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Epheser 6,10-17 - Angstfrei leben können - 21.Sonntag nach Trinitatis

Zuletzt: Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. Zieht an die Waffenrüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anschläge des Teufels. Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag Widerstand leisten und alles überwinden und das Feld behalten könnt. So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit und an den Beinen gestiefelt, bereit einzutreten für das Evangelium des Friedens. Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen, und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.

Liebe Gemeinde!

Der Kinofilm "Lebanon" erzählt die Geschichte von vier jungen Soldaten, die mit ihrem Panzer durch feindliches Gebiet fahren müssen. Das besondere dabei ist: Der Film spielt fast durchweg im Innern dieses Fahrzeugs. Der einzige Blick nach draußen ist der durch das Zielfernrohr.

Die vier jungen Männer kommen von der Route ab und geraten in gefährliche Situationen. Sie können dabei ihre Lage nicht immer richtig einschätzen, weil die Sicht nach außen nur durch das Fadenkreuz des Suchers zu beurteilen ist. Und der Zuschauer erlebt hautnah mit, wie beklemmend es ist, auf diese Weise eingeschlossen zu sein.
    
Man muss nicht unbedingt das nacherleben, was diese vier jungen Männer in ihrem Einsatz mitmachen, um sich wie eingeschlossen zu fühlen. Es reicht manchmal schon ein einziges Wort in einer Auseinandersetzung, das alle eigenen Argumente verblassen lässt und nichts anderes bewirkt, als dass man sich nur noch zurückzieht und auf jegliche weitere Debatte verzichtet.

Oder man ist in seinen Gedanken eingeschlossen, denkt im Kreis und kommt an der entscheidenden Stelle nicht weiter und hört irgendwann auf zu fragen, ob und wie es einen Ausweg aus dieser verfahrenen Situation geben kann.

Und manchmal kann auch der Glaube wie eingeschlossen sein und man ist dabei die Hoffnung aufzugeben, dass der Glaube auch nur annährend Berge zu versetzen vermag. Ein eingeschlossener Glaube traut Gott einfach nicht mehr zu, dass er Türen und Fenster aufbricht, so dass man aufrecht hinausgehen und mit viel Mut wieder an seine Aufgaben herangehen kann.
Eingeschlossen - und vielleicht auch bedroht - so stelle ich mir die Situation derer vor, an die der Briefabschnitt des heutigen Sonntags gerichtet ist. Eingeschlossen nicht in einem Panzer, sondern in dem Bewusstsein, das der Glaube gegen alle „Mächtigen und Gewalten“ (V.12) doch nichts ausrichten kann. Eingeschlossen vielleicht auch in dem Denken, dass Christen in der lebhaften Hafenstadt Ephesus als kleine Gruppe doch nichts vermögen und ausrichten können.

Die Worte, die der Briefschreiber dabei gebraucht, sind mir sehr fremd, wenn er empfiehlt, sich eine „geistliche Waffenrüstung“ (V.11) anzulegen. Wenn ich jemandem klar machen wollte, dass es Gottes größter Wunsch ist, dass das Vertrauen in seine Möglichkeiten niemals ausgehen möge, dann würde ich jedenfalls nicht solche Worte gebrauchen, die aus der militärischen Sprache kommen.

Mir fällt auf, dass die meisten Waffen, die der Briefschreiber anführt, zur Verteidigung diesen. Einen Panzer, ein Schild und einen Helm legt man an, wenn man sich bedroht fühlt und ich kann nur erahnen, was genau die Menschen damals so in Furcht versetzt hat. In dem Brief ist die Rede von „den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel“ (V.12). Gegen sie gilt es sich zu wappnen.

Bei diesen Worten muss ich unwillkürlich an Science-Fiction Romane wie „Eragon“ oder „Herr der Ringe“ denken, in denen Gut und Böse miteinander ringen und es lange Zeit ungewiss bleibt, ob das Gute am Schluss auch wirklich die Oberhand behält.

Mir ist jene Weltangst, die im ersten Jahrhundert nicht nur im östlichen Mittelmeerraum in Ephesus geherrscht hat, weit weg, wenn man sich größere Hilfe von irgendwelchen Zauberpraktiken oder Geisterbeschwörungen erhoffte als im stillen Gebet.

Sehr nahe ist mir allerdings die Besorgnis, die für mich hinter den Worten des Briefabschnitts steht, der Glaube könne vielleicht doch nicht immer den Halt geben, den man sich gerne erhofft. Und wenn im Leben einmal etwas Wichtiges wegbricht, sich dann auch Gott verabschiedet und damit das letzte Licht, das Hoffnung zu geben vermag, ebenfalls verlischt.

Wenn man sich eingeschlossen und bedroht fühlt, dann ist immer auch viel Angst dabei. So bei den vier jungen Männern im Film „Lebanon“, die weder zum Helden geboren noch sonderlich scharf auf Gewalt sind, die sich nicht einmal kennen und auch nicht wissen, ob sie sich wirklich aufeinander verlasen können.

Bei den Christen in Ephesus, die unter einer so großen Weltangst leiden, weil sie überall unheilvoll wirkender Mächte am Werk sehen und grübeln und abwägen. Was kann der Glaube dagegensetzen,
wenn schon ein einziges Gewitter wie ein Weltuntergang erscheint?

Und auch bei uns kann viel Angst mitschwingen, wenn man am liebsten aufgeben will und sich einfach nur noch verkriechen möchte, weil man sich nichts mehr zutraut - weil man sich wieder einmal viel zu schnell den Wind aus den Segeln hat nehmen lassen - oder weil man nicht mehr die Kraft hat, alle Steine, die sich auf dem Lebensweg stapeln und ein Weiterkommen schwer machen, beiseite zu schaffen.

