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Epiphanias, Predigt zu Jesaja 60,1-3 "Anders als gedacht"

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir!
Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.
Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.

„Das habe ich mir ganz anders vorgestellt!“
So sagen wir, liebe Gemeinde, wenn etwas eingetreten oder passiert ist, was wir uns nicht so gedacht haben.
Mit dem Besuch zwischen den Jahren, auf den man sich eigentlich lange gefreut hat, ist man doch nicht warm geworden und je länger man zusammen gesessen ist, hat sich das Gefühl breit gemacht, dass alles Gerede doch nur sehr oberflächlich war. Die junge Familie, die sich lange danach gesehnt hat, zum ersten Mal zu Dritt Weihnachten zu feiern, hat nicht damit gerechnet, dass die Zähne der Kleinen ausgerechnet an den Feiertagen einschießen und die stimmungsvoll geplanten Feiertage ganz anders abgelaufen sind. Und die neue Stelle ist keineswegs nur der Traumjob, weil man gleich den anderen frei gewordenen Arbeitsplatz längerfristig mitvertreten soll.

„Ich habe mir das ganz anders vorgestellt.“
Manche sprechen schon in den ersten Tagen eines Jahres so. Der Familienfrieden, den man an Weihnachten auf ein festes Fundament stellen wollte, bröckelt schon wieder. Das mit dem Abnehmen hatte man sich auch nicht so anstrengend vorgestellt. Und die fest vorgenommenen täglichen 15 Minuten Rückengymnastik sind auch nicht so einfach in den Tagesablauf einzugliedern.

„Das habe ich mir wirklich ganz anders vorgestellt!“
So haben auch die Menschen gestöhnt, zu denen das heutige Bibelwort als Erste ergangen ist. Nach vielen Jahren der Deportierung nach Babylon machen sie sich auf den Weg nach Hause und haben dabei diese Verheißung im Hinterkopf. „Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir!“ (V.1).
Und so hat auf dem Heimweg manch einer zu träumen begonnen, wie es sein wird, wenn man nach vielen Jahren der Ausweisung wieder nach Hause kommt und dass das, was man sieht, sicher die kühnsten Vorstellungen übertreffen wird. Der Tempel von Jerusalem wird schon von weitem im Sonnenlicht wieder so glänzen, wie man es von frühesten Erinnerungen her kennt. Die Stadtmauern werden wieder fest und sicher aufgebaut sein und Schutz geben, wie sie es vor Zeiten getan haben. Auch die eigenen Häuser werden wieder im Handumdrehen so dastehen, wie man sie damals verlassen musste. Überhaupt: Die ganze Stadt wird eine neue Blütezeit erleben. Die umliegenden Staaten werden mit ihren Ministern und Abgeordneten kommen, sich verneigen, und anerkennend loben, wie glanzvoll alles geworden und wie erhaben auch Gott ist.

So stellen wir uns das manchmal auch vor. Nach der OP werde ich bald wieder der Alte sein. Den Abschied, der wehgetan hat, werde ich bald abgehakt und von der Festplatte meiner Enttäuschungen endgültig gelöscht haben. Und nach dieser großen Niederlage in meinem Leben werde ich mich bald wieder völlig uneingenommen neuen Aufgaben und Zielen widmen können.
Dabei ist es gar nicht so einfach, sich „aufzumachen“, wenn so manches ganz anders gekommen ist und wenn Ereignisse eingetreten sind, die man überhaupt nicht im Blick hatte.
Auch die Wirklichkeit, von der das heutige Schriftwort spricht, ist damals eine andere gewesen. Die Stadt Jerusalem hatte immer noch ein erbärmliches Bild abgegeben. Die Stadtmauern waren längst noch nicht aufgebaut. Die Häuser lagen verwüstet am Boden. Und viele von denen, die dageblieben waren und sich in den Trümmern arrangiert hatten, sind nicht gerade besonders erfreut gewesen, dass plötzlich noch andere dazukamen und mit dem wenigen, das da war, auch noch mitversorgt werden wollten.

Der Epiphaniastag will darin bestärken, dass man sich gerade dann auf Gott fest verlassen kann, wenn etwas anders kommt als gedacht und man sich erst wieder umschauen oder einfinden muss.
Epiphanias heißt „Erscheinung“, Erscheinung der „Herrlichkeit des HERRN“ (vgl. V.1). Sie bleibt in allen Veränderungen und verschwindet nicht aus unserem Leben, wie die Weihnachtsdeko aus dem Wohnzimmer oder wie die Weihnachtsbäume, die in diesen Tagen wieder langsam abgeräumt werden.

