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Gott kommt „still und unerkannt“ Jesaja 63,15-16.19b - 2. Advent

Liebe Gemeinde,

stellen Sie sich vor, sie würden hier in Marktbreit oben auf einem hohen Berg wohnen, noch höher als die Kappel oder der Ohrenberg und hätten einen herrlichen Ausblick über die Stadt.

Sie würden dort in einer herrlichen Wohnung leben und könnten die Aussicht über das schöne Tal genießen - die Schiffe betrachten, die am Main kommen und gehen - sich an der aufgehenden Dezembersonne erfreuen, wenn sie sich zwischen dicken Wolkenmassen hervorschiebt und zum Vorschein kommt - oder einfach die Ruhe genießen, die Sie dort oben, weitab von den engen Gassen der Stadt, vorfinden.

Aber die Wohnung, in der Sie dort oben wohnen, hat einen Haken. Sie ist eine Art Dienstwohnung, ein Bürgermeisterwohnsitz und die Person, die dort wohnt - also Sie - müssen sich um die Menschen kümmern, die unten im Ort wohnen. Und die Menschen machen ihnen Sorge. Manchmal mehr, manchmal weniger.

Einerseits brauchen sie Ihre Hilfe, wenn sie nicht zurechtkommen. Dann rufen Sie gleich bei Ihnen an oder mailen und am liebsten sollen Sie sofort alle Probleme lösen. Von jetzt auf gleich.

Aber dann, wenn alles wieder gut ist, brauchen Sie nicht zu denken, dass jetzt alle Ihnen auf ewig dankbar und in besonderer Weise verbunden sind. Nein. ist die Zahl derer, die Ihnen danken, ist gering. Die anderen haben schnell wieder vergessen, dass man Sie gerufen hat. War das was?

Die Menschen sind bald wieder der Meinung, dass sie alleine zurechtkommen, vor allem im Sommer, wenn alle in ihren Gärten sind und am Wochenende auf ihren Weinfesten.

Kurz: Es könnte alles so schön und so wunderbar und so friedlich sein, wenn da unten nur nicht diese Menschen wären, die Sie einfach nicht verstehen und über die Sie manchmal nur den Kopf schütteln können.

 

Der eine da oben und die anderen da unten

Um dieses Bild geht es im heutigen Schriftwort. Einer ist da oben und schaut herunter. Und unten sind die anderen. Manchmal kommen die da unten überhaupt nicht klar. Dann klagen sie und wissen nicht weiter. Und dann wieder ist alles gut und sie haben den da oben vergessen.

Allerdings: der da oben ist kein Bürgermeister oder Gemeindevorsteher, sondern Gott. Mit der herrlichen Wohnung ist der Himmel gemeint. Und unten, die Stadtbewohner, das sind wir Menschen.

Eines noch: Nachdem Sie sich gerade überlegt haben, wie es Ihnen da oben mit denen da unten gehen würde, so wechseln wir jetzt die Seite und versetzen uns in die Lage von den Menschen. Als es einmal wieder ganz arg war, haben die da unten zu ihm da oben folgendes gerufen. Es steht im Buch des Propheten Jesaja im 63. Kapitel, in den Versen 15-16 und 19b:

15 „So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.

16 Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; ?Unser Erlöser?, das ist von alters her dein Name.

19b Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen.“

 

Schau doch vom Himmel herab

Die Lage bei den Menschen da unten ist eindeutig. Sie kommen nicht klar. Sie brauchen den da oben. Sie bestürmen Gott. Sie klagen ihm ihr Leid. Sie sind weit weg von ihrer Heimat ins ferne Babylon verschleppt worden. Alles ist so anders geworden im Leben. Alles kostet so viel Kraft. Und die Zeit hat sich nun schon so lange hingezogen, ohne dass sich etwas an ihrer Lage geändert hätte.

Sie rufen und klagen: „Schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht?“ (V.15a).