Wer sich ängstlich eingeschlossen hat und bedroht fühlt, fragt auch, was er Gott noch zutrauen kann. Warum kann Gott nicht so machtvoll eingreifen, dass alle Zweifel verschwinden? Oder warum kann er zumindest nicht das eigene Selbstbewusstsein so stärken, dass man getrost seinen eigenen Weg gehen kann?

Es ist ein Verdienst des Epheserbriefes, dass er schon damals herausgestellt hat: Gott ist immer auch ein Gott über alle Mächte und alle Gewalten, auch über solche, die bewirken, dass mein Mut mit einem Mal sinken oder ich in eine Situation geraten kann, die für mich wie eine Bedrohung ist und ich ganz anders reagiere, als ich es sonst eigentlich tue.

Gerade weil es so viel Angst in der Welt gibt, appelliert der Epheserbrief an alle, die sich wie eingesperrt fühlen oder sich selbst eingeschlossen haben: „Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke“ (Epheser 6,10).

Oder, ohne Ausrufezeichen formuliert: Du kannst stark sein, weil du Gott an deiner Seite wissen darfst. Denn er weiß nur zu gut, wie schnell man mutlos und ängstlich werden kann - wie leicht alle Hoffnungen zerplatzen können - oder wie schnell im Leben alles außer Kontrolle geraten und man nichts anderes kann, als sich einzuigeln oder sich zu verkriechen.
    

Über hundert Male bewahrt die Bibel den lebensrettenden Befehl Gottes oder des Christus:
"Fürchte dich nicht!" Denn „mit deinem Gott kannst du über Mauern springen“ (Psalm 18,30).
Deshalb brauchst du keine Angst zu haben. Du hast es auch gar nicht nötig, dich einzuschließen, nur weil du meinst, die anderen sind vielleicht größer, lauter, vermeintlich intelligenter oder haben die besseren Ergebnisse oder Beziehungen.

Der Film „Lebanon“ macht mir auch deutlich: Angst gibt es immer auch auf der anderen Seite. Bei den Personen, auf die das Zielfernrohr des Panzers gerichtet ist, aber auch bei den Soldaten, die völlig unvorbereitet in diesen Krieg geschickt werden und nicht wissen können, wie man manche Situationen einschätzen muss. Deshalb ist auch nur eine angstfreie Welt ist eine sichere Welt.

Wie gerne würden wir alles Böse, auch die großen Kriege und die Terroranschläge mit vielen Opfern aus dieser Welt verbannen. Und wie gerne würden wir alle, die im großen Stil hetzen und schüren, zum Nachdenken und zum Schweigen bringen.

Auf alle Fälle können wir dafür eintreten, dass in unserer Umgebung weniger Menschen Angst haben müssen. Sei es, dass wir unseren dicken Panzer, mit dem wir nach innen unsere Ängste sicher verbergen und nach außen drohen oder einschüchtern, ablegen. Oder, dass wir uns einmischen, wenn andere in die Enge getrieben oder klein gehalten werden. Eine angstfreie Welt beginnt immer im Kleinen, im Wohnzimmer, am Gartenzaun, in der Schule, in der Konferenz.

Niemand muss denken, dass er bei dieser Aufgabe ganz alleine ist. Dafür gibt es Kirche. Das ist eine ihrer Grundaufgaben: Menschen den Gott nahe zu bringen, der alle Angst nehmen möchte, oder sie zumindest so weit binden will, dass niemand geduckt gehen oder sich verstecken muss. Wenn der Briefschreiber von einem „Evangelium des Friedens“ spricht (V.15), dann verkündet er einen Gott, der möchte, dass wir aufrecht gehen können, auch auf den Wegen, die ganz anders verlaufen sind als gedacht.

Kirche wird nur so glaubwürdig, wenn sie selbst ein angstfreier Raum ist, in dem hauptamtlich Mitarbeitende ohne Machtgehabe und Geltungsbedürfnis miteinander arbeiten, einander wertschätzen und auch aufrichtig loben können - wo Gruppen und Kreise sich in ihrer Andersartigkeit gegenseitig respektieren - wo unterschiedliche musikalische Gruppen sich als gleichwertig und gleichrangig behandeln und gemeinsam Projekte angehen können - und wo Eltern ihre Kinder sicher und behütet wissen dürfen.

Das Vermächtnis des Epheserbriefes hat einmal Martin Luther King so in Worte gefasst: "Die Angst klopft an die Tür, der Glaube antwortet, niemand tritt ein."

Das wäre wirklich ein großer Nachlass dieses Briefes, der in Inhalt und Sprache heute so weit weg scheint: Niemand muss sich in seinem Kämmerchen verkriechen, weil man sich vor irgendwelchen „Mächtigen und Gewalten“ fürchtet. Niemand braucht sich vor lauter Angst verstecken, weil irgendwas schief gehen könnte. Niemand soll sagen: Ich versuche es nicht mehr, weil irgendjemand doch was dagegen haben könnte.

Christen dürfen mutig an ihr Leben herangehen, weil sie wissen, dass Gott sie so stark macht, dass sie ihn bei allem, was passiert, an seiner Seite wissen dürfen, weil er verheißt: „Sei mutig und entschlossen! Lass dich nicht einschüchtern, und hab keine Angst! Denn ich, der Herr, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst“ (Josua 1,9 nach der Übersetzung „Hoffnung für Alle“).

Und die Weite Gottes, die umfassender und höher und umfangreicher ist als alles andere, was uns in seinen Bann ziehen will, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

  • Predigt zum Sonntag, 24. Oktober 2010, gehalten von Pfr. Volk in St. Nikolai, Marktbreit.