Predigtansicht

Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28) - Jahreslosung für das Jahr 2014

Liebe Gemeinde,
„ob dieses Jahr ein glückliches Jahr werden wird?“ So haben wir es uns ja gegenseitig gewünscht. Und manche haben sich in der Neujahrsnacht selbst gefragt.
Heute Abend kann noch niemand abschätzen, was alles passieren wird und ob die Wege, die vor uns liegen, solche sind, die wir gerne gehen werden. Auch wenn Sie schon manche wichtige Termine in ihrem Kalender stehen haben, so kann heute keiner sagen, ob Sie damit glückliche Momente verbinden werden.
Ob dieses Jahr ein glückliches werden wird, hängt auch davon ab, was wir unter Glück verstehen. Denn gerade diese Frage: „Wie werde ich glücklich?“ ist ja zu einem der zentralen Themen der modernen Ratgeberliteratur geworden. Wie werde ich glücklich in meinem Beruf, den ich so nicht mehr wählen würde, den ich aber noch bis zu meiner Pensionierung ausüben muss? Wie werde ich glücklich in einem Leben, das schon viele Weichenstellungen erlebt hat, die nicht mehr rückgängig zu machen sind? Wie werde ich glücklich mit meinem nicht mehr jungen Körper, mit meinen kleiner werdenden Hoffnungen, mit meinen durchschnittlichen Begabungen?

Der Philosoph Wilhelm Schmid hat im Jahr 2006 ein interessantes Buch herausgebracht. Es lautet: „Glück. Alles, was sie darüber wissen müssen und warum es nicht das wichtigste im Leben ist.“
Darin prangert er an, dass genau diese Fragen: „Bin ich glücklich?“ oder „Wie werde ich glücklich?“ das Denken vieler Menschen so sehr beherrschen. Seine. Eine regelrechte Glückshysterie ist seiner Meinung nach ausgebrochen. Seine Frage: Könnte es sein, dass Menschen sich deshalb unglücklich fühlen, nur weil sie glauben, immer glücklich sein zu müssen? Und dass die Unglücklichen sich jetzt erst recht ausgeschlossen fühlen? Was passiert eigentlich mit den Menschen, die unglücklich sind und die mitbekommen, dass die ganze Gesellschaft nur noch über Glück diskutiert? (Essay Radio Bremen: Wenn Menschen unglücklich sind, von Wilhelm Schmid).

Und jetzt verheißt uns auch noch die Jahreslosung “Glück“, indem sie uns verkündet: „Gott nahe zu sein ist mein Glück“.
Für mich selbst ist es völlig neu gewesen, dass „Glück“ mit „Gott“ in Verbindung gebracht wird. Ich habe deshalb nachgeschaut. Das Wort Glück gibt es in der hebräischen Bibel gar nicht.
Einzelne Einträge, die auch in unserer Übersetzung nach Martin Luther mit Glück übersetzt werden, gehen auf ganz unterschiedliche hebräische Worte zurück. Wenn es im 122. Psalm zum Beispiel heißt: „Wünschet Jerusalem Glück!“ dann ist mit Glück „Frieden“, „Schalom“ gemeint.

Von daher bin ich neugierig geworden, welches Wort in der Jahreslosung, die Jahr für Jahr ein ökumenischer Rat vergibt, ursprünglich für „Glück“ gestanden ist. Der Wortlaut ist in diesem Jahr übrigens aus der „Einheitsübersetzung“ entnommen. Das ist die deutsche Bibelübersetzung für den liturgischen Gebrauch im römisch-katholischen Gottesdienst.
Im Hebräischen steht für das mit Glück übersetzte Wort „gut“. Gemeint ist: „Gut ist die Nähe zu Gott.“ Die Übersetzung von Martin Luther hat übrigens auf das Wort „Glück“ verzichtet: Bei ihm heißt es: „Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte“(Psalm 73,28a).

