Predigtansicht

Bildkarte Sieger Köder: „Maria von Magdala am Grab“ mit Johannes 20,11-18:

Liebe Gemeinde,

der vor drei Jahren verstorbene Künstler Sieger Köder hat auf dieser Bildkarte, die Sie vor sich haben, eine Szene aus dieser Ostergeschichte des Johannesevangeliums genau eingefangen, die Sie jetzt hören. Ich lese aus dem 20.Kapitel, die Verse 11-18:

11 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein

12 und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte.

13 Und die sprachen zu ihr: „Frau, was weinst du?“ Sie spricht zu ihnen: „Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“

14 Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist.

15 Spricht Jesus zu ihr: „Frau, was weinst du? Wen suchst du?“ Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: „Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen.“

16 Spricht