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Psalm 107,5 - Freundlichkeit Gottes - Predigt zur Einführung in Marktbreit

Gnade sei mit euch und Friede von Christus, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

I. Freundlicher Kirchturm
Liebe Gemeinde,
„Hier ist es aber wirklich schön und der Kirchturm hat ein Lachgesicht.“
So lautete der Kommentar unserer beiden Töchter als wir das erste Mal mit ihnen durch Marktbreit gefahren sind und vorsichtig nachfragten, wie sie es denn hier so fänden.Ja es ist schön hier und der Kirchturm hat wirklich ein Lachgesicht.
Die zwei oberen Fenster bilden die Augen, das Ziffernblatt der Turmuhr die Nase und das große Fenster unten den lachenden Mund. Freundlich steht er da dieser Kirchturm da, weithin sichtbar, auch drüben von der großen Autobahnbrücke aus, die über den Main führt.
Und genau so, wie dieser Kirchturm stellen wir beide uns auch Kirche vor.
Freundlich den Menschen entgegenschauend - offen für das, was gerade dran ist, auch mit Blick über den eigenen Horizont hinaus - bereit sich einzulassen auf Unbekanntes - voller Erwartung sein - der Unfreundlichkeit und der Unge- rechtigkeit geradlinig und sichtbar entgegenstehend und dabei fest gegründet.
Freundlichkeit, das war nicht immer das Markenzeichen der Kirche. Düstere und strenge Mienen, die die Besonderheit und Gewichtigkeit des kirchlichen Amtes unterstreichen sollten, waren nicht selten anzutreffen.
Allerdings muss die Freundlichkeit, die wir für selbstverständlich in der Kirche halten, auch ehrlich gemeint sein.
Es geht nicht um ein gezwungenes christliches Showgrinsen im Stile amerikanischer Sender. Wir wollen auch keine befohlene Freundlichkeit, weil vielleicht irgendeine kirchliche Strukturanalyse wieder mal eine neue Aktion verordnet, keine gespielte Freundlichkeit hinter der eine Absicht, etwa Mitgliedersteigerung und Ähnliches der eigentliche Urgrund des Gedankens ist.
Liebe Gemeinde, von gespielter Freundlichkeit gibt es viel zu viel in unserer Welt. In der Werbung wird um die Wette gegrinst, damit wir ein bestimmtes Produkt kaufen oder sogenannten Smile-Kampagnen schulen Menschen in den verschiedensten Berufssparten.
Die Freundlichkeit von der wir sprechen und auf die wir uns einlassen wollen und mit der wir wohl ein Leben lang nicht fertig werden, sie hat ihren Grund an ganz anderer Stelle. Es gibt eine Freundlichkeit, die aller menschlichen Freundlichkeit immer schon um Längen voraus ist - die uns entgegenkommt - uns umgibt - uns auch durch so manch unfreundliche und verzagte Zeit trägt - die uns ansieht, wenn uns gar nicht freundlich zumute ist und wir uns auch mal selbst nicht leiden können:
Ich meine die Freundlichkeit, die uns von Gott zukommt.

