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God gave me a song - Psalm 144,9a - Gospelgottesdienst

Liebe Gemeinde,

Ein Mann, in die Jahre gekommen, will seinen Garten umgraben, aber die Arbeit ist mittlerweile viel zu schwer für ihn. Für gewöhnlich hilft ihm sein Sohn Jim bei der Gartenarbeit, aber der sitzt zurzeit im Gefängnis.

So schreibt ihm der alte Mann einen Brief, in dem er ihm von seinen Schwierigkeiten berichtet: "Lieber Jim! Leider werde ich heuer keine Kartoffel anbauen können, da ich doch schon zu alt bin und mir zum Umgraben des großen Feldes einfach die Kraft fehlt. Tja, wenn du doch hier sein könntest! Da hätte ich diese Sorgen nicht. Denn ich weiß, du würdest für mich den Kartoffelacker umgraben. In Liebe, dein Dad!"

Ein paar Tage später erhält er einen Brief von seinem Sohn: "Lieber Dad! Um Himmelswillen: Grab das Feld nicht um !!! Dort habe ich doch alles vergraben! In Liebe, Dein Jim."

Am nächsten Morgen um 4 Uhr früh stehen Polizisten mit einem Durchsuchungsbefehl vor dem Haus. Sie beginnen auch gleich, das ganze Feld systematisch umzugraben, ohne jedoch auch nur irgendetwas zu finden. Darauf entschuldigen sie sich und verschwinden wieder.

Kurz darauf erhält der alte Mann wieder einen Brief seines Sohnes aus der Strafanstalt: "Lieber Dad, jetzt kannst du die Kartoffeln aber anbauen! Das war unter den gegebenen Umständen das einzige, was ich für dich tun konnte. In Liebe, Jim."

(Quelle: Internet)

Schön, wenn sich die Dinge so fügen und alle zufrieden sind. Der Vater muss das große Feld nicht umgraben. Der „angebliche“ Schatz ist nicht gefunden worden. Der Sohn hat einen Weg gefunden, wie er dennoch helfen kann. Und die Kartoffeln können nun angebaut werden.

Schön, wenn sich alle Puzzleteile wieder zusammenfügen. Es tut gut, wenn sich nach langem Abwägen und Überlegen, wie man wohl richtig macht, alles in Wohlgefallen auflöst. Und es ist so erleichternd, wenn alle persönlichen Baustellen, die man mit sich herumschleppt, eines Tages zu einem Ende kommen und man ganz unbeschwert nach vorne schauen kann.

Viele erleben oft das Gegenteil. Es passt kaum etwas zusammen. Das Ergebnis, mit dem alle zufrieden wären, ist nicht in Sicht. Stattdessen werden immer wieder dieselben Fragen bis zu dem einem Punkt durchgekaut, an dem es nicht mehr weitergeht. Und die Aussicht, welcher berufliche Weg sich auftun könnte, welches Studium wirklich passt, ist dauerhaft vernebelt.

Oder man erlebt, wie es der Sänger Andreas Bourani gerade besingt, dass man auf ganz anderen Wegen unterwegs ist, wo man nicht einmal mit denen, die einem nah sind, zusammenkommen kann. Selbst möchte man langsam gehen, der andere will lieber springen. Selbst will man gerne Wurzeln schlagen, die andere lieber fliegen. Die Herzen schlagen nicht mehr im gleichen Takt.

„Ich bin dafür, du dagegen.
Wir gehen auf anderen Wegen.“

Weil vieles sich nicht so fügt, wie man es gerne erhofft, sind übrigens vor langer Zeit die Lieder entstanden, die die Vorgänger der heutigen Gospel sind: Die Spirituals.

Das sind "geistliche Lieder" der Schwarzen in den USA, entstanden vor 300 Jahren in einer Zeit, als sie als Sklaven von den Weißen vor allem aus Westafrika nach Amerika geholt worden sind. Dort hat man ihnen auch noch die christliche Religion ihrer weißen Herren aufgezwungen. Das Erstaunliche dabei: Wie sie die Geschichten der Bibel gehört haben, ist ihnen aufgegangen: Eigentlich kommen wir in diesen Geschichten vor.

Die Israeliten, die in Ägypten festgehalten worden sind, haben schon damals unsere Geschichte erlebt.

Die Menschen, die ins ferne Babylon verschleppt worden sind, haben vor langer Zeit bereits unser Schicksal erlebt.

Und viele der Menschen, um die sich Jesus gekümmert hat, sind solche wie wir. Ohne Ansehen, ohne Einfluss und ohne Aussichten, dass sich alles mal im Leben in gütlich fügen wird.

So haben die Schwarzen eine völlig neue Musik geschaffen, die sich in Melodie, Rhythmus und auch in der Sprache deutlich von den Liedern der weißen Christen unterschieden hat.

Die überlieferten Spiritual wie „When the Saints Go Marching In“ oder „Go down Moses“ erzählen von dem Leben geschlagener und geschundener Menschen, die die Sehnsucht aufrecht halten, dass sich einmal in ihrem Leben alles fügen wird, dass man irgendwann ein Leben in Freiheit führen kann und dass Gott ihnen eines Tages Gerechtigkeit zukommen lassen wird. Wenn nicht in diesem, dann im ewigen Leben.

Wir heute brauchen keine solchen Spirituals mehr zu singen. Wir genießen in unserem Land einen äußeren Frieden und sind in der glücklichen Lage, dass wir Grundrechte haben, die unsere Würde schützen.

Wir singen „Gospel“. Gospel heißt übersetzt „Gute Nachricht“. Die „Gute Nachricht“ lautet: Gott kann die Bruchstücke unseres Lebensschiffes immer wieder so zusammensetzen, dass wir uns auf neue Fahrt aufmachen können.