Das halte ich für eine schöne Umschreibung dafür, dass es Gott doch nicht gleichgültig sein kann, wie es den Menschen geht und dass er doch ein Interesse haben müsste, dass es ihnen da unten gut geht. Aber es scheint, als ob Gott in seiner „heiligen, herrlichen Wohnung“ alle Fensterläden heruntergezogen und sich drinnen zurückgezogen hat, nichts mehr hören und sehen will.

 

Was erwarten wir von Gott?

Was sich die Menschen in solcher Situation von Gott erwarten?

Wenn man weit weg von der Heimat ist und sich fragt, was das Leben noch für einen Sinn hat? Wenn man alle gewohnten Abläufe hinter sich lassen musste oder wenn man mittlerweile zu alt oder zu müde geworden ist, den weiten Weg nach Hause auf sich zu nehmen?

Was kann man von Gott erwarten, wenn man alleine zu Hause sitzt, die Kinder alle weit weg und man nicht mehr wie früher einfach mal so sagen kann: „Jetzt unternehme ich das.“ Oder: „Heute fahre ich dorthin.“ Oder: „Jetzt kaufe ich mir einfach was Schönes.“

Was kann man von Gott erwarten, wenn eine Nachricht vom Arzt alles Bisherige im Leben völlig auf den Kopf stellt, wo man doch eigentlich dachte, dass man gut durchs Leben kommt und die Sache mit den Krankenhausgeschichten immer nur die anderen betrifft?

Was kann man von Gott erwarten, wenn man merkt, dass die Demokratie, in der man sich bisher so sicher gefühlt hat, in Gefahr ist, weil es einerseits keine klaren Mehrheiten mehr im Bundestag gibt, weil die einen nicht mit den anderen regieren wollen oder können, aber auch weil viele Bürgerinnen und Bürger nicht begreifen: „Unsere vertraute, rechtsstaatliche Demokratie ist nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Und sie muss verteidigt werden, gegen autoritäre, rechtspopulistische Angriffe!“ (Wolfgang Thierse).

 

„O Heiland, reiß die Himmel auf!“

Da kann man eigentlich nur noch rufen, wie es der Jesuitenpater Friedrich von Spee vor 400 Jahren gedichtet hat. „O Heiland, reiß die Himmel auf!“

Er kommt gerade aus einem Spital, in dem er Sterbende mit der Kommunion versehen, mit Kranken und Verwundeten gebetet hat. Er geht nach Hause, steht am Fenster und hört das Klappern von Hufen und Eisenrädern auf dem Pflaster der Stadt. Man fährt drei weitere Tote ab. Und er soll predigen von der Liebe Gottes, die so groß ist, dass Gott selbst in diese Welt kommt (G. Engelsberger, Bilder vom Kommen Gottes, S.55).

 

Das wäre schön, wenn der Himmel - so hat man sich das früher vorgestellt,- der wie eine Plane über der Erde gespannt ist, von oben aufgerissen werden würde. Aber der Himmel ist wie verschlossen.

Wo ist nun dein mächtiges Wirken? Und wie können wir Menschen das erleben, spürbar erfahren, dass Gottes Macht, da ist.

Denn dass Gott einfach mal schnell von seiner „heiligen, herrlichen Wohnung“ da oben runter kommt und aufräumt, heilt, alle Probleme von jetzt auf gleich wegzaubert, das wäre wunderbar, aber völlig unwirklich und lebensfremd. Deshalb sind manche, die schon zu oft und so vergeblich gebetet hat, müde geworden. Und andere meinen, dass dieses herrliche Haus da oben schon längst unbewohnt ist. Gott ist ausgezogen und hat sich in die Weiten des Universums zurückgezogen.

Was können wir von Gott erwarten in Zeiten von Harry Potter oder Star Wars, wo innerhalb von Sekunden durch Blitze, Zauberformeln oder per Knopfdruck alles Widerwärtige weggeräumt, weggeschafft oder vernichtet wird. Und wir dagegen müssen uns - vielleicht zeitlebens - mit manchen Widrigkeiten herumplagen und ahnen, dass vielleicht auf immer alles beim Alten bleibt?