II. Freundlichkeit Gottes
Liebe Gemeinde,
vor allem in den Psalmen hören wir von der Freundlichkeit Gottes.
“Danket dem HERRN, denn er ist freundlich,und seine Güte währet ewiglich”, sagt der 107. Psalm.
Im 100. Psalm heißt es: „Denn der HERR ist freundlich, und seine Gnade währet ewig und seine Wahrheit für und für“ (Psalm 100,5). Und im 119. Psalm: „Du - Gott - bist gütig und freundlich“ (Psalm 119,68)In diesen Worten haben Menschen Gott gedankt, dass er sie aus schwerer Zeit heraus geführt hat, dass er Kraft gegeben hat, durchzuhalten, dass man neue Lebenswege entdecken und gehen konnte.
Gestern wurde im Lagerhaus die Eröffnung der neuen Ausstellung im Malerwinkel-Museum mit dem Titel “Werbung, Wünsche, Wirtschaftswunder - Ein Streifzug durch die 1950er Jahre” eröffnet. Damals hat so mancher gedankt: Danke, Gott, dass ich mich nach dem Schlimmen, das ich erlebt habe, wieder freuen kann, dass ich überhaupt hier wieder angekommen bin und anfangen durfte, dass ich nach der Vertreibung wieder Fuß fassen konnte, und dass aller beginnender Wohlstand nicht etwas Selbstverständliches ist.Wenn die Bibel von der Freundlichkeit Gottes spricht, dann geht es vor allem um eine Einstellung Gottes zu uns Menschen. Wir sind Gott wichtig. An uns hält er fest, auch wenn wir mal unmöglich und unfreundlich sind.
Wir dürfen es uns heute neu zusprechen lassen: Gott, der freundlich ist, hat auch uns als Freundliche in die Welt gesetzt. Wir dürfen es glauben, dass wir im Wesentlichen freundlich sind: Wir als Bild und Echo und Abdruck Gottes.
Gott hat uns ausgestattet mit vielem Guten und Freundlichem, mit Gaben und Begabungen, die wir ausschöpfen dürfen und entdecken können.
Liebe Marktbreiter, wir möchten für eine freundliche Kirche eintreten, in der auch Kinder und Jugendliche einen festen Platz haben. Wir sind nicht unfehlbar, haben auch mal einen schlechten Tag, wie andere auch, aber wir wissen: Ohne die Freundlichkeit Gottes kann Kirche überhaupt nicht bestehen kann.
Wir wollen uns an dieser Freundlichkeit Gottes festmachen. Und wir hoffen, dass auch alle Mitarbeitende diese Freundlichkeit spüren und weitergeben können. Es ist ja auch peinlich, würde es in einer Gemeinde Mitarbeitende geben, die sich argwöhnisch betrachten, die Vorbehalte haben und übereinander anstatt miteinander zu reden.
Wie in einer Kirchengemeinde miteinander umgegangen wird ist immer auch ein Spiegel der Freundlichkeit Gottes.
Oder, wo meinst du, kann man die Freundlichkeit Gottes noch fassen?

III. Freundlichkeit der Landschaft
Ja es ist schon so, wie du sagst, die Freundlichkeit Gottes leuchtet immer wieder durch uns und durch unser Leben hindurch. Natürlich nicht ununterbrochen. Es gibt Zeiten, da fällt es sichtlich schwer von der Freundlichkeit Gottes zu sprechen. Da ist uns Suchen und Zweifeln, Fragen und Klagen viel näher.
Freundlichkeit Gottes sucht sich seinen Weg. Mir ging es in den vergangenen vier Wochen, die wir nun seit dem Umzug hier wohnen, so, dass ich oft gedacht habe: „Was ist das nur für ein wunderbarer Flecken Erde hier. Klimatisch verwöhnt und immer ein paar Grad wärmer als im Rest der Nation. Malerische Straßen, Gassen, Innenhöfe, Kopfsteinpflaster, das selbst bei Nacht oder Regen einen ganz besonderen Glanz auf die Straße legt.In Segnitz drüben wächst Gemüse in Hülle und Fülle, an den Hängen sieht man wunderbare Trauben, die schon darauf warten gelesen und zu Wein verarbeitet zu werden, und durch die ganze liebliche Landschaft zieht sich unermüdlich fließend der Main.
Es ist wirklich eine reich gesegnete Gegend. Und auch die Menschen früherer Zeiten haben das wohl so gesehen. Es war ihnen so wichtig, dass sie Korn und Wein im Portalstein der Kirche von 1438 festgehalten haben. Da heißt es nämlich: „St Nicolai ist der Patron dieser Kirche. Im Jahre des Herrn 1438 wurde die Kirche erbaut und galt ein malter Korns 20 Pfund, danach im Jahre 1439 ein Maß Weins 10 Pfennig“.Brot und Wein, darauf kommt es an, und nicht umsonst heißt es am Tisch des Herrn, bei Brot und Wein schmecket wie freunlich der Herr ist.
Ja, ich finde, da leuchtet schon manches durch von Gottes Freundlichkeit, wie doch alles, was unser Herz erfreut, was uns ermutigt, uns in unserem Weg bestärkt, freundliches Geschenk Gottes ist.
Was wäre aber die schönste und freundlichste Landschaft, wenn es dort keine freundlichen Menschen gäbe?

