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Johannes 7,37-39 - Empfangen und weitergeben - Sonntag Exaudi

Johannes 7:37-39 (III) - Exaudi - 05.06. 2011 - Erlach /Ochsenfurt:

 

Liebe Gemeinde,

zum heutigen Schriftwort müssen Sie sich in Gedanken einen Schalenbrunnen vorstellen. Das ist ein Brunnen, der aus mehreren Schalen besteht. Wenn eine Schale mit Wasser vollgelaufen ist, dann läuft es über in die nächste. Das Schöne an einem solchen Brunnen ist: Er ist er voller Bewegung, weil sich das Wasser von allen Seiten in andere Schalen ergießt.

Dieses Bild von dem Schalenbrunnen passt gut zum heutigen Bibeltext aus dem Johannesevangelium. Hörten Sie aus dem 7. Kapitel, die Verse 37-39:

Aber am letzten Tag des Festes, der der höchste war, trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!

Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.

Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

 

Dieses Bild von den Schalen, die sich solange auffüllen bis sie überlaufen, ist ein verheißungsvolles Bild, weil es deutlich macht: Du bist damit gemeint! Du bist wie eine solche Schale. In dich hinein fließen „Ströme lebendigen Wassers“. Du kannst jeden Tag mit allen Anforderungen neu angehen. Und du kannst auch anderen weiterreichen, was sie sich gerade nicht selbst geben können: Zum Beispiel neuen Lebensmut, der manchmal ganz schnell versiegen kann. Oder die Gewissheit, dass sie wertvolle Menschen sind, gerade dann, wenn ihnen das nicht unbedingt bewusst ist.

Das Bild von den Schalen und dem „lebendigen Wasser“ ist zugleich ein tröstliches Bild für all die, die sich gerade wie leer vorkommen, ausgebrannt oder wie vertrocknet sind. Für die, die sich in der vergangenen Woche gewünscht haben wie eine Schale zu sein, aus der etwas überfließt und andere daraus schöpfen können, aber bitter feststellen mussten, dass alles Gutgemeinte nicht angekommen ist. Es sagt: Du kannst geben, kannst etwas bewirken, auch wenn du dich nicht immer gleich verstanden fühlst.

Es ist auch ein Mut machendes Bild für all die, die gerade zurückgezogen leben oder im Moment mit sich selbst zu tun haben und vielleicht früheren Zeiten nachtrauern, in denen manches leichter von der Hand ging. Wo die Kräfte überschwänglicher waren und man manche arbeitsreiche Zeiten scheinbar mühelos gemeistert hat. Das Bild von den Schalen sagt: Es wird wieder etwas fließen, vielleicht anders als früher, aber dennoch so, dass es auch auf dich ankommt.

Das Bild von den Schalen und dem „überfließenden Wasser“ ist aber auch eine Erinnerung an die, die meinen, sie müssten alles alleine schaffen und glauben, dass die eigenen Kräfte und Fähigkeiten unermesslich sind und dass man selbst die Quelle aller Möglichkeiten ist. Das Leben ist mehr als Geben, als Schaffen, als Anpacken. Es ist auch ein Empfangen - ein Staunen über alles, was einem geschenkt wird - ein Aufmerksam werden, wie viel Gnade doch in allem dabei ist.

 

Als Jesus diese Worte von den „Strömen lebensdigen Wassers“ ausgesprochen hat, hatte er sehr wahrscheinlich keinen Schalenbrunnen vor Augen.

Hintergrund unserer Szene ist vielmehr das dritte der drei großen jüdischen Feste, das Laubhüttenfest. Es wurde mit einer Wallfahrt nach Jerusalem im Herbst gefeiert und dauerte eine Woche.

Die Besonderheit war, dass man in Laubhüttenhütten wohnte. Wahrscheinlich kam das daher, dass man zur Zeit der Weinernte den ganzen Tag und auch die Nächte in den Weinbergen zubrachte. Zugleich war es auch eine Erinnerung an das Wohnen in Zelten zu Zeiten der Wüstenwanderung.

