Predigtansicht

Epheser 2, 19 - Wer gehört dazu? - 7.Sonntag nach Trinitatis

Ein Farbiger wünschte in eine New Yorker Gemeinde aufgenommen zu werden. Der Pfarrer war reserviert. „Tja“, sagte er, „da bin ich nicht sicher, Mr. Jones, ob es unseren Gemeindegliedern recht sein würde. Ich schlage vor, sie gehen erst mal nach Hause und beten darüber und warten ab, was ihnen der Allmächtige dazu zu sagen hat.“ Einige Tage später kam Mr. Jones wieder. Er sagte: „Herr Pfarrer, ich habe ihren Rat befolgt. Ich sprach mit dem Allmächtigen über die Sache, und er sagte mir: „Mr. Jones, bedenke, dass es sich um eine sehr exklusive Kirche handelt. Du wirst wahrscheinlich nicht hineinkommen. Ich selbst versuche das schon seit vielen Jahren, aber bis jetzt ist es mir noch nicht gelungen.“

 

Auch wenn diese Geschichte weit weg von uns passiert ist - überall auf der Welt kommt es vor, dass jemand sagt: „Ich gehöre einfach nicht dazu. Ich habe nie eine Chance bekommen. Ich war immer nur der Fremde, die Zugereiste, die Reingeschmeckte.“

Ich höre das jedenfalls immer wieder. Von denen, die es schwer hatten, sich neu einzufinden. Von denen, die sich viele Jahre vergeblich abgemüht haben oder vielleicht zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Auch von denen, die niemanden hatten, der sie gefördert und sie nur als Mittel zum Zweck benutzt hat.

 

Der Wochenspruch für diese Woche sagt es ganz anders herum: „Ihr seid nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen (Epheser 2,19).

Von Gott her ist es anders gedacht mit dem Zusammenleben von Menschen. Wir alle gehören dazu, sind ein Haushalt, ein Kreislauf, gehören zu einer Gemeinschaft, sind mit Gott Teilhaber eines einzigen großen Hauses.

 

Aber von Anfang an, haben sich Menschen damit schwer getan. Seit es Christen gibt, ist das eine ganz wichtige Frage für sie gewesen: Wer gehört dazu? Wer gehört zur Gemeinschaft Gottes? - Die, die schon immer da waren? Oder auch die, die neu dabei sind? Und was ist mit denen, die manches noch einmal ganz anders sehen?

Das war eine der bestimmenden Fragen der ersten Kirche: Können auch diejenigen Christen werden, die keine Juden sind? Und wenn ja, müssen sie dann erst den Zwischenschritt machen und zunächst Jude werden, bevor sie den zweiten Schritt machen?

Von Anfang an ist es so gewesen. Die einen haben gedacht, dass nur bestimmte Personen dazugehören. Und andere, wie der Verfasser des Wochenspruches, haben befürchtet, dass etliche dabei auf der Strecke bleiben, wenn man immer nur unter sich bleiben möchte. So wie mancher Kirchenchor oder Frauenkreis sich irgendwann aufgelöst hat, weil niemand mehr da war und weil man es in guten Zeiten verpasst hatte, auch die anderen einzuladen und dazuzuholen.

 

Auch der unterfränkische Kirchentag am vergangenen Sonntag in Castell hat übrigens genau dieses Thema aufgegriffen. Der Tag stand unter dem Leitgedanken: „Kirche im Land - den Wandel gestalten.“ Wie geht Kirche damit um, dass die, die immer schon dabei gewesen sind, immer weniger werden? Und was tun wir, um anderen das Gefühl zu geben, dass sie wirklich willkommen sind und dass sie sich mit ihrer gesamten Lebensgeschichte bei uns gut aufgehoben wissen dürfen?

Auch bei manchen Kirchenoberen ist es mittlerweile durchgedrungen, dass Kirche heute einen Wandel gestalten, neue Wege beschreiten muss, und nicht mehr nur auf dem hohen Ross sitzen darf.

 

Auf alle Fälle: „Niemand muss eine Krise kriegen, weil sich alles wandelt.“ So hat es Landesbischof Friedrich treffend in seiner Predigt verkündet. Und weiter: „Kirche hat sich schon immer wandeln müssen. Schon die ersten Christen sind einem stetigem Wandel ausgesetzt gewesen“

Auslöser war übrigens genau unsere Frage: „Wer gehört eigentlich dazu?“

Der Schreiber des Epheserbriefes sagt es ganz klar: „Auch die anderen gehören dazu, wie Mr. Jones.“ Auch sie sind „Gottes Mitbewohner.“ Beide sind es. Und mit allen möchte Gott nicht nur seine Wohnung bauen, sondern auch darin wohnen, das Leben teilen, gute Zeiten genießen und schlechte Zeiten bestehen, Lebensmut und Zukunftshoffnung weitergeben.

Dazu ist Jesus nicht in die Welt gekommen, damit nur ein exklusiver Teil Anteile bekommt. Wer das richtig verstanden hat, dem muss auch deutlich geworden sein, dass auch die Anderen gemeint sind.

Bei Gott ist das völlig ausgeschlossen. Dass die einen schon immer Platzhirsche sind und die anderen - wenn überhaupt - sich erst ihre Stellung verdienen müssen.

Der Epheserbrief sagt es so: „Christus „ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater. So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinander gefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn (Epheser 2,17-21).

 

Was im Kleinen - ob in Ephesus damals oder heute bei uns - gilt, das hat auch im Großen Bestand. Was in einer Kirchengemeinde selbstverständlich ist, das soll auch im viel größeren Rahmen gelten.