Aber heute geht es um die Jahreslosung und um die Frage, welche Bedeutung das Wort „Glück“ darin haben kann. Und es ist gar nicht so einfach, diese neue Jahreslosung mit dieser Thematik zu vereinbaren. Vor allem dann, wenn man sich einmal den gesamten 73. Psalm durchliest.
In meiner Bibel ist er mit dieser Überschrift betitelt: „Anfechtung und Trost beim Glück des Gottlosen!“
Sie haben richtig gehört. Während gerade die glücklich sind, die nicht nach Gott fragen und mit allen Gütern des Glücks wie Gesundheit, Erfolg, Reichtum, öffentlichem Ansehen, gesellschaftlichem Einfluss überhäuft sind, erlebt die Person, die diesen Psalm betet, offensichtlich das Gegenteil. Sie ist arm dran, krank, versteht die Welt nicht mehr, ist zutiefst unglücklich, leidet sehr an ihrer Situation und klagt: „Warum geht es den Ungerechten so gut und denen, die sich immer so bemühen, gerade nicht? Weshalb ist  das so?“ Und während diese Person so Gott ihr Leid klagt, merkt sie, dass das einzige ist, was sie aufrechthält, das ist: Das Wissen um die Nähe Gottes. Und diese Nähe tut gut. „Gut ist die Nähe zu Gott.“ Und sie betet diese Worte:
„Dennoch bleibe ich stets an dir
denn du hältst mich bei meiner rechten Hand,
du leitest mich nach deinem Rat
und nimmst mich am Ende mit Ehren an.
Wenn ich nur dich habe,
so frage ich nichts nach Himmel und Erde.
Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet,
so bist du doch, Gott,
allezeit meines Herzens Trost und mein Teil“ (Psalm 73,23-26).
So heißt die bekannte Übersetzung des 73.Psalms aus der Übersetzung nach Martin Luther. Trotz aller ungerechten Erfahrungen, trotz aller Erlebnisse, die schlimm und bitter gewesen sind, bleibt die Person bei Gott. Und findet ein anderes Glück. Das Glück, dass Gott nahe ist. Und diese Nähe tut gut. Trotz allem, was passiert ist.

Dieses außergewöhnliche und starke Bekenntnis kann man nur für sich sagen. Ob wir es auch für uns sagen können? Gott nahe zu sein ist mein Glück gewesen? Damals, als es schlimm gewesen ist? Als es ganz anders gekommen ist, als ich es mir je ausgedacht habe?
Auf alle Fälle will uns die Jahreslosung zu einer solchen Sichtweise helfen, mit der wir die beiden gegensätzlich scheinenden Begriffe „Glück“ und „Gott“ näher zusammenrücken können.
Sie haben dazu eine Zeichnung von Andreas Felger vor sich, der heute am Neujahrstag 79 Jahre alt wird.

• Sie haben bestimmt schon einiges auf dem Bild entdeckt. Vielleicht auch die leuchtenden Farben des Regenbogens, die sich von der unteren rechten Seite in das Bild hineinziehen und sich mit dem Grün verbinden.
Der Regenbogen ist ein Zeichen für den Bund Gottes mit seiner Schöpfung. Das Grün steht für alles, was wächst, nicht nur auf der Erde, auch bei uns im Leben. Diese Zusage, die einst an Noah ergangen ist: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ (1.Mose 8,22) gilt mir.
Zugleich ein erster Hinweis für das, was Glück bedeutet: Zum Glück all das gehört, was wächst, was auf einmal da ist, was mir immer wieder geschenkt wird: Mein tägliches Brot - das saubere Wasser aus der Leitung - mein Dach über dem Kopf - mein immer wieder auf die Beine kommen - das Verständnis anderer für mich.

• Die Zeichnung von Andreas Felger zeigt mir auch: Es ist Gottes großer Wunsch, dass wir glücklich sind und immer wieder Glücksmomente erleben, wie oben rechts mit den Punkten angedeutet.
Wie eine Strichliste schauen Sie aus. Sie laden uns ein, in diesem Jahr immer wieder eine eigene Liste anzulegen. Was sind für mich glückliche Momente gewesen? Ein richtig gutes und offenes Gespräch mit einem Freund - eine Zeit, an der man völlig unbeschwert in den Tag hineinleben konnte - eine bestandene Prüfung - das erste Mal so richtig verliebt gewesen - ein gewonnenes Fußballspiel - die Versöhnung nach einem heftigen Streit - ein warmer Frühlingstag an dem sich die Steine bei uns wieder warm anfühlen.

