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Galater 4,4-7 - Weihnachten ist für die, die nicht mitkommen - 1.Weihnachtstag

„Vorne ist verdammt weit weg.“ Viele haben den aktuellen Film des Kabarettisten Frank Markus Barwasser alias Erwin Pelzig schon gesehen.

Als er seinen Nachbarn durch eine Unachtsamkeit schwer verletzt, übernimmt Pelzig während dessen Genesung seine Anstellung als Chauffeur für einen großen Einkaufswagen-Hersteller. Dort erfährt er, dass nicht nur der Arbeitsplatz seines Nachbarn in Gefahr ist, sondern auch viele andere, da die Produktion weit weg ins ferne Ausland verlagert werden soll. Pelzig versucht, dies abzuwenden.

Und er lernt dabei die Politik großer Wirtschaftskonzerne kennen. Er erfährt, was Entlassungen mit steigendem Aktienindex zu tun haben. Und vor allem merkt er, wie für jemanden, der ganz unten ist, der ganz hinten steht, Vorne verdammt weit weg ist. Wie klein kommt man sich doch vor, wenn die Großen der Wirtschaft und der Politik ihre Absprachen treffen. Und wie ohnmächtig ist man doch als einfacher und kleiner Mensch.

 

Warum ich Ihnen davon, an Weihnachten, erzähle?

Weil es schon damals, beim allerersten Weihnachten, so war: Die einen waren ganz weit weg, ganz weit vorne und die anderen kamen kaum hinterher.

Und weil es genau deshalb Weihnachten werden musste. Mit Weihnachten soll es anders werden. So lese ich es aus dem Schriftwort für den heutigen 1. Weihnachtstag heraus. Hören Sie aus dem Brief des Paulus an die Galater, aus dem vierten Kapitel, die Verse 4-7:

4Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, 5damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen. 6Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! 7So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.

 

Paulus bringt es auf den Punkt, worum es an Weihnachten geht, wenn er schreibt: Als aber die Zeit erfüllt war.“

Als ob eine Zeit abgelaufen, endgültig vorbei, für immer abgeschlossen wäre. Eine Zeit, in der für viele Vorne sehr weit weg war.

Vorbei eine Zeit des Kampfes - um das Leben, um die Macht, um den Drang, ganz Vorne mit dabei sein zu müssen. Vorbei auch eine Zeit, in der die meisten Menschen immer nur verloren haben, weil andere immer noch weiter Vorne waren, stärker waren. Weil wir auch gegen das Altern, gegen alles Sterben und vergehen nicht mitgekommen sind.

Vorbei eine Zeit, in der jeder schaute, dass er möglichst weit nach vorne käme. Und wenn man dann ganz oben angekommen war, immer noch mehr haben musste und dabei ganz übersah, dass er dabei so vielen anderen das Wasser abgrub, die Luft zum Atmen nahm, ihnen so viele Sorgen aufbürdete.

 

Für Paulus war auch eine Zeit an ihr Ende gekommen, in der die Menschen meinten, dass auch Gott weit weg wäre, weit entfernt im Himmel. Und wo man sich nicht sicher war, ob nun seine Barmherzigkeit größer wäre oder das Einfordern seiner Gerechtigkeit. Wo man nicht wusste, ob er eher ein Auge zudrücken würde oder doch Aug um Aug, Zahn um Zahn auf sein Recht pochen würde.

Weil der Mensch immer nicht mitkam, weil er immer hinterher hinkte, deshalb musste es Weihnachten werden.

 

An Weihnachten kommt Gott in eine Welt, in der die einen ganz weit Vorne und die anderen viel zu weit Hinten sind.

Ganz weit unten kommt Gott an, ganz hinten. Da, wo es keinen Platz mehr in der Herberge gibt oder in der Fabrik. Dort, wo sich niemand über das junge Paar mit der hochschwangeren Frau erbarmen möchte und wo man nicht so recht weiß, wie das mit dem Vater ist. Da, wo ganz vorne Herodes einen Kindermord anordnet, der vor allem die trifft, die ganz weit hinten sind und wo Maria und Josef kurze Zeit später zur überstürzten Flucht nach Ägypten gezwungen werden.