IV. Freundlichkeit - es liegt an uns
Was wäre aber die schönste und freundlichste Landschaft, wenn es dort keine freundlichen Menschen gäbe?
Ich habe dazu eine Geschichte gefunden:
Irgendwo am südlichen Maindreieck wohnte ein weiser Mann. Es wird erzählt, dass zu ihm ein zwei Schwaben kamen, um sich in dessen Stadt am Main niederzulassen. Sie fragten ihn: „Was für Leute wohnen hier?“ Der Weise aber wollte zuerst wissen: „Was für Leute wohnen denn in der Stadt, von der ihr kommt?“ - „Dort? Ach, unfreundliche Menschen. Und geizig. Die meisten denken nur an sich!“ „So?“, entgegnete der Weise, „die gleiche üble Sorte wohnt hier auch!“.
Bald kamen zu dem weisen Mann zwei weitere Schwaben mit der gleichen Frage: „Was für Leute wohnen hier am Main?“ Auch diesen beiden stellte er die Gegenfrage: „Was für Leute wohnen in der Stadt, von der ihr kommt?“ Die beiden antworteten: „Wir ziehen nur ungern nach hier, denn dort, wo wir herkommen, wohnen die freundlichsten Menschen, die man sich nur denken kann. Sie sind hilfsbereit und kommen, wenn man sie braucht.“ Da beruhigte sie der Weise und antwortete: „Solch prächtige Menschen warten auch hier auf euch!“Liebe Schwestern und Brüder! Die Wahrscheinlichkeit, dass wir dem begegnen werden, was wir ohnehin schon im voraus erwarten, ist groß.
Wenn ich mich auf Neues einlasse - wenn ich offen bin für die Menschen, die mir begegnen - wenn ich versuche, mich nicht von dem blenden zu lasse, was andere mir einreden - wenn ich meine Vorurteile hinten an stelle - wenn ich mich ohne Berechnung und ohne Imponiergehabe jemandem zuwende, dann wird etwas von dieser Freundlichkeit auf mich zurückfallen.
Natürlich kann es auch das geben, dass wir uns noch sehr bemühen und wir barsch zurückgewiesen werden. Aber dennoch meine ich: Kirche ist ein Übungsfeld für „Freundlichkeit empfangen und weitergeben.“Ein unbekannter Verfasser hat einmal gesagt: „Freundlichkeit ist die Kunst, den Menschen mehr Liebe entgegenzubringen, als sie verdienen.
Diese Aussage ist schon ganz nah an dem, was Jesus, der Christus, vorgelebt hat.Auf unsere - auf ihre - Freundlichkeit kommt es an. Niemand von uns hier ist da ausgenommen. Wenn wir heute Gemeinde Jesu Christi verwirklichen wollen, dann ist es nötig, immer wieder den Schritt wagen, freundlich aufeinander zuzugehen, bereit sein für Veränderungen.