• Diese Glückspunkte befinden sich im oberen Teil des Bildes, dort wo sich das goldene Licht des Himmels mit den bunten Farben des Regenbogens verbindet. Und in der Mitte bricht sich eine helle Bahn bis ganz nach unten.
Auch wenn schon der alttestamentliche Psalm sagt: Du kannst dich darauf verlassen, dass Gott dir nahe bleibt, so deutet der Künstler diesen Vers vom Neuen Testament her. Mit dieser Bahn, die bis ganz nach unten geht, macht er noch einmal deutlich: Christus, dafür steht diese Farbe, ist der Bürge dafür, dass Gott uns nahe bleibt. Und seine Nähe bewirkt, dass manches in einem anderen Licht erscheinen kann.
Auch dafür kann die weiße Bahn stehen. Das, was mich glücklich macht, kann ich vielleicht erst dann erkennen, wenn ich weiß, dass Gott mir wirklich nahe ist und sich nicht davon macht, wenn es eng wird.
Dann kann es auch sein, dass jemand sagen kann: „Ich bin mit weniger im Leben glücklich.“ Oder: „Seid ich viel gelassener bin, bin ich zufriedener.“ Überlegen Sie das Ihre hinzu und deuten Sie Ihre eigene Meinung hinzu.
Auf alle Fälle gehört für mich der Dank zu den glücklichsten Momenten im Leben. Wenn ich merke, was ich alles anderen verdanke, wird mir klar, wieviel mir geschenkt ist. Einfach so. Ohne, dass ich etwas dazugetan habe: Das mannigfaltige Obst- und Gemüseangebot, das gerade bei uns im Maintal so vielfältig wächst. Ein bunter Blumenstrauß. Auch das Lesen der Zeitung, die jeden Tag andere für mich zusammenstellen. Ein bewegendes Konzert. Ein Gottesdienst, der mich aufbaut und mich wieder durch eine Woche trägt.

Mir gefällt an dieser Jahreslosung, dass sie das „Glück“, das wir uns alle immer wieder wünschen und dem so viele hinterherjagen, nicht als etwas Egoistisches oder Banales abtut, das mit christlichem Glauben nichts zu tun haben dürfe.
Allerdings versteht die Jahreslosung unter Glück etwas anderes als die, die meinen, dass Glück machbar sei oder dass man dem Glück auf die Sprünge helfen kann, wenn man zum Beispiel ein Hufeisen an das Auto hängt, nur mit einem Glückspfennig aus dem Haus geht oder sich Glücksklee zum neuen Jahr kauft.
Die Jahreslosung führt uns auf einen Weg zum Glück. Dieser Weg zum Glück führt dahin, wo ich mir der Nähe Gottes gewiss sein darf, die mir den Blick für so vieles öffnet. Das Gute an ihr ist: Auf diese Nähe ist Verlass. Mit ihr kann ich zuversichtlich in das neue Jahr hineingehen und gespannt sein, wo das Glück überall auf mich wartet.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alles Streben nach Glück, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk mit Auslegung der Jahreslosung 2104, Neujahr 01.01.2014 in St. Nikolai, Marktbreit

Literaturhinweise:
· Als Vorlage für die Betrachtung zum Bildmotiv von Andreas Felger „Gott nahe zu sein ist mein Glück“ habe ich eine Auslegung von Nikolaus Schneider verwendet.
· Die Gedanken des Philosophen Wilhelm Schmid habe ich einem Essay von Radio Bremen Essay mit dem Titel „Wenn Menschen unglücklich sind“ von Wilhelm Schmid verwendet.
· Die theologischen Grundlagen zu Psalm 73,28 verdanke ich einer Auslegung von Ralf Meister, in: Göttinger Predigtmediationen, 68/1, VI/1, S.70-75