Eine weitere Besonderheit dieses Festes bestand darin, dass täglich von Priestern Wasser aus einer Quelle geschöpft und in feierlicher Prozession zum Tempelplatz gebracht wurde, wo man es am Brandopferaltar in eine Schale goss. Mit diesem Vorgang hat man um Regen für das kommende Jahr gebeten. Vielleicht hat man sich auch daran erinnert, wie kostbar Wasser damals in der langen Wüstenzeit gewesen ist.

Und am letzten Tag dieses siebentägigen Festes gibt Jesus auf dem Tempelplatz diesem Wasserritus eine ganz neue Bedeutung. Während der Feierlichkeiten steht er auf und ruft in die Menge hinein: „Wer durstig ist, der komme zu mir und trinke“ (V.37).

 

Ob Bild vom Schalenbrunnen oder Worte vom „lebendigen Wasser“, das bei denen, die davon nehmen, neue Ströme erzeugen wird - die Aussage ist die Gleiche: Du empfängst im Leben unendlich viel. Deshalb kannst du auch überreichlich weitergeben, ohne dass es dich große Anstrengung oder Überwindung kostet.

Mit anderen Worten: Du, der du die große Urquelle kennst, kannst darauf vertrauen, dass dir aus ihr alle Lebensenergien zufließen, die du brauchst, um alle unterschiedlichen Lebenszeiten zu bewältigen. Alle Dürreperioden, die man aushalten muss und in denen man sich gerade besonders fragt, warum und wieso man diese Zeit durchleben muss. Aber auch alle Hochwasser, in denen so manche Hoffnung zunichtegemacht wird oder so manches, was man sich aufgebaut hat, überflutet und weggeschwemmt wird. Durch Jesus, den Christus, der diese Lebensströme angeschoben hat, ist dir das verbürgt.

 

Deshalb ist Leben immer Bewegung, andauernde Veränderung, stetiges Fließen, jedenfalls kein Stillstand. Und du selbst kannst zu einem kleinen oder großen Nebenfluss werden und lebendiges Wasser weiterleiten. Du kannst andere aufbauen, sie stärken, dass auch ihnen wieder etwas erblüht. Kannst mithelfen, dass dem großen Schalenbrunnen eine weitere Schale hinzufügt wird und zum Überlaufen kommt.

Es gibt viel zu viele Menschen, bei denen sich alles nur um sie selbst dreht und die sich für den Maßstab aller Dinge halten. Die nur um sich kreisen. Ständig auf der Suche nach Anerkennung sind, aber niemals andere loben können. Keine Kritik vertragen und darum auch niemanden neben sich dulden.

Das Leben ist nicht wie ein Staudamm, der alles speichert, hortet und für sich behält, sondern wie eine Schale. Vielmehr darauf kommt es an: ein durchlässiger Mensch zu werden! Auf der einen Seite offen für den, der verheißen hat, dass die Ströme Leben schaffenden Wassers niemals versiegen werden. Und auf der anderen Seite offenherzig für alles, was um einen herum geschieht an Entwicklungen, Meinungen, Menschen, die dir begegnen.

 

Das Leben hat mit Fließkräften zu tun. Mit Strömen lebendigen Wassers. In uns hinein und aus uns wieder heraus. Das hält uns in Bewegung, verschafft Leben, wie Jesus es auf dem Laubhüttenfest gemeint hat.

Kämen wir mit keinem „lebendigen Wasser“ in Berührung, würden wir irgendwann versiegen, unser Leben nur fristen, die täglichen Abläufe mechanisch abspulen, aber die vielen Farbschattierungen nicht mehr wahrnehmen.

Und wären wir kein durchlässiges Gefäß, würden wir uns nur an unserer „eigenen Wichtigkeit berauschen“ (Alexander Hagelüken). Wir wären der Vorstellung versessen, wir wären das Maß aller Dinge. Wir wären der irrigen Annahme verfallen, wir könnten uns aus dem Teich, in dem wir fischen, alles herausnehmen, ob Macht oder Einfluss, könnten uns alles leisten und kaufen, ob Meinungen, Stimmungen oder Menschen.