Seit über 15 Jahren gibt es eine feste Partnerschaft zwischen dem Evang. - Luth. Dekanat Würzburg und dem Evang. - Luth. Dekanat Ruvuma im Süden von Tansania. Die Partnerschaft macht deutlich dass Christen über alle Grenzen hinweg zusammengehören und einander brauchen.

Wir wollen aufeinander hören. Wir wollen auch voneinander lernen. Und wir wollen miteinander teilen. So lauten die Leitgedanken, festgehalten in der Partnerschaftsurkunde vom 31.10.1992 in Würzburg / St. Stephan. Jährlich findet in beiden Dekanaten jeweils ein festlicher Gottesdienst statt.

 

Und heute sind Sie, lieber Herr Feulner, mit dem Tansaniachor des Würzburger Dekanates hier, um uns den Blick zu weiten und uns zu sagen. Wir alle sind Gottes Hausgenossen. Wir alle sind eingebettet in eine große Gemeinschaft von Christen. Wir brauchen alle einander. Wir alle sind aufeinander angewiesen

 

Noch vor 20 Jahren hat man - wenn von Afrika die Rede war - von der dritten Welt gesprochen. Die „Erste Welt“ waren die entwickelten Länder Westeuropas, Nordamerikas und Australiens. Die „Zweite Welt“ waren die kommunistischen Länder wie die damalige UdSSR, die Volksrepublik China, die DDR, Nordkorea, Nordvietnam, Kuba usw.. Die „Dritte Welt“ hingegen waren die unterentwickelten Länder. Die, die nicht das nötige Wissen und die technischen Fertigkeiten haben und auch nicht die nötigen Festkonten.

Heute sagt man anders. Heute spricht man von der „Einen Welt“. Heute wissen wir, dass auch die anderen ganz fest dazugehören und dass wir längst nicht mehr die Gebenden und die anderen die Empfangenden sind. Heute wissen wir, dass wir gemeinsam in einem großen Haus wohnen und einander brauchen.

Der Begriff „Eine Welt“ steht für ein neues Verständnis. Er steht für die Einsicht, dass niemand es mehr alleine schafft. Ob in Ruvuma oder in unserem Dekanat, ob im Gymnasium von Marktbreit oder auf den Vorstandsetagen der Großkonzerne - wir brauchen Menschen, die nicht mitmachen beim Angst schüren, bei Korruption, beim An-den-Rand-Drängen von Menschen, die auch nicht mitmachen, wenn andere übervorteilt werden sollen.

Das eint uns heute mit Afrika, dass beide Kontinente im Zuge der Globalisierung in Verhältnisse eingebetet sind, die sie nicht mehr im Griff haben.

Und neue Entwicklungen werden das Gesicht der Welt in den nächsten Jahren noch mehr verändern. Viele Zukunftsforscher sprechen von einer "neoliberalen Globalisierung". Das heißt: Uns steht eine 20:80 Gesellschaft bevor, wo nur noch 20% gebraucht werden, um die Weltwirtschaft in Schwung zu halten. Und was wird mit den anderen 80% sein? Und wo werden wir dazugehören?

Auch Afrika ist längst zum Spielball der Globalisierung geworden. Ausländische Gesellschaften profitieren seit langem schon vom Reichtum des Landes. Vor allem das Beispiel Nigeria zeigt, wie krank das Weltsystem ist. Nigeria könnte eines der reichsten Länder der Welt sein, wenn die Gelder, die der Ölexport einbringt, einigermaßen gerecht verteilt werden und zum Nutzen der Bevölkerung investiert werden.

Die Wirklichkeit ist anders. Da bauen Chinesen in Tansania eine große Straße. Nicht, weil sie der Bevölkerung das Leben leichter machen möchten, sondern weil sie gleichzeitig die Bodenschätze gewinnbringend fördern und entäußern und rasch zum nächsten Flughafen befördern möchten.

 

Sie und ich - wir alle werden an diesen Verhältnissen möglicherweise nichts ändern können. Sie und ich - wir mögen uns hilflos vorkommen, wenn die Großen der Welt ihre Preisabsprachen machen und nicht all die im Blick haben, die auf der Strecke bleiben.

Deshalb bin ich froh, dass es diese Partnerschaft gibt und dass sich Jahr für Jahr beide Gemeinden besuchen, so einander stützen und stärken, voneinander lernen und so miteinander leben, dass sie Gottes Hausgenossen sind.

Deshalb fahren wir Marktbreiter mit unseren Konfirmanden in diesen Sommerferien zum ersten Mal auf unser erstes Konfi-Camp an die Nordsee. In Hörnum auf Sylt wollen wir es 11 Tage lang erleben, wie gut es tut, wenn alle dazu gehören, wenn niemand außen vor ist. Und wir wollen es 11 Tage lang einüben, dass wir alle einander brauchen und dass wir alle etwas beitragen können, damit alle dazugehören.

 

Ob Mr. Jones mittlerweile Zugang zu seiner Gemeinde gefunden hat, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es wichtig ist immer wieder dahin zu kommen, dass auch andere neben uns Platz haben. Wir sind Gottes Hausgenossen. Wir sind Gott viel zu wichtig, als dass es immer nur um uns geht.

Amen.

 

Predigt zum 7. Sonntag nach Trinitatis, 6. Juli 2008, gehalten von Pfarrer Thomas Volk in St. Nikolai, Marktbreit