Predigtansicht

Bloßgestellt - Lukas 23, 32-43 - Karfreitag

Liebe Gemeinde!

„Bloßgestellt“ heißt die Überschrift der 10.Station des Kreuzwegs in Frickenhausen, der hinauf zur Valentinskapelle führt. Genau 30 Jahren wird er in diesem Jahr alt. Und im jährlichen Programm meines Konfirmandenkurses hat er seit einigen Jahren einen festen Platz.

Das Besondere an den Bildern der einzelnen Stationen ist, dass der Weg Jesu ans Kreuz in die Straßen Frickenhausens hineinverlagert wird. Und die Menschen, denen Jesus auf seinem Weg begegnet, sind so angezogen, als würden sie in unserer Zeit leben. Das heißt: Alle, die den Kreuzweg gehen, sind auf einmal keine Zuschauer mehr, sondern unmittelbar Beteiligte.

 

Der Karfreitagsbericht des Evangelisten Lukas

Unter der Überschrift „Bloßgestellt“ kann man auch das, was Lukas in seinem Evangelium über den Karfreitag geschrieben hat, lesen. Seine Sichtweise des Karfreitags hören wir in diesem Jahr. Ich lese aus dem 23. Kapitel die Verse 33-49:

Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, dass sie mit ihm hingerichtet würden. 33 Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. 34 [Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!] Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum.

35 Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes.

36 Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig 37 und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! 38 Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König.

39 Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! 40 Da antwortete der andere, wies ihn zurecht und sprach: Fürchtest du nicht einmal Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? 41 Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. 42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! 43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

44 Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, 45 und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. 46 Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.

47 Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen! 48 Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. 49 Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.

 

Bloßgestellt durch Schutzlosigkeit

Bloßgestellt. Das fängt schon an, als man Jesus seine Kleider nimmt und die Menschen einfach zuschauen.

„Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand da und sah zu (V.34-35a).

Das Bild auf dem Frickenhäuser Kreuzweg zeigt bei dieser Station „Bloßgestellt“ rechts vorne Jesus, wie man ihm seine Kleider genommen hat. Und auf der linken Seite entfernen sich zwei Menschen mit seinen Kleidungsstücken. Die Aussage: Es ist so leicht, einen Menschen, der „am Ende“ ist, auch noch bloßzustellen.

Und das Bild fragt den Betrachtenden: Wo bin ich einmal - so wie Jesus - bloßgestellt worden?

Für alle, die einmal Opfer einer gewalttätigen Attacke geworden, sind, bei der sogar gefilmt worden ist und man miterleben musste, dass später irgendwelche gemeinen Bilder im Internet zu sehen sind, der weiß, was es bedeutet, vor den Blicken einer großen Öffentlichkeit nicht geschützt, sondern bloßgestellt zu werden.

So stelle ich mir den Karfreitag damals vor: Jesus ist schutzlos den Blicken der Menge ausgeliefert. Sie bekommen alles von ihm zu sehen, was Kleider verbergen und verhüllen. Und das andere ist genauso schlimm. Wenn man „bloßgestellt“ wird, weil die vielen zuschauen und nicht helfen oder dem schlimmen Treiben ein Ende setzen.

Und es ist bis heute so gang und gäbe, dass Menschen zuschauen und damit andere bloßstellen. Wenn Menschen in Syrien vor ihren zerbombten Häusern stehen und die Kameras ihre verzweifelten Gesichter einfangen. Oder wenn die Nachbarskinder immer wieder blaue Flecken haben und niemand fragt, warum. Oder wenn es nachts in der Wohnung nebenan wieder laut wird und man die Schreie einfach nicht hören will. Bloßgestellt, weil niemand eingreift.

 

Bloßgestellt durch Spott

Das ist am Karfreitag aber noch nicht alles. Jesus wird nicht nur bloßgestellt, indem er schutzlos den Menschen ausgeliefert ist, die ihm die Kleider nehmen oder einfach nur zuschauen. Er ist auch noch dem Gespött preisgegeben.

„Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes“ (V.35b).

Und das Spotten ist eine gute Möglichkeit, etwas nicht an sich heranzulassen. Mit Spott kann man sich abschirmen. Viele Menschen spotten bis auf den heutigen Tag, weil sie lieber auf Abstand bleiben.

So spotten die einen: "Andern hat er geholfen; er helfe sich selber" (V.35b) und wünschen sich eigentlich, dass er doch jetzt eingreifen und dem grausamen Geschehen ein Ende bereiten möge.