Nicht umsonst sind die Hirten, - für die Vorne wirklich verdammt weit weg gewesen ist, die sich täglich abmühen müssen, die morgens oft nicht wissen, was bis zum Abend sein wird, und bei denen die weitere Lebensplanung alles andere als eindeutig ist, - die Ersten, die die Weihnachtsbotschaft erreicht.

Als sie an die Krippe gekommen sind, haben sie es gespürt: In diesem neugeborenen Kind kommt Gott selbst in diese Welt, nimmt menschliche Gestalt an, um mit allen Menschen - vor allem mit denen, die ganz weit hinten sind -, ohne Vorbehalt und bis zum Äußersten ihr Leben zu teilen, ihre Ängste, ihre Zweifel, ihre Träume, ihre Liebe, ihr unendliches Verlangen, das in ihnen ist.

 

Und wenn Paulus schreibt: "von einer Frau geboren und unter das Gesetz getan“ (V.4), dann meint er auch: Gott kommt nicht nur in diese Welt. Er stellt sich auch den Gesetzmäßigkeiten dieser Welt, die viel zu oft so beschaffen sind, dass du möglichst weit nach vorne kommen musst, um etwas zu gelten.

Wobei die Wirklichkeit ja eine ganz andere ist: Wo es viel zu viele gibt, die vergeblich vom Traumberuf träumen oder vom großen Lotto-Gewinn oder von der großen Liebe. Und es gibt zu viele, die niemals zeigen können, was in ihnen steckt, was sie können, was sie in die Wege leiten, was sie verbinden und organisieren können. Und es gibt viel zu Viele von den Wenigen ganz Vorne die das alles gar nicht interessiert.

 

In diese Welt hinein kommt Gott um für eine ganz andere Sichtweise zu werben.

„Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste“, schreibt Paulus.

Das ist schon sozusagen das Ergebnis von Weihnachten: Menschen werden von dem Drang erlöst, ganz Vorne dabei sein zu müssen und werden erlöst, dass sie dabei so vieles verbauen und falsch machen.

 

Da, wo Jesus geredet und geheilt hat, ist wirklich etwas sichtbar geworden von einer ganz anderen Welt. Die Spanne von ganz Vorne und ganz Hinten ist geringer geworden. Menschen sind sich einander näher gekommen.

Der Zöllner Zachäus, der im Verdienen ganz Vorne war, aber in der Menschlichkeit ganz weit hinten, hat sein Leben umgestellt und geteilt. Was nützt es auch, wenn ich ganz oben dann doch alleine bin, und keine menschliche Nähe und Wärme um mich herum spüre.

Und einen Sohn, der schon ganz weit hinten, ganz unten, ganz verloren war, weil er das ganze Erbe verzockt hatte, bringt er wieder neu auf die Spur.

 

Weihnachten ist Erlösung von dem Zwang, bei dem man meint, immer ganz vorne mit dabei sein zu müssen, sei es im Verdienen oder im Bestimmen oder im Angeben.

Weihnachten macht auch von der Auffassung frei, dass man nur dann etwas gilt und zählt, wenn man ganz oben ist.

Weihnachten entlastet auch von dem Denken, wenn man meint, dass man Gott dadurch nahe kommt, wenn man seine Gebote wie einen Beipackzettel behandelt und abhakt.

Weihnachten sagt: Zu dir kommt Gott. Zu dir, der du in deinen Hoffnungen und Wünschen ganz weit hinten bist. Der du in deinem Mut - wenn es darauf ankommt - ganz weit unten bist. Der du, wenn du Verantwortung zeigen sollst, dich ganz tief versteckst.

Weihnachten kommt zu dir. Der Stern von Bethlehem geht über dir auf. Du bist bei Gott geachtet. Du bist wertvoll und einzigartig für ihn. Dein Leben möchte Gott hüten und schützen.

 

Was für neue Verhältnisse! Und wie gut tun sie der Welt..

