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Die Freude am Herrn ist eure Stärke (Nehemia 8, 10)

Die Freude am Herrn ist eure Stärke (Nehemia 8, 10) Monatsspruch September 2013)
16. Sonnteg nach Trinitatis - 15.09.2013 - Marktbreit:

Liebe Gemeinde,
da haben in der vergangenen Woche viele Marktbreiter nicht schlecht gestaunt, als sie gehört oder selbst gesehen haben, dass auf einmal vor dem neu renovierten Gemeindehaus wieder ein Gerüst aufgezogen wurde und Arbeiter angefangen haben das Dach abzudecken. Wieso? Warum erst jetzt? Weshalb nicht schon bei der Gesamtsanierung?
Wir haben tatsächlich erst in diesem Sommer die Dachsanierung genehmigt bekommen, die wir uns alle schon früher, mit den anderen Baumaßnahmen zusammen, gewünscht haben. Aber damals hieß es noch, es sei zu teuer.
Und so sehr ich mich einerseits freue, dass die Arbeiten nun doch endlich beginnen, so weh tut es mir auch, wenn ich sehe, wie sehr der neue Putz darunter leidet, wie die neuen Fenster in Mitleidenschaft gezogen werden, wie viel Schmutz in das Haus hineingetragen wird und wie es bei dem Wetter einfach nicht verhindert werden kann, dass Regen in den Dachboden eindringt.

Was wir als Kirchengemeinde gerade erleben, das gibt es auch in nahezu jedem Leben. Wenn man meint, diese anstrengende, Kräfte zehrende Zeit hinter sich gelassen, überstanden zu haben und jetzt denkt, dass alles wieder gut wird, dann treten auf einmal neue Schwierigkeiten auf und lassen das Gefühl aufkommen, dass ein Ende noch längst nicht in Sicht ist.
Vielleicht haben Sie das bei sich auch einmal so erlebt. Dass sie nach einer langen Krankheit endlich gedacht haben, jetzt ist es überstanden, vorbei, hinter mir und dann sagt die Diagnose etwas ganz anderes. Oder dass man gemeint hat, nach langer Zeit die Finanzen nun endlich in den Griff zu bekommen und dann tauchen neue Unwägbarkeiten auf, die niemand auf der Rechnung hatte. Und in der Schule kennt man das auch: Man hat wirklich lange gelernt, ist noch dazu in den Förderunterricht gegangen ist, hat vielleicht auch auf manche Freizeit verzichtet und nach einer halbwegs guten Note geht es wieder bergab.

Das Schriftwort, für heute Abend stammt von einem, dem es ebenso ergangen ist. Von dieser Person gibt es ein gleichnamiges Buch im Alten Testament. Es ist nicht so geläufig ist, vielleicht weil es aus einer Zeit stammt, die von innerjüdischen Fragen geprägt ist, von denen man meinte, dass sie für Christen nicht so interessant seien. Aber was diese Person erlebt hat, kennen wir alle.
Ich spreche von Nehemia. Er lebt im 5.Jahrhundert vor Christus als Vertriebener in einer persischen Königsstadt. Eines Tages macht er den König aufmerksam, dass in seiner Heimat, in Jerusalem, die Umstände immer noch mehr als schlecht sind. Mit Vollmachten ausgestattet wird er dorthin geschickt, um die Stadtmauer aufzubauen und damit die äußere Sicherheit wieder herzustellen. Endlich. Man muss dazu sagen, dass die Stadt nach mehr als 100 Jahren immer noch aussieht, als ob gerade eben erst eine große Katastrophe über sie hereingebrochen ist. Und nun darf sie nach dieser langen Zeit wieder fertig hergestellt werden.
Stellen Sie sich vor, dass man erst jetzt wieder das im 2. Weltkrieg zerbombte Kitzingen oder Würzburg wiederherstellen dürfte. Wie froh können alle darüber sein, als Nehemia an seine Aufgabe geht.
Aber was passiert? Von Beginn an werden ihm Steine in den Weg gelegt. Er ist kein Einheimischer, sondern ein Zugereister. Er muss sich anhören, dass er vom Bauen keine Ahnung hat. Und als er meint, alle überzeugt zu haben und er in Frieden weiterarbeiten kann, gehen seine Gegner zu direkten Angriffen über. Er muss Sabotageakte befürchten. Und er muss auch den Neid anderer aushalten, die alles „ganz anders“, „besser“ und vor allem „viel schneller“ gemacht hätten. Man kann zwischen den Zeilen in seinem Buch nur erahnen, wie oft er am liebsten alles hinwerfen, weglaufen oder aufgeben wollte.

In diesem Nehemiabuch gibt es einen ganz erstaunlichen Vers, zugleich wohl der bekannteste. Es ist zugleich der Spruch, der uns durch den Monat September begleitet und einige von uns, darunter auch ich, haben diesen Ausspruch als Konfirmationsvers erhalten. Heute geht er an alle, die sich gerade in solchen Zeiten befinden, wo man das Gefühl hat, dass kein Ende einer Zeit, die man sich nicht ausgesucht hat, in Sicht ist.
Im 8.Kapitel, im 10.Vers, heißt es: „Seid nicht bekümmert; denn die Freude am HERRN ist eure Stärke.“