Die nächsten spotten über die Institution "Volkskirche", aber möchten eigentlich doch gerne, dass die Kirche einem selbst das geben kann, was man sich so von ihr erhofft: Gottesdienste, die ihnen Mut und Trost geben und eine Gemeinschaft, die nicht lästert, sondern trägt und begeistert.

Wieder andere spotten, dass der Karfreitag immer noch ein stiller Feiertag ist, an dem man nicht tanzen gehen darf. Und mancher wünscht sich insgeheim, dass sein Glaube und seine Religion einen so festen Platz im Leben haben mögen, dass man an diesem Tag auch mal gerne darauf verzichten kann.

Schon am ersten Karfreitag hat man bis zum geht nicht mehr gespottet. Und wenn die Soldaten auch noch eine Spottaufschrift oben am Kreuz befestigen, die Jesus als „König der Juden“ bezeichnet, dann machen sie sich - wie IS-Kämpfer heute - auch noch einen Spaß daraus, ihr Opfer in allem körperlichen Leiden auch noch lächerlich zu machen und ihm die letzte Würde zu nehmen.

 

Bloßgestellt durch Ausgrenzung

Bloßgestellt, indem man völlig schutzlos anderen ausgeliefert ist.

Bloßgestellt durch Spott.

Und auch durch die Tatsache, dass Jesus vor den Toren der Stadt, auf einem Hügel namens Golgatha, hingerichtet wird, wird er bloßgestellt.

Man will ihn möglichst schnell weg haben. Deshalb wird Jesus regelrecht aus der Stadt hinausgetrieben.

Das müssen wir uns einmal vorstellen: Die Person, auf die unser Glaube gründet, wird zwischen zwei Verbrechern hingerichtet.

Und damit ist er genau bei den Menschen, für die er sein Leben lang eingetreten ist. Für alle, die wie der Zöllner Zachäus schuldig geworden sind. Oder für die, die wie der „verlorene Sohn“ ihr Erbe verzockt und es nicht geschafft haben, verantwortlich mit anvertrauten Dingen umzugehen. Oder für die, die wie der „blinde Bartimäus“ meinen, dass Krankheit eine Strafe Gottes ist.

All diese Menschen damals und heute hat Jesus ein Leben lang gesucht, weil er an ihnen gesehen hat, wie schlimm es ist, bloßgestellt zu werden, wenn im eigenen Leben etwas schiefgelaufen ist.

Und er hat auch gesehen wie sich die sogenannten „anständigen Bürger“ selbstgerecht entrüstet haben, um den anderen deutlich zu machen: „Ihr habt bei uns nichts zu suchen. Ihr gehört nicht hierher. Das hier ist ein anständiges Haus.“

Wer früher in der Kirche in einer der „Büßerbänke“ sitzen musste, von dem wussten dann alle, dass er irgendwas etwas angestellt hat und ist so vor der ganzen Gemeinde bloßgestellt worden.

Dafür müssen wir uns heute als Kirche einfach nur schämen, dass wir jahrhundertelang gerade die ausgegrenzt haben, für die Jesus eingetreten ist. Und wir, die wir uns zu den Selbstgerechten und Anständigen zählen, haben gedacht: Wir wissen es besser als Jesus, wer zu uns gehört und vor wem wir uns absichern müssen.

Dabei hat Jesus versucht, diesen Menschen ein anderes Leben zu ermöglichen. Es ist mehr als ein Zufall, dass er gerade in ihrer Mitte stirbt. Er wird bloßgestellt, indem er auch noch ausgegrenzt wird.

 

Der bloßgestellte Gott

 

Und auch das gehört zu der Tragik des Karfreitags, dass einer der beiden, die neben ihm hängen, sich dem Spotten auch noch anschließen.

So lästert der eine: "Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns" (V.39b).

Damit wird am Karfreitag auch Gott selbst bloßgestellt. Wenn du Gott bist, dann steig doch herab." Oder "Dann hole mich jetzt hier raus!" Oder: „Dann mach meine Schmerzen weg!“ Oder: „Vertreibe meine schweren Gedanken!“

Der Evangelist Lukas schreibt nicht aus Zufall, dass der Vorhang im Tempel zerreißt. Denn damit ist das Allerheiligste, das sich hinter dem Vorhang befindet und nur einmal im Jahr vom Hohepriester betreten werden darf, nicht mehr vor fremden Blicken geschützt. Alle Welt kann es sehen. Der Ort der Anwesenheit Gottes ist bloßgestellt.

Deshalb ist Gott immer in Beweisnot. Und seine Kirche auch. In Beweisnot vor den Menschen, die von Gott erwarten, dass er jeweils das bringt, was man sich gerade wünscht. Oder die Gott nur dazu brauchen, um das eigene Leben abzusichern. Und wenn der Pfarrer das Kreuz bei Taufe eigens segnet, dann kann doch dem Kind später einmal gar nichts zustoßen.