V. Freundlichkeit und Synagoge
Freundlich den Menschen zugewandt war wohl auch einer unserer Vorgänger. Der berühmteste:
Pfarrer Johann Adam Leonhard Reiz.
1711 wurde für ihn das wunderschöne Pfarrhaus gebaut, in dem wir nun auch leben dürfen - und übrigens hat er 1703 das vakante Erlach vertreten -, die Verbindung Marktbreit Erlach / Ochsenfurt ist also nicht ganz so neu.
Von seiner Freundlichkeit ist überliefert, dass er 1732 eine neunköpgige Flüchtlingsfamilie, Salzburger Emigranten, im Pfarrhaus aufgenommen hat. Die Menschen in Marktbreit und der Region haben ihm das hoch angerechnet.
Aber wo wir jetzt schon beim Pfarrhaus sind, da möchte ich noch von etwas ganz anderem sprechen. Wo von der Freundlichkeit die Rede ist, da muss auch von der Unfreundlichkeit, von der Unbarmherzigkeit, vom Unrecht die Rede sein.
Wenn ich aus den Fenstern meines Arbeitszimmers im ersten Stock auf den Platz vor unserem Pfarrhaus schaue, dann gibt es auch noch ganz andere Gedanken. Aus jedem Fenster meines Arbeitszimmers sehe ich auf jenen Ort an dem Jahre, ja sogar Jahrhunderte lang, die Marktbreiter Synagoge stand. Seit 1717 hatten die jüdischen Mitbürger Marktbreits hier ihre Synagoge. Also so lange dieses Pfarrhaus steht stand in unmittelbarer Nähe die Synagoge. Das hat mich schon bewegt die letzten Wochen. Der Sabbat wurde hier begrüßt, Gottesdienst und Festtage begangen.
Und natürlich stellt sich da mir die Frage: Wie war diese Nachbarschaft? Wie war das, wenn man aus dem Pfarrhaus ging und dem jüdischen Lehrer, der gegenüber wohnte über den Weg lief?
Und wie war es am 8.November 1938, als die 220 Jahre währende Nachbarschaft mit einem Schlag ausgelöscht wurde?
Wo standen die Kirchen, wo die Bürger. Ich weiß, was Marktbreit anbelangt noch viel zu wenig über diese Zeit, aber, damit werde ich mich sicher beschäftigen.
Freundliches Miteinander - damals wie heute - hört nicht an den religiösen und konfessionellen Grenzen auf. Und dabei denke ich an die beiden anderen großen Gebäude, die wir tagtäglich vom Pfarrhaus aus im Blick haben: die katholische Kirche und das Schloß.
Die Verbundenheit mit den katholischen Mitchristen war uns in Bobingen ein großes Anliegen sehr wichtig und wird es auch hier sein.
Das Schloß steht für mich als Sinnbild für die politische Gemeinde und alle anderen sozialen Einrichtungen. Und auch mit Ihnen ist uns eine gute Zusammenarbeit und ein offenes Miteinander wichtig.

VI. Freundlichkeit - mit Salz gewürzt Thomas
Weil du die politische Gemeinde angesprochen hast möchte ich hinzufügen, dass es eines gibt, dass wir, Sehr geehrte Frau Landrätin Bischof, sehr geehrter Herr Bürgermeister Hegwein und sehr geehrte Stadträtinnen und Stadträte, gemeinsam haben: Viele erwarten von uns, dass wir nur freundlich sein sollen – immer nett - bloß nicht unbequem, andere machen lassen, was sie wollen.Kaum einer möchte, dass man ihm sagt: Du musst etwas ändern. So geht es nicht weiter.
Wir Pfarrerinnen und Pfarrer sind auch Mahner, Rufer in der Wüste, Personen, die sich quer stellen müssen, die manchmal ganz alleine da stehen, die auch mal abends das Gefühl haben: Ich habe es heute keinem Recht gemacht.
Der Vers aus dem Kolosserbrief ist mir in diesem Zusammenhang eine Hilfe, wenn es heißt:
„Eure Rede sei allzeit freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt.”Freundlich ja, aber nicht immer nur nett und bequem und andere in ihrer Meinung bestätigen: Mit Salz gewürzt, darauf kommt es an. “Salz der Erde” sollen wir sein. So hat es Jesus auch in der Bergpredigt gesagt.Wir möchten, dass die Freundlichkeit Gottes in unserem Leben und im Miteinander hier abgelichtet wird. 
Wir möchten, dass diese wunderbare Kirche ein Ort ist, an dem Menschen die Freundlichkeit Gottes erfahren können.
Eigentlich haben wir es ja leicht: Unser Kirchturm hier erinnert uns Tag für Tag daran.

Und der Friede Gottes, der größer und freundlicher ist als unser menschliches Verstehen und Bemühen, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

• Predigt zum Einführungsgottesdienst von Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk und Pfarrer Thomas Volk.
Gehalten am Sonntag, den 17. September 2006, in St. Nikolai, Marktbreit.