Predigtansicht

„Come Together“ Jesaja 55,8-12a - Predigt zum Gospelgottesdienst

Liebe Gemeinde,

die Geschichte, die immer am Anfang einer Predigt im Gospelgottesdienst steht, hören Sie heute nicht nur, Sie können sie auch sehen. Sie wird uns auch vorgespielt. Hören und sehen Sie selbst:

Ein Amerikaner irrt in einem Wald umher und trifft einen Indianer. Sie versuchen sich mit Handzeichen zu verständigen.

·        Der Indianer zeigt mit dem Zeigefinger auf ihn (Fingerzeig).

·        Der Weiße macht schnell das Peace-Zeichen (V-Zeichen).

·        Der Indianer schaut etwas verunsichert, formt dann aber ein Dach mit den Händen(Dach).

·        Der Weiße bewegt winkend die Hand auf und ab (Wink-Wellen), dreht sich um und geht schnell weg.

Haben Sie verstanden, über was sich die beiden ausgetauscht haben? Es ist wirklich nicht so einfach.

Der Weiße, als er nach Hause kommt, erzählt aufgeregt:

·        „Ich hab einen gefährlichen Indianer im Wald getroffen! Ich wollte ihn nach dem Weg fragen, aber er drohte mir gleich, er will mich erschießen“ (Fingerzeig).

·        „Ich habe dann schnell das Peace-Zeichen gemacht“ (V-Zeichen).

·        Aber er meinte nur: „Zieh bloß ab nach Hause“ (Dach).

·        „Ich hab schnell gewunken (Wink-Wellen), damit er sieht, dass ich keinen Streit will, und bin gegangen.“

Ob der Weiße die Zeichen richtig verstanden hat?

Als der Indianer nach Hause kommt, erzählt er zuhause am Lagerfeuer ebenfalls von dieser seltsamen Begegnung und zwar so:

·        „Ich hab heut einen Weißen im Wald getroffen: Völlig verrückt! Ich frag ihn: Wer bist Du?“ (Fingerzeig).

·        Darauf er: Eine Ziege! (Peace-Zeichen).

·        Ich dachte „Huch!“, wollte aber nicht unhöflich sein. Frag: „Hausziege?“ (Dach).

·        „Nein“, sagt er: „Flussziege“ (Wink-Wellen) und geht.

Fröhliche Stimmung am Lagerfeuer.

 

Für beide ist es ein Erlebnis der besonderen Art gewesen: Für den Weißen eine höchst aufregende und abenteuerliche Begegnung. Und für den Indianer ein äußerst kurioses Treffen im Wald.

Aber wirklich zusammengekommen sind die beiden nicht. Sie konnten sich nicht wirklich verständigen. Sie waren nicht der Lage herauszufinden, was der andere wirklich mit den Handzeichen meinte. Ist mit diesem Zeichen (Peace-Zeichen) ein Gruß gemeint, mit dem man aussagen möchte, dass man in friedlicher Absicht kommt oder möchte man damit bekunden, dass man eigentlich eine Ziege ist? Beide sind in ihrer Vorstellung so festgelegt oder viel zu sehr in ihrer eigenen Sichtweise gefangen, dass sie nicht zueinandergefunden haben.

 

Dabei handelt diese Geschichte ja eigentlich von uns. Auch wir schaffen es viel zu selten mit anderen auf eine Verständigungsebene oder auf die gleiche Wellenlänge zusammenzukommen.

Wann haben Sie sich zum letzten Mal so richtig verstanden gefühlt? Wo konnten Sie froh und frei erzählen und hatten das Gefühl, jemand denkt sich in sie hinein, fragt nach, wie Sie das gemeint haben oder hat ein Interesse daran, wie es ihnen gerade geht?

Ich habe das erst vorgestern Abend erlebt, als der ehemalige und jetzige Kirchenvorstand unserer Kirchengemeinde zu einem Abendessen zusammengekommen sind und der ganze Raum mit Stimmengewirr und angeregten Gesprächen erfüllt war. Und manche sind im Laufe des Abends aufgestanden, haben sich an andere Plätze gesetzt und mit anderen ein Gespräch angefangen. Auch wenn sich nicht alle mit allen unterhalten konnten, so gab es schöne Begegnungen, weil wir viel voneinander erfahren haben.

Oft genug geschieht ja das andere: Wir kommen - wie die beiden aus der Geschichte - mit einer Person nicht zusammen und fragen uns nach einer Begegnung: „Hat er mich überhaupt verstanden, mir zugehört?“ oder: „Was hat sie gerade gesagt? Ich habe es gar nicht mitbekommen. Ich bin in Gedanken ganz woanders gewesen.“

Und manche suchen das ganze Leben nach der großen Liebe und wenn sie dann da ist und vor einem steht, dann bekommen sie kalte Füße, trauen sich nicht, laufen weg, oder scheuen die Verantwortung.

 

Nicht nur mit anderen Menschen ist es schwer zusammenzukommen, sondern auch mit sich selbst.

Vor lauter Alltagstrott, mit dem wir die Wochen manchmal gleichmäßig abspulen - vielleicht auch wegen mancherlei Zwängen, mit denen wir uns viel zu häufig anpassen, fragen wir uns viel zu selten: „Du, wie geht es dir eigentlich? Ich habe lange nichts von dir gehört? Was möchtest du eigentlich? Was ist aus deinen Plänen und Zielen von einst geworden? Und was ist aus dir geworden? Wer bist du eigentlich? Manchmal bist du mir ganz schön fremd?“

 

Zusammenkommen: mit anderen Menschen - mit sich selbst - auch mit Gott ist das oft gar nicht so einfach.

