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EG 637 (Von guten Mächten) - Altjahresabend 2014

Liebe Gemeinde,

ein Lied hat heute Geburtstag. Es wird an diesem Altjahresabend 70 Jahre alt. Für viele ist es aus den Gottesdiensten um den Jahreswechsel nicht mehr wegzudenken, weil es wie kaum ein anderes Lied den Wunsch aber auch zugleich die Zuversicht ausspricht, gerade auch in einem neuen Kalenderjahr „behütet und getröstet“ zu sein.

Das Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ ist von Dietrich Bonhoeffer am Jahreswechsel 1944 / 1945 geschrieben worden. Er befindet sich im Gefängnis. Über eineinhalb Jahre wird er schon vom NS-Regime gefangen gehalten.

Ich möchte Sie noch einige Jahre weiter zurück mitnehmen. Mitte der dreißiger Jahre hat Dietrich Bonhoeffer, als er noch das Predigerseminar in Finkenwalde leitete, einmal zu seinen Studenten gesagt: „Wenn ein Wahnsinniger mit dem Auto durch die Straßen rast, kann ich mich als Pfarrer nicht damit zufrieden geben, die Überfahrenen zu trösten oder zu beerdigen, sondern ich muss dazwischen springen und ihn stoppen.“

Alle haben damals sehr gut verstanden, wer mit dem Wahnsinnigen gemeint ist und was dieser verschlüsselte Ausspruch bedeuten soll. Und weil Dietrich Bonhoeffer im Verdacht stand, mit denen in Verbindung zu stehen, die Hitler in seinem wahnsinnigen Rausch der Welteroberung stoppen wollten, wurde er in die Militärabteilung des Gefängnisses von Berlin-Tegel eingeliefert. Am 5.April 1943 ist das gewesen. Mit ihm sind auch sein Schwager Hans von Dohnanyi und einige andere verhaftet worden. Manche sind bald wieder frei gekommen, Dietrich Bonhoeffer jedoch nicht. Er wartete Tag für Tag auf den Freispruch. Nichts geschah. Der Sommer ging vorüber. Auch der Herbst. Die Adventszeit kam.

Am 17.Dezember 1943 schreibt er in einem Brief an die Eltern: „Wenn es mir auch über mein Begriffsvermögen geht, dass man mich möglicherweise noch über Weihnachten hier sitzen lassen will, so habe ich in den vergangenen achteinhalb Monaten doch gelernt, das Unwahrscheinliche gerade für wahrscheinlich zu halten.“

Manche von uns haben es in diesem Jahr auch erlebt. Das, was man nicht für möglich gehalten hat, ist eingetreten. Immer wieder neue Medikamente musste man einnehmen oder die Leichtigkeit, mit der man so vieles geschultert hat, sind auf einmal weggewesen. Die Noten sind in den Keller gerutscht und das große Erfolgserlebnis ist ausgeblieben. Und niemand kann sagen, wann man endlich wieder im gewohnten und normalen Leben aufwacht

 

Dietrich Bonhoeffer muss erleben, dass das, was er als das Unwahrscheinliche nennt, für ihn Wirklichkeit ist. Er verbringt nicht nur die Weihnacht 1943 im Tegeler Gefängnis, sondern auch die Weihnacht 1944 in der Zelle. Diesmal allerdings in der Prinz-Albrecht-Straße. Nachdem das Attentat auf Hitler am 20.Juli 1944 fehlschlug, überstellte ihn die Gestapo in den Keller ihrer damaligen Zentrale. Er sollte nie wieder in Freiheit kommen.

Beim zweiten Jahreswechsel, von 1944 auf 1945, werden die Nachrichten nach draußen immer spärlicher. Zu den letzten Lebenszeichen gehören ein Brief, den er am 28.Dezember an seine Eltern schickt und ihn in dem er sich für alle Verbundenheit dankt und dann diese Verse, die sich heute zum 70ten Mal jähren.

 

„Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.“

Diese erste Strophe spricht all denen aus dem Herzen, die sich das für das kommende Kalenderjahr so sehr wünschen: Ich möchte gerne „behütet und getröstet“ sein, damit ich auch alle Tage, die ich mir nicht ausgesucht habe, bewältigen und alle Stunden, in denen ich mich alleine und unverstanden vorkomme, bestehen kann.

Auf der anderen Seite sprechen diese Verse eine tiefe Zuversicht aus. Was im neuen Jahr auch kommen mag, ich vertraue darauf, dass ich „von guten Mächten wunderbar geborgen sein werde“. Ich habe diese guten Mächte schon oft in meinem Leben und auch in diesem zu Ende gehenden Jahr gespürt. Ich habe wieder neue Kraft bekommen, neues Zutrauen in das Leben. Ich bin wieder rausgegangen. Ich habe erlebt, wie die eine Sache doch gut ausgegangen ist. Der Altjahresabend lädt ein, eine eigene Chartliste zu erstellen: Meine TOP 3 Situationen / Momente, in denen ich mich „behütet und getröstet“ gefühlt habe. Und diese Übersicht mit in das neue Jahr nehmen, wenn einmal das Vertrauen ausgehen sollte.

 

„Von guten Mächten treu und still umgeben.“ Diese Verse sind nach 1945 so populär wie kaum andere geworden. Bis zu 50mal sind sie bis heute vertont worden. Die Melodie von Otto Abel von 1959 wurde vor mittlerweile 20 Jahren unter der Nummer 65 in den Hauptteil des Evangelischen Gesangbuchs aufgenommen. Bekannter ist jedoch eine andere Melodie geworden. Es ist die von Siegfried Fietz von 1971. Im Gesangbuch ist sie unter der Nummer 637 zu finden.

Es gibt heute kaum einen kirchlichen Anlass, wo dieses Lied mit dieser Melodie nicht gesungen wird. Verständlich, weil es denen aus dem Herzen spricht, die wirklich nicht mehr weiterwissen oder an sich merken, wie sich alles Vertrauen in Gottes Wege immer mehr auflöst.

 

In jeder Strophe kann man das persönliche Ergehen Bonhoeffers herauslesen. Er ist völlig im Ungewissen, wie es mit ihm weitergehen wird. Ob er noch einmal in die Freiheit erleben darf oder ob er einen bestimmten Weg gehen muss, bis zum bitteren Ende.

Am 17. Januar 1945 schreibt Bonhoeffer den letzten Brief an seine Eltern. Am 7. Februar wird er in das KZ Buchenwald verlegt, Anfang April 1945 ins KZ Flossenbürg, wo er wenige Tage später, am 9.April, hingerichtet wird.

 

Dietrich Bonhoeffer ist kein Träumer. Er weiß, dass das neue Jahr auch ganz anders ausgehen kann, als er hofft. Und er weiß auch nur zu gut, was die Folgen sind, wenn man immer noch davon überzeugt ist, einem betrunkenen Autofahrer das Steuerrad entreißen zu müssen, aber einfach nicht die Möglichkeiten hat.

Er ist konsequent. Wie viele andere haben geleugnet oder haben, um ihr Leben zu retten, sich zu einem Verhalten hinreißen lassen, bei dem sie sich selbst verleugnet haben. Viele andere haben ihre Ideale aufgegeben, haben andere verleugnet, verraten oder einfach nur zugeschaut.

In der dritten Strophe beschreibt er diesen geradlinigen Weg bis zum Äußersten, wenn er dichtet:

„Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.“

Diese dritte Strophe wird in Gottesdienten eigentlich nie gesungen, weil es eine persönliche Strophe ist und weil wir uns in einem demokratischen Land nicht mehr vorstellen können, den Kelch bis zum bitteren zu trinken, konsequent den eigenen Weg gehen, wie Menschenrechtler in China oder in totalitären Staaten Afrikas, gegen alle Widerstände hinweg für das Recht der Schwachen einzutreten und dafür sogar den Tod in Kauf nehmen.

 

Aber ich nehme aus diesem Lied für das neue Jahr das eine mit, was die 5.Strophe ausspricht:

„Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.“

Das ist nicht nur eine schöne Bitte, dass wir alle im kommenden Jahr wieder zusammenkommen, sondern auch eine vertrauensvolle Zuversicht, dass Gottes Licht scheinen wird. An allen Tagen und in allen Nächten. Auf allen Wegen, die wir gehen werden. Auch auf denen, die uns niemand abnehmen wird.

Und alle, die darauf vertrauen, dass dieses Licht, das an Weihnachten in die Welt gekommen ist, scheint, werden es spüren und erleben, dass sie von guten Mächten geborgen sein werden und werden noch staunen, wie wunderbar so manche Wege sein werden.

Und die Freude an Gott, die umfassender und größer und tragfähiger ist als alle gegenwärtigen Widrigkeiten, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk zum Altjahresabend, 31.12.2014.
Gehalten in Erlach und Marktbreit