 

Das Bild von dem Brunnen mit den Schalen in denen „lebendiges Wasser“ hinein und wieder hinausläuft hat natürlich auch eine Grenze. Wir sprudeln nicht immer über. Und manchmal fühlen wir uns von der Urquelle abgeschnitten oder merken, wie alle Ströme irgendwie nicht ankommen oder in uns versiegen. Nicht immer sind wir eine überfließende Schale. Es gibt Zeiten, da kreisen wir um uns selbst oder haben mit uns viel zu tun. Wichtig aber, dass wir in uns die Sehnsucht bewahren, sich nicht mit einem Leben abzufinden, in dem sich alles nur um einen selbst dreht. Deshalb ist die Bitte um solches Wasser immer auch die Bitte um den Geist Gottes (vgl. V.39).

Aber gut, dass es andere gibt, die sich an solchem Strom angeschlossen wissen und andere und uns dann so lange mit lebendigem Wasser begießen, bis auch wir wieder eine überfließende Schale in dem großen Schalenbrunnen werden.

Kirche ist immer darauf angewiesen, dass es Menschen gibt, die solch „lebendiges Wasser“ weitergeben können, die helfen und heilen. Die ihren Mund auftun für die Stummen. Die nicht immer alles gleich besser wissen, sondern offen für neue Entdeckungen sind. Die gleich bemerken, wenn jemand zum ersten Mal am Sonntag im Gottesdienst ist und diese Person herzlich willkommen heißt. Die sich auch Gedanken machen, wie man neue Wege in der Gemeinde gehen kann, in der Konfirmandenarbeit oder in der musikalischen Gestaltung der Gottesdienste.

 

Wir müssen uns das als Kirche eingestehen. Kirche hat auch nicht immer unbedingt mitgeholfen, dass „lebendiges Wasser“ fließen kann, hat Schleusen gebaut und gefiltert und hat auf so manche Staumauer mit großen Worten geschrieben: „Das haben wir schon immer so gemacht!“

Der Evangelist Johannes hat sein Evangelium übrigens für Gemeinden geschrieben, deren Selbstverständnis ausschließlich von dem Glauben an den geprägt gewesen ist, der von sich gesagt hat: „Von mir gehen Ströme „lebendigen Wassers“ aus. Oder: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“ (Johannes 15,5). Und alles, was man füreinander und miteinander tut, entspringt aus diesem Selbstverständnis.

Die Gemeinden, für die der Evangelist Johannes schreibt, kennen am Ende des 1. Jahrhunderts keine Kirchenverfassung, keine Rechtssammlungen, keine Hierarchie. In seinen Gemeinden gibt es lediglich Propheten und Lehrer, die immer wieder diesen Fließstrom betonen. Und Johannes ist davon überzeugt, dass alle Gemeindeglieder Träger und Empfänger „von lebendigem Wasser“ sein können. Alle können sich zu einem großen Schalenbrunnen vereinen, die von Christus empfangen und dann einander weitergeben.

Die Geschichte hat gezeigt, dass dieser Traum bald ausgeträumt gewesen ist und die Gemeinden entweder verschwunden oder in der aufkommenden „Großkirche“ mit Bischöfen und Gemeindevorstehern, mit festen Strukturen und einheitlichen Bekenntnissen aufgegangen sind.

 

Deshalb bitten wir heute, drei Tage nach Himmelfahrt und eine Woche vor dem Pfingstfest, besonders um Gottes Geist. Wir bitten vor allem darum, dass wir dem Geist Gottes nicht im Wege stehen, dass wir alles „lebendige Wasser“ nicht stauen oder umleiten und uns immer wieder neu in Erinnerung rufen lassen. Wir sind wie Schalen, wie durchlässige Gefäße. Wir können immer wieder neu „lebendiges Wasser“ empfangen und weitergeben.

Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes (Römer 15,13).

 

 

 

Predigt zum Sonntag Exaudi, 5. Juni 2011, gehalten von Pfarrer Thomas Volk in Erlach und Ochsenfurt