Mit anderen Worten: Auch wenn du dich gerade in einer Warteschleife befindest, kein Licht am Ende des Tunnels siehst oder dich fragst, warum gerade du immer wieder zurückgeworfen wirst - du kannst dich über Gott freuen. Er ist deine Stärke, wenn du schwach bist. Er macht dich stark, damit du durch dieses Tal durchkommst. Er lässt dich aufrecht gehen, wenn alle dich nicht verstehen. Er gibt dir einen weiten Blick, der umfassender ist als alles, was dich gerade gefangen nimmt.
Die Freude an Gott ist deine Stärke, weil du ihn an deiner Seite wissen darfst. Er verabschiedet sich nicht aus dem Leben, wenn es ungemütlich wird, lässt dich auch nicht zappeln oder im Ungewissen, wenn noch unklar ist, wie diese eine Sache ausgehen wird.
Vielleicht hat das Nehemia vor langer Zeit schon gespürt: Wir sind bei Gott geachtet. Es ist sein großer Wille, dass wir unser mühevolles Leben bestehen können. Wir brauchen auch keine Angst vor Gott zu haben, dass wir ihm nicht genügen oder wir unsere momentane missliche Lage mit einer Sache in Verbindung bringen, die uns vor langer Zeit einmal ausgeglitten ist.
Das Leben ist nicht immer ein Wunschkonzert und es gibt auf viele brennende Fragen, die wir haben, keine Antwort, zumindest nicht eine solche, die uns zufriedenstellt. Aber dass wir das wissen: in allen Widrigkeiten macht uns Gott so stark, dass wir unseren Weg, ob wir ihn uns ausgesucht haben oder nicht, auch gehen können.

Was wäre sonst der Grund aller Lebensfreude?
Wäre ich nur auf mich alleine gestellt, hätte ich wenig Grund mich zu freuen.
Wenn ich erlebe, dass die Dinge nicht so von der Hand gehen, wie ich mir das ausgedacht habe - und das passiert öfters als wir wollen - oder wenn sich die ganze Welt gegen mich stellt und alle Freude absaugt, dann ziehe ich mich zurück, fühle mich nicht beachtet, unverstanden, ausgebeutet.
Oder es geschieht das Gegenteil. Anstatt mich klein zu machen, versuche ich, mich breit zu machen; baue einen Schutzwall nach dem andern vor mir auf aus Wörtern, aus Besitz, aus Geld, um mich vor Kritik oder vor Verlust zu schützen.
Und wenn jemand kommt, der besser ist als ich, beliebter, die Dinge anders anpackt und damit auch noch Erfolg hat, dann versuche ich ihn madig zu machen, alles schlecht zu finden und das Haar in der Suppe zu suchen, nur um ihn zu schaden.
Auf mich alleine gestellt, würde meine Lebensfreude viel zu schnell verfliegen, weil ich mich zu sehr vergleiche. Die anderen haben es besser, haben mehr Möglichkeiten, mehr Startkapital, schnelleres Internet, stehen auf dem Wahlvorschlag viel weiter vorne, sind jünger.
Stellen Sie sich vor, was mir vor zwei Wochen passiert ist. Zum ersten Mal in meinem Leben. Es war in London, in der U-Bahn. Als ich einsteige, steht doch tatsächlich jemand auf, um mir Platz zu machen. Ich dachte erst, er meint jemanden von meiner Familie. Nein, er hat mich angeschaut.
Ist Ihnen das schon einmal passiert? Und wenn ja, erinnern Sie sich noch an das erste Mal? Man kann bei so was natürlich die große Krise kriegen, stundenlang in den Spiegel schauen, sich bejammern oder sich herausreden und sagen: er hat bestimmt gar nicht richtig hingeschaut.
Auf alle Fälle: Mein kleines Ich - auf sich allein gestellt, sieht sich immer bedroht, weil andere beliebter oder einflussreicher sind, besser oder jünger. Wie soll da Freude mich tragen?

Warum können Engel fliegen? Weil sie sich leicht nehmen. Sie wissen, es trägt sie einer. Das könnte auch von Nehemia stammen. Und dieses Wissen ist vermutlich seine große Stärke gewesen und hat ihm eine Lebensfreude geschenkt, die unabhängig von der momentanen Lage oder seinem Gefühlszustand gewesen ist.
Ich kann niemandem, auch mir selbst nicht, befehlen, sich einfach zu freuen, weil man alles Unangenehme und Schwere nicht so einfach abschütteln kann.
Aber wir können es uns immer mehr gesagt sein lassen, uns mehr darin einüben, hineinbeten: Unsere Freude liegt darin, dass Gott mit uns unterwegs ist, vor allem dann, wenn die Dinge sich ewig hinziehen oder sich verändert haben. So wie es die Sängerin Frida Gold in ihrem ganz neuen Lied besingt. „Die Dinge haben sich verändert und wir verfehlen so leicht das Ziel.“ Wir verfehlen es deshalb, weil wir meinen, nur so müsste es sein, wie wir es uns ausmalen.
Bei allem, was anders geworden ist, mit den Landtagswahlen, mit dem tristen Wetter, das den Spätsommer abgelöst hat, mit baulichen Projekten, die sich in die Länge ziehen oder mit anderen schwierigen Umständen, die einfach nicht enden wollen,- Gott will immer mehr unsere Stärke sein, damit uns alle Lebensfreude nicht ausgeht.
Und wie wir diese Lebensfreude, die uns immer mehr erfassen will, an andere weitergeben können, das sagen und spielen uns Christine und Lisa mit dem nächsten Lied.
Und die Freude an Gott, die umfassender und größer und tragfähiger ist als alle gegenwärtigen Widrigkeiten, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk am Sonntag, 15. Septmber 2013, in St. Nikolai, Marktbreit.