Vor allem dann, wenn man sich gerade in einem falschen Zug wähnt. Die Richtung müsste eigentlich ganz entgegengesetzt gehen. Aber diese eine Sache hat manches verändert und diese eine Nachricht hat vieles, was einem gewiss und zuverlässig erschien, völlig ins Wanken gebracht. Alle Bitten, die man nach oben gerichtet hat, sind verhallt oder ins Leere gelaufen. Und eigentlich wünscht man sich nichts lieber als darin wieder ein Stück weit Gewissheit zu bekommen: „Wie kann ich mit Gott wieder zusammenkommen und mein Leben in guten Händen wissen?“

Im Konfirmandenkurs am letzten Mittwoch haben wir uns an diese Frage angenähert. Was kann ich von ihm erhoffen, worin bei ihm ganz sicher sein?“ Alle Konfirmanden sollten dabei eine Frage formulieren, die man gerne Gott stellen würde? Es wurde gefragt: „Ist Gott ein Mann oder eine Frau? Oder beides?“ „Und bekommt Gott wirklich alles mit, was hier auf der Erde passiert.“ Einer der Konfirmanden hat mit Betroffenheit gefragt: „Warum gibt es keine Dinosaurier mehr?“

Ich habe dabei auch herausgehört: „Ist es Absicht, wenn etwas zu Ende geht? Oder einfach nur Zufall? Und worauf kann ich mich bei Gott fest verlassen?“

 

Das Schriftwort für den heutigen Sonntag im Buch des Propheten Jesaja, im 55.Kapitel gibt auf diese Fragen folgende Antwort. Ich lese Ihnen die Worte in zwei Abschnitten:

Der erste lautet so: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken“ (Jesaja 55,8-9).

Der Prophet Jesaja hat es schon damals realistisch gesehen. Die Momente, in denen wir das Gefühl haben, mit Gott so nah zusammenzukommen, dass wir beruhigt und gelassen in die Zukunft schauen können, sind eher selten. „Seine Gedanken“ sind nicht unsere Gedanken“. „Seine Wege“ sind anders als „unsere Wege“. Und wir müssen damit auskommen, dass wir auf manche große Frage unseres Lebens vielleicht niemals eine Antwort bekommen. Unsere Gedanken werden immer hier unten auf der Erde kreisen und wir werden manche Zusammenhänge niemals entschlüsseln können.

 

Aber dann heißt es bei dem Propheten weiter:

Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen,

so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.

Ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden“ (Jesaja 55,10-12a).

Auch wenn ein himmelweiter Unterschied zwischen Gott und uns besteht, so gibt es doch eine Verbindung, eine Leiter, eine unendliche Datenbahn, mit der Gott auf der Festplatte unserer Lebensgeschichte immer wieder neu die Gewissheit speichert: Jedes Wort, das von Gott kommt, das wir hören und wahrnehmen, wird etwas bewirken. Es will uns immer mehr gewiss machen, dass Gott mit uns in unserem Leben unterwegs ist. Auch wenn nicht alles nach Plan A verläuft, sollen wir das wissen: Gott will uns allen Mut der Welt schenken, um auch ganz eigene Wege zu gehen. Es ist Gottes großer Wunsch, mit uns immer wieder neu zusammenzukommen damit wir mit „Freude ausziehen und im Frieden geleitet“ werden. Und es ist Gottes großes Anliegen, dass wir auf diesen Wegen zusammenkommen - mit anderen, mit uns selbst, auch mit ihm – auch wenn es manchmal dauern kann.

 

Vorletzte Woche habern wir uns an 50 Jahre Deutsch-Französische Verträge erinnert. Am 22.Januar 1963 haben Bundeskanzler Konrad Adenauer und Präsident Charles de Gaulle im Elysee-Palast in Paris die Aussöhnungspolitik zwischen Frankreich und Deutschland offiziell eingeleitet.

Wer hätte es gedacht, dass nach einem Jahrhundert voll blinder Feindschaft und unvorstellbarer Hetze ein neues Kapitel aufgeschlagen worden ist. Auch weil es Menschen gibt, die es sich gefallen lassen, dass sich Gottes Wort mit dem eigenen Leben immer fester verzahnt und bewirkt, dass wir im Frieden geleitet werden und mit anderen zusammenkommen können.

Wie gut und wie wichtig es ist, wenn Menschen ganz unterschiedlicher Art und aus unterschiedlichen Gemeinden durch Gottes Wort zusammenkommen, sehe ich Jahr für Jahr am Gospelchor. Ihr seid wirklich ein Beispiel dafür, dass ganz verschiedene Menschen zusammenkommen können, sich begeistern lassen und andere mitreißen.

Immer wenn Menschen „in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden“ können sehen und staunen sie, was Gottes Wort bei uns bewirkt. Und wir werden staunen, mit wem wir in der neuen Woche zusammenkommen werden.

Die Weite Gottes, die umfassender und höher und tiefer ist als alles menschliche Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigt von Pfarrer Thomas Volk an den Gospelgottesdiensten am 27. Januar in der Christuskirche / Ochsenfurt
und am 3. Februar 2013 in St.Nikolai, Marktbreit