die immer größer und weiter ist, als die Aussichten, die wir gerade vor uns haben, mögen uns auf unserem Weg wieder ein Stück weiterbringen. Amen.

 

 

 

 

 

 

Die Anregung zu dieser Predigt verdanke ich Gedanken von Helge Adolphsen, langjähriger Hauptpastor an St. Michaelis in Hamburg, der in der Pastoralblättern einmal eine Predigt zum Symbol des „festen Herzens“ geschrieben hat. Leider sind mir Ort und Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht mehr bekannt.