 

Alleine die Hoffnung kann Berge versetzen

Genau deshalb gibt es Advent. Advent heißt nichts anderes als Ankunft. Wir erwarten Gottes Ankunft. Von seiner „heiligen, herrlichen Wohnung“ da oben bei uns da unten in dieser Welt. Wir erwarten ihn in unserem Leben. Und wir warten darauf, dass sich dadurch wirklich etwas verändert. Bei uns.

Für alle, die meinen, dass die ganz großen Veränderungen im Leben doch ausbleiben und die sich deshalb auch nichts mehr von Gott erwarten, denen sei gesagt, dass alleine die trotzige Hoffnung, dass Gott kommen und sich einen Weg in unser Herz bahnen könnte, schon jede Menge verändern und manchmal Berge versetzen kann. Weil man sich dann einfach nicht mit Widrigkeiten abfindet und jede gute Nacht, die man erleben darf oder jeden Moment, in dem man sich freuen kann, schon wie eine Ankunft des großen Gottes da oben in unserem Leben da unten ist.

 

Gott kommt „still und unerkannt“

Aber Advent ist noch mehr. Advent hält in uns nicht nur die Sehnsucht auf das Kommen Gottes zu uns aufrecht. Advent sagt uns auch: Gott kommt. Er ist schon auf dem Weg. Alles Warten wird nicht vergleich sein. Niemand muss mit hängendem Kopf durch die Gegend laufen.

Der Wochenspruch für diese 2.Adventswoche sagt es so: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht“ (Lukas 21,28b).

Er verlässt seine Wohnung oben im Himmel oder auf dem Berg. Auch wenn wir - wenn wir da oben wohnen würden und über die Menschen da unten nur noch den Kopf schütteln würden,- so sind wir Menschen ihm nicht egal. Es ist Gottes großer Wunsch, dass wir nicht alleine unser Leben bewältigen müssen, auch wenn das Leben viel zu selten ein Wunschkonzert ist.

Die, die sich im Alter schwertun, dürfen sich geborgen fühlen, weil er an ihrer Seite ist und tröstet.

Die, die sich erst noch einen Platz in dieser Welt erkämpfen müssen, dürfen spüren, wie sie mutig werden, weil jemand sie an die Hand nimmt und ihnen zu verstehen gibt: „Du schaffst das schon.“

Die, bei denen in diesem Jahr etwas grundlegend anders gekommen ist, dürfen erleben, dass trotzdem ein neues Kapitel ihrer Lebensgeschichte begonnen wird, bei dem man nicht nur zurückschauen und bedauern, sondern auch trotzig etwas Neues hineinschreiben kann.

 

Das ist Advent. Wir warten, dass Gott kommt. Hinunter auf die Erde. Und er kommt. Vielleicht ist er auch schon längst da und wir merken es nicht, weil wir nur das Mächtige, das ganz Große, das Umfassende, das alles von jetzt auf gleich Verändernde im Blick haben. Aber vielleicht ist er ja schon längst da, „still und unerkannt“. Vielleicht schauen wir in die falsche Richtung oder wir verbeißen uns zu sehr in die eine Möglichkeit.

Deshalb ist der Advent eine Zeit der besonderen Erwartung und so mancher frohen Überraschungen. Denn so will Gott bei uns sein: „Still und unerkannt“, wie uns ein altes Adventslied alle Jahre wieder mit seinen einfachen, aber doch so herrlichen Worten ausspricht:

„Alle Jahr wieder

kommt das Christkind,

auf die Erde nieder,

wo wir Menschen sind.

Kehrt mit seinem Segen

ein in jedes Haus,

geht auf allen Wegen

mit uns ein und aus;

Ist auch mir zur Seite,

still und unerkannt,

dass es treu mich leite

an der lieben Hand.“

 

Und der Trost Gottes, der sich gerade in lichtschwachen Zeiten spürbar ist, möge uns den Mut geben, den wir gerade brauchen.

Amen.