Der Karfreitag führt uns an den äußersten Punkt, an dem alle Sicherheiten nicht mehr greifen, wo wir meinen, im freien Fall zu sein und nichts mehr trägt.

Der Karfreitag führt uns an die Stelle, wo man eigentlich nur noch sagen kann: Das mit dem Glauben an den lieben Gott, der die Welt in seinen Händen hält und die Menschen beschützt, das ist doch eigentlich alles nur so ein Gerede, was ich früher einmal in der Schule und in der Kinderkirche gehört habe. Oder eben auch nicht!

 

Der Karfreitag gibt einen ungeschminkten Blick auf unsere Wirklichkeit

Der Karfreitag gibt uns einen ungeschminkten Blick auf unsere Wirklichkeit.

Auf die einen, die sage, an einen solchen Gott kann man doch gar nicht glauben, wenn er das und all das andere zulässt.

Auf die anderen, die an diesem Gott dennoch festhalten, auch wenn sie sich gerade wie im falschen Film vorkommen.

Auf den, der ans Kreuz geschlagen wird und alles Furchtbare durchlebt, was Menschen an Qualvollem erleiden können.

Und auf einen Gott, der selbst in Beweisnot kommt und sich erklären muss, warum er hier und dort und bei uns nicht eingreift.

 

Die andere Deutung des Karfreitags

Der Karfreitag hat schon bald nach Ostern eine ganz andere Wendung bekommen, indem Menschen gesagt haben. Gott war gar nicht bloßgestellt. Das musste alles so kommen. Das Sterben war Teil eines göttlichen Plans. Jesus ist gestorben für unsere Sünden.

Für alle, die meinen, Gott habe diesen Karfreitag benutzt, damit sein Recht wieder hergestellt wird, sei gesagt: Die Kreuzigung haben Menschen besorgt und nicht Gott. Und nicht Gott fährt gegen einen Baum, sondern Menschen. Und man kann Gott auch nicht für Giftgasangriffe verantwortlich machen.

Gott hätte diesen Tod am Kreuz nicht gebraucht. Denn Jesus hat schon längst mit seinem Leben gezeigt, dass Gott auf der Seite der Menschen steht.

Und alle, die denken, Gott hätte sich am Karfreitag von allem schlimmen Treiben verabschiedet, sollen wissen: Gott ist genauso erschrocken und bestürzt, wenn er sieht, was Menschen - wenn sie tief genug gesunken sind - im Stande sind einander anzutun, und zu was alles sie sich hergeben können. Gott ist genauso verzweifelt, wenn jemand ganz unten ist und am Kreuz hängt oder an der Beatmungsmaschine oder ganz oben auf der Brücke steht und springt.

 

Der Ertrag des Karfreitags

Der Ertrag des Karfreitags besteht für mich einzig in der Tatsache, dass Gott da ist und dableibt, auch dann wenn m Menschen bloßgestellt werden, so wie er es bei Jesus bis zu seinem letzten Atemzug auch getan hat.

Der Ausspruch des anderen Verbrechers neben Jesus ist für mich in wichtiger Hinweise, wenn er sagt: "Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst" (V.42).

Und Jesus antwortet ihm: "Wahrlich, ich sage dir. Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein" (V.43).

So hat Jesus ganz am Schluss zu einem der beiden, die ebenso bloßgestellt neben ihm hängen, gesagt. Zu einem, der selbst ganz unten angekommen ist und in seinem Leben bestimmt hier und da mitgeholfen hat, dass andere auch ganz unten sind.

Später haben sich die ersten Christen an diese Worte erinnert, als ihnen aufgegangen ist: Es gibt keine noch so ausweglose Situation, als dass man ganz alleine, ganz verlassen, ganz unten auf sich allein gestellt wäre.

Der Kreuzweg in Frickenhausen hat das ganz richtig erkannt, wenn er nicht nur an den Leidensweg Jesu erinnert, sondern gleichzeitig an alle schwere Wege, die Menschen gehen müssen oder sich manchmal bis zum äußersten bloßgestellt vorkommen, um uns das Beispiel zu geben, dass Gott da ist, wenn man ganz unten ist, auch bis zum letzten Atemzug im Leben und darüber hinaus.

Und die Nähe Gottes, die sich gerade an Tagen wie heute bewährt, möge uns die Aushaltekraft geben, die wir gerade brauchen. Amen.

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk
Gehalten am Karfeitag 14.04.2017 in SAt. Nikolai, Marktbreit