Vielleicht nicht mehr so abenteuerlich oder so schwungvoll, aber immerhin doch so, dass wir neues Land vor uns haben.

Wir können uns auch dann aufmachen, auch wenn sich vielleicht nicht mehr alles so zusammenfügt, wie es früher gewesen ist. Auf alle Fälle können wir wieder ein neues Kapitel unserer Lebensgeschichte schreiben.

So wie es jemand getan hat, der gerade ein ganz ungewöhnliches verfasst. Er hat vom Arzt eine Diagnose erhalten, die sich niemand wünscht und die erst einmal sprachlos macht: Alzheimer. Ein Schock. Wie soll man damit umgehen? Ein 68jähriger hat dazu geschrieben: „Meine Frau und ich, wir haben die Krankheit als neue Aufgabe akzeptiert. Ich erzähle öfters, dass ich Alzheimer habe, sonst bekomme ich das Gefühl, ich ersticke. Durch das Outing gehe ich komischen Blicken aus dem Weg, wenn ich etwas vergesse. Meine Offenheit erzeugt auch Interesse und Bereitschaft, auf mich zuzugehen. „Herbert, wie kommst du denn dahin? Kann ich dich mitnehmen?“, werde ich oft gefragt. Ich finde, Alzheimerpatienten sollten aktiv sein. Ich habe mich gleich nach der Diagnose nach einer Selbsthilfegruppe umgesehen, herumtelefoniert - nichts! Also musste ich eben selber eine Gruppe gründen, als ehemaliger Sozialarbeiter habe ich ja Erfahrung darin. Doch Betroffene zu finden, ist gar nicht so einfach. Ich habe Pressearbeit gemacht, Flyer verteilt und mit Leuten geredet. Ich glaube, viele Alzheimerpatienten verschweigen ihre Krankheit lieber. Aber sie ist doch kein Makel oder gar gefährlich (Chrismon Plus, Das evangelische Magazin, 02/2015, S,16).

Und wichtig ist doch auch, dass wir - das habe ich vorgestern bei einem Sketsch von Katharina Kleinschroth bei der Prunksitzung der „Frickenhäuser Mostgeuger“ mitbekommen -, mal über uns selbst lachen können und sich eingesteht. Auch wenn schon einige Lebenszeit vergangen ist, muss mich das nicht beunruhigen.

Der Beter des 144.Psalm hat einmal, lange bevor es Gospel gegeben hat, so ausgerufen: „Gott, ich will dir ein neues Lied singen!“ (V.9a).

Ich will dir ein neues Lied singen, weil sich in meinem Leben wieder etwas gefügt hat.

Etwas, was mich lange beschäftigt und umgetrieben hat, ist zu einem guten Ende gekommen.

Das ewige Zaudern und Überlegen ist endlich abgeschlossen. Jetzt weiß ich, wie ich mich entscheide und welchen Weg ich gehe. Ob es der richtige ist, wird sich noch zeigen, aber auf alle Fälle mache ich mich nun auf.

Ich mache mir keine Illusionen mehr über mein Leben, aber ich möchte meine Tage würdevoll und auch mit möglichst viel innerer Ruhe verbringen.

Die gesamte Bibel ist voll mit solchen „neuen Liedern“.

Miriam schnappt sich beim Auszug aus Ägypten eine Pauke und singt eine neues Lied, in dem sie Gott dankt, dass er sie und die anderen aus der langen Abhängigkeit herausgeführt (2.Mose 15,21).

David singt ein neues Lied von Gott als dem „guten Hirten“, der auch dann da ist und bewahrt, wenn man in einem dunklen Tal ist und nicht weiß, wann man es wieder verlassen wird (Psalm 23).

Maria singt ein neues Lied, weil sie erfahren hat, dass Gott nicht nur die Großen und Mächtigen ansieht, sondern auch die Kleinen und Geringen und die, die gerne übersehen werden (Lukas 1,46-55).

Welche neuen Lieder können wir singen?

Denn darum geht es doch im christlichen Glauben. Dass man weiß: Gott kann sogar mit den Bruchstücken meines Lebens etwas anfangen. Er führt mich weiter, auch wenn ich die nächste Etappe meines Lebensweges noch nicht kenne.

Die jahrhundertelangen Vorhaltungen seitens der Kirchen, was man wieder nicht geschafft oder vermasselt hat, haben noch keinem den Lebensmut gegeben, den er oder sie gerade braucht.

Kein Wunder dass in diesen Wochen sich viele fragen, wofür Religion und gerade der christlicher Glaube überhaupt gut ist. Gerade diejenigen, die vor einer Islamisierung des Abendlandes warnen, können keine Auskunft geben, was denn die Mitte des christlichen Glaubens ist.

Zu meinem persönlichen Grundbekenntnis gehört das ganz oben mit dazu: Gott fügt immer wieder etwas in meinem Leben, damit ich Zukunft vor mir habe.

Ob es das ganz große Ding gewesen ist, wie bei dem Mann in der Geschichte, der jetzt seine leckeren Kartoffeln anbauen kann oder ob man einfach morgens gerne wieder aufsteht und aus dem Haus geht  - wir feiern diesen Gottesdienst um uns darin gewiss zu machen: Gott will mich im Leben weiterbringen. Ich bin dankbar und froh. Ich kann mein eigenes Lied dazu singen oder - wie jetzt gleich - auf meine Weise mit einstimmen.

Und die Größe Gottes, die höher und tiefer und näher ist als alles menschliche Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk.
Gehalten zu den Gospelgottesdiensten in Ochsenfurt, 25. Januar 2015 und Marktbreit, 01. Februar 2015