Predigtansicht

Die Gabe, Veränderungen im Leben zu erkennen und anzugehen, Predigt zu Matthäus 16,13-19

Liebe Gemeinde,

es ist immer interessant, wenn man merkt, dass man in einer Sache ganz unterschiedlicher Meinung sein kann. Ob der Abstieg der Mannschaft verdient oder unverdient war? Ob der neue Kinofilm sehenswert ist oder nicht? Oder ob die neue Inszenierung am Theater gut angekommen ist. Darüber kann man durchaus verschiedener Ansicht sein.

Eine völlig kontroverse Sichtweise kann man auch zu den Geschichten aus der Bibel haben. Die heutige ist so eine. Hören Sie aus dem Matthäusevangelium, aus dem 16. Kapitel, die Verse 13-19. Als Überschrift steht in der Lutherbibel dazu: „Das Bekenntnis des Petrus und die Verheißung an ihn“.

13 Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?

14 Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten.

15 Er sprach zu ihnen: Wer sagt denn ihr, dass ich sei?

16 Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist der Christus, des lebendigen Gottes Sohn!

17 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: „Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.“

18 Und ich sage dir auch: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bau-en, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.

19 Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.“

 

Verschiedene Sichtweisen

Für die römisch-katholische Kirche ist klar: Diese Verheißung „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen“ (V.18) ist die Grundlage für das Papsttum. Wer schon mal den Petersdom in Rom besichtigt hat und im Inneren hinauf auf die gewaltige Kuppel blickt, stößt unüberschaubar auf diese Worte in lateinischer Sprache.

Nachdem aber dieser Abschnitt in evangelischen Kirchen gerade am Pfingstmontag aufgetragen ist auszulegen, erschließt sich in diesem Zusammenhang für mich ein ganz anderer Sinn.

Für mich geht es gerade nicht um etwas Festes, etwas auf Felsen gebautes, das ein für alle Mal starr und unbeweglich bleibt. Ich lese aus diesem Abschnitt viel Veränderung heraus.

Nicht nur weil sich gerade so viel verändert: Die politische Landschaft, in der es schon länger keine einfache Mehrheiten mehr gibt. Kirchengemeinden, die keine Pfarrerin / keinen Pfarrer mehr für sich ganz alleine haben. Und wir ändern uns ja auch.

Veränderungen sind nicht immer nur schön und angenehm, denn es gibt ja auch Veränderungen, die wir uns nicht wünschen und mit denen wir dennoch umgehen müssen. Der heutige Ab-schnitt sagt mir allerdings, dass sie auch etwas Verheißungsvolles in sich tragen.

 

Die Veränderung im Leben des Petrus

Die erste Veränderung sehe ich bei Petrus selbst. Alleine die Tatsache, dass der Evangelist Matthäus ihm diese Aussage „Du bist der Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ (V.16) in den Mund legt, macht deutlich, dass sich in den Monaten, in denen er mit Jesus unterwegs ist, et-was Grundlegendes verändert hat.

Für Petrus ist Christus nicht einfach Johannes der Täufer, den Herodes hat umbringen lassen und der womöglich auf geheimnisvolle Weise doch wieder da ist. Auch nicht Elia, von dem die Bibel berichtet, dass er mit einem Feuerwagen in den Himmel aufgefahren ist und viele sich eine Rückkehr von ihm erhofft haben, als Vorbote des Messias. Auch nicht Jeremia, der zu sei-nen Zeiten bereits völlig quer zur herrschenden Gesellschaft lag oder irgendeiner der anderen Propheten.

Nein. Petrus bekennt: „Du bist Christus! Du bist der Sohn des lebendigen Gottes“ (V.16).

Mit anderen Worten: Du machst mir den Gott anschaulich, der mir immer wieder zeigt, wie bunt und wie vielschichtig das Leben ist. Du führst mir den Gott vor Augen, der mir zu verstehen gibt, wie kostbar mein Leben ist. Du trittst auch für den Gott ein, der mir zu erkennen gibt, dass ich mein Leben nicht nur für mich alleine, sondern immer auch mit anderen Menschen gemeinsam lebe und darum verantwortlich gestalten kann.

Ich versuche mir vorstellen wie Petrus, - ein einfacher Fischer, vor kurzem noch in einer ganz anderen Welt zu Hause am See Genezareth mit festen, eingespielten Tagesabläufen,- die Zeichen der Zeit erkennt und mit diesem Bekenntnis unmissverständlich sich selbst und anderen klar macht: Jetzt ist eine ganz andere und neue Zeit in meinem Leben angebrochen. Und ich möchte mit allen meinen Kräften mithelfen, dass diese Botschaft von dem lebendigen Gott, den Christus mit seinen Worten und Taten bezeugt, zu den Menschen weitergetragen wird.

 

Veränderungen bei den ersten Christen

Die zweite Veränderung geht über diesen Bibelabschnitt hinaus. Sie hat mit dem Fest zu tun, das wir gestern und heute feiern. Mit Pfingsten. Dem Fest des Heiligen Geistes. Der bewirkt, dass Menschen ihre Gaben entdecken und sie nicht für sich alleine behalten.

Petrus, der ehemalige Fischer, ein einfacher Mann, der nicht studiert hat und eben noch voller Furcht war, kann plötzlich reden und Menschen begeistern (vgl. Apostelgeschichte 2,37ff).

Viele Menschen, die diese Rede hören, lassen sich taufen. Ob es an diesem ersten Pfingstabend tatsächlich 3.000 Menschen gewesen sind, wie der Evangelist Lukas schreibt (vgl. Apostelgeschichte 2,41), ist unerheblich. Lukas schreibt keinen Tatsachenbericht, sondern möchte die Botschaft von Pfingsten weitergeben: Gottes Geist verändert Menschen, sie lassen sich davon berühren und bewegen, werden nicht nur für das eigene Leben Feuer und Flamme, sondern nehmen auch das der anderen wahr.