Das Besondere an dieser Herrlichkeit besteht darin, dass man sich auf sie wirklich verlassen kann, aber gleichzeitig auch davon frei werden muss, dass sie nur so aufleuchten muss, wie man sich das gerade vorstellt.
Die Weisen aus dem Morgenland, die am heutigen Tag in den Blick kommen, machen es deutlich. Sie sind auf einen Stern, der ihnen mit einem Mal aufgeleuchtet ist, neugierig geworden. Sie machen sich auf, folgen seinem Lauf, lassen sich auch weiterleiten, als sie zunächst eine falsche Adresse ansteuern. Und dann kommen sie darauf: Nicht im Palast des Königs Herodes, auch nicht im Regierungsviertel der Hauptstadt finden sie den neugeborenen König, sondern ganz weoanders: in einem Futtertrog für Tiere. So haben sie sich das wirklich nicht vorgestellt.
Und anders als gedacht gehen sie auf dem Rückweg nicht wieder zu Herodes zurück, geben auch nicht den Ort preis, an dem die „Herrlichkeit des Herrn“ ihnen aufgeleuchtet ist, sondern ziehen auf „einem anderen Weg wieder in ihr Land“ (Matthäus 2,12).

An den Weisen sehe ich immer wieder, dass es gut und wichtig ist, nicht festgefahren zu sein.
Die Verheißung aus dem Buch des Propheten Jesaja macht frei von dem Wunschbild, dass alles immer nur so passieren und eintreten muss, wie man es sich selbst vorstellt oder wie man es in seinem engen Blick gefasst hat.
Viele haben sich dieses Licht, das der Prophet damals in Aussicht gestellt hat, auch viel ansehnlicher vorgestellt. Und so manche sind enttäuscht worden, weil dieses Licht den eigenen Erwartungen und der eigenen Vorstellungsweise der Dinge nicht standgehalten hat.
Alle, die auf irgendeine Weise festgefahren sind, werden immer enttäuscht sein, wenn etwas anders kommt. Aber die, die nicht auf die eigene Sache festgelegt sind, werden erleben, dass die „Herrlichkeit des Herrn“ gerade dann greift, wenn man sich neu sammeln und ausrichten muss. Das Licht, von dem der Prophet damals gesprochen hat, leuchtet gerade dann auf, wenn einfach Zeit braucht, den Weg, der gerade ansteht, zu entdecken.

Der Liederdichter Jochen Klepper hat es vor 75 Jahren für alle, die der Herrlichkeit Gottes vertrauen und für die Weihnachten nicht mit dem 6.Januar zu Ende geht, so formuliert:
„Doch wandert mit uns allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte
hält euch kein Dunkel mehr“ (EG 16,4).

Eine treffende Weiterführung für das, was die Weisen an der Krippe erlebt haben. „Beglänzt werden von dem Licht“, das von dem Kind in der Krippe ausgeht und sich dann wieder neu aufmachen, vielleicht auch unter anderen Vorzeichen.
Aufbrechen und dabei wissen, dass Gott einem die „Kleider des Heils“ angezogen hat (Jesaja 61,10).
Sich neu orientieren und dabei sicher sein, dass das Licht die Oberhand behalten wird, auch wenn die Anfänge klein und bescheiden sind.
Gewiss sein, dass keine Dunkelheit ewig währt. Auch wenn man das Dunkle des vergangenen Jahres nicht einfach so beiseitelegen kann, wie einen alten Kalender. Man kann es lernen und einüben, ein ganzes Jahr lang, dass nicht alles so ablaufen muss, wie man es sich vorgestellt hat und man kann frei werden für die Wege Gottes.
Mache dich auf, weil dein Licht da ist und auch über den heutigen Tag hinaus bleibt und dich auf deinen Weg bringt. „Gottes Herrlichkeit“ hat Möglichkeiten genug, dich behütet durch dieses Kalenderjahr zu bringen auch auf neue und ungewohnte Weise.
Und die Möglichkeiten Gottes, die immer größer und umfassender sind, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Thomas Volk, Pfarrer in den Kirchengemeinden Marktbreit und Ochsenfurt
thomas.volk@ elkb.de