Weil aber diese neue Bestimmung zu schön ist, um wahr zu sein und weil viel zu Viele immer noch zu gerne ganz vorne dabei sein möchten, bestimmen wollen, wo Vorne ist, deshalb gibt es an Weihnachten keine heile Welt, nicht den grandiosen, umfassenden Frieden, den die Weihnachtsbotschaft verheißt.

Auch an Weihnachten gibt es verwahrloste Kinder, vernachlässigte Beziehungen, Familien, die sich bei dem Erbe völlig zerstritten haben.

Es gibt Leid und viel zu viel ungerechte Verteilung von Gütern.

Und auch Erwin Pelzig lernt in dem Kinofilm Menschen kennen, die es einfach nicht kapieren wollen, dass Vorne für Viel zu viele verdammt weit weg ist.

 

Mir gefällt an dem Film, dass sich jemand mit den gängigen Verhältnissen von ganz Vorne und ganz Hinten nicht abfinden will.

So gesehen ist dieser Film für mich auch eine moderne Weihnachtsgeschichte, die mir sagt: Auch wenn es an Weihnachten keine heile Welt gibt, so gibt es doch ein spürbares Gegengewicht.

Paulus sagt: Es gibt auch die Kinder Gottes. „So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind“ (V.7a).

Paulus versteht darunter all die, die sagen, dass es auch anders geht. Und bestimmt würde er auch all die meinen, die die Strukturen entlarven und bloß stellen und nach Lösungen suchen wie Erwin Pelzig.

 

Gott sei Dank gibt es all die Menschen, die verstanden haben: Ich muss mein Leben nicht auf Kosten anderer leben. Es bringt mir nichts, wenn ich finanziell ganz weit vorne bin, aber menschlich ganz weit hinten, weil ich dann, wenn ich jemanden brauche, niemanden habe, der mit mir etwas zu tun haben möchte.

Mit Weihnachten gibt es auch die, die sich nicht damit abfinden wollen, dass die einen ganz weit vorne sind und die anderen nicht mehr hinterher kommen.

Und dann gibt es noch die Menschen, die anderen Woche für Woche eine Tafel bereiten, die gerne Brot für die Welt geben, die ganz im Stillen und verborgenen mithelfen, dass Andere zu Chancen und Möglichkeiten kommen.

Und dass es auch in der Geschäftswelt anders gehen kann, zeigt mir ein interessantes Preisexperiment aus der Frankfurter Geschäftswelt. In einem persischen Restaurant in der Frankfurter Innenstadt dürfen die Mittagsgäste selbst entscheiden, wie viel sie bezahlen. Das Geld legen sie dann in eine Schatulle, die ihnen gereicht.

Was dabei herausgekommen ist: Es hat etliche gegeben, die weniger eingelegt haben. Es hat aber auch genügend andere gegeben, die weitaus mehr eingelegt haben. Auf alle Fälle: Der mittägliche Umsatz ist um 32% gestiegen. Und es kommen deutlich mehr Essensgäste, die dann auch abends wieder kommen, wenn die normalen Preise gelten.

Und andere Branchen wollen sich dem anschließen.

 

So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.“ (V.7).

Und Gott hofft, dass es immer mehr Kinder Gottes gibt, die diesen Weg mitgehen, dass Vorne für andere nicht mehr so weit weg ist. Gott hofft, dass es viele Kinder sind, die dann auch Erben dieser wunderbaren Verheißung von Weihnachten sind

Lasst uns mithelfen, dass Kinder so gestärkt werden, dass sie nicht nach ganz hinten wegrutschen. Lasst uns dafür Sorge tragen, dass Hoffnungen und Wünsche anderer nicht unendlich weit weg sind, sondern erreichbar.

Denn uns ist verheißen, dass wir alle in Gottes Herzen ganz vorne einen festen Platz haben und dass wir deshalb unseren Weg gehen können.

Und der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes (Römer 15,13). Amen.

 

Predigt zum 1. Weihnachtstag, 25. Dezember 2007, gehalten von Pfarrer Thomas Volk in der Christuskirche, Ochsenfurt