 

Veränderungen bei uns?

Ob es zur dritten Veränderung kommt, liegt an uns. Denn sie betrifft uns selbst und zwar mit der Art und Weise, wie uns von diesem wunderbaren Pfingstfest begeistern lassen.

Pfingsten macht uns klar: Alle Gaben kommen aus dem einen Geist: der Kraft, die von Jesus Christus ausgeht. Und für mich ist eine Gabe, die der Heilige Geist schenkt: Veränderungen im Leben zu erkennen und anzugehen.

Vielleicht muss der eine lernen, einfach kürzer zu treten.

Vielleicht muss jemand sich von der Illusion freimachen, dass es nur diesen Plan A gibt.

Vielleicht muss jemand überlegen: Wie gehe ich mit anderen Menschen um? Strahle ich Wärme aus? Oder bin ich abweisend?

Und vielleicht muss jemand anderes sich klarmachen, dass man sich in dieser einen Sache nur was vorgemacht hat.

 

Leben als ständige Veränderung

Es ist klar, dass sich alle, die sich gerade in einer guten Lebensphase befinden, sagen: So wie es jetzt ist, so soll es bleiben.

Aber unser Leben ist Veränderung. Eine ständige. Der Philosoph Heraklit hat 300 Jahre vor Petrus schon einmal so gesagt: „Nichts ist so beständig wie der Wandel.“

Pfingsten, das Fest des Geistes, der von Gott kommt, hilft uns mit allen Veränderungen in unserem Leben klarzukommen.

 

Veränderungen in der Kirche

Ich kann die gut verstehen, die sagen: Wenn sich doch im Leben schon so vieles verändert, dann muss doch die Kirche zumindest wie ein festes Fundament sein, das allen Stürmen standhält.

Aber auch das gehört zur 2000jährigen Geschichte von Pfingsten dazu, dass die verfasste Kirche mit ihren Gesetzen, Bestimmungen und Strukturen und der Heilige Geist nicht immer dicke Freunde gewesen sind.

Der Fels auf dem die Kirche gebaut ist, ist manchmal so starr, so unbeweglich gewesen, dass neue Gedanken gar nicht aufkommen durften. Wie viele Chöre haben sich lieber aufgelöst, als dass sie sich überlegt haben: Welche neuen Lieder können und wollen wir singen, damit wir auch andere und vielleicht auch jüngere Menschen ansprechen?

Die Kirche hängt nicht an fest gemauerten Traditionen, die in ihrer Zeit vielleicht hilfreich waren. Kirche ist fest gegründet durch Christus und sein Wort, das uns immer wieder den lebendigen Gott vor Augen führt und damit auch uns immer wieder neue Möglichkeiten, mit denen wir alle Veränderungen wahrnehmen, angehen und gestalten können.

Das Evangelium des Pfingstmontags erzählt, wie sich Jesus von seinen Jüngern verabschiedet hat. Er tut dies kurz und knapp mit diesen Worten: „Empfangt den Heiligen Geist!“ (Johannes 20,22).

Empfangt ihn! Lasst ihm Raum in eurem Leben! Nehmt so manche Prinzipien und feste Meinungen, die ihr als Mauer um euch aufgebaut habt, weg, damit frischer Wind, Heiliger Geist, einziehen und euch durchpusten kann. Manchmal reicht schon ein laues Lüftchen, das unseren Blick in die richtige Richtung hinlenkt! Oder es braucht gar nicht so viel Worte, weil etwas in der Luft liegt, wenn Menschen sich liebevoll, freundlich und zugewandt verhalten.

Die vorletzte Strophe des bekannten Sommerliedes „Geh aus mein Herz und sich Freud“ ist im Grunde genommen ein Pfingstlied, wenn es dort heißt: „Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir wird ein guter Baum / und lass mich Wurzel treiben“. Es ist ein schönes Bild mit dem Baum und der Wurzel, mit denen mich die Veränderungen, die ich nicht herbeigesehnt habe, nicht umwerfen, sondern mir helfen, mein Leben immer wieder neu zu gestalten.

Es muss bei uns ja nicht so weit kommen wie bei dem weltberühmten englischen Musiker und Sänger Elton John, dessen Lebensgeschichte unter dem Titel „Rocket Man“ gerade in den Kinos angelaufen ist. Darin ist nicht nur sehr eindrücklich zu sehen, wie er zu einem weltberühmten Künstler wird. Es ist auch zu beobachten, wie er sich zunehmend einsam fühlt und wie es ihm zu schaffen macht, dass bestimmte Menschen ihm nicht die Liebe geben können, die er braucht. Bis es zu einem großen Zusammenbruch kommt, in dem Elton John dann wirklich bewusst wird, dass es so nicht weiter geht. Und dann ist es weitergegangen. Ohne Drogen. Mit einer feste Bindung, in der er sich bis heute geliebt fühlt.

 

Pfingsten und der lebendige Gott

Gottes Geist findet am besten dort einen Weg, wo wir Veränderungen zulassen, neugierig wer-den, wo wir nicht abgestumpft dahin existieren, sondern mit wachen Augen jeden Tag neu be-grüßen und Anteil nehmen am Leben anderer. Dann kann es auch ganz unverhofft passieren, dass Gottes Geist uns ganz unerwartet trifft, uns bewegt und unser Leben reichhaltiger macht.

Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr im-mer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes (Römer 15,13).

Amen.

 

Thomas Volk, geb. 1962, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern. Seit 2006 mit jeweils 50% tätig in den Kirchengemeinden Marktbreit und Ochsenfurt (Unterfranken)

 

Mail: thomas.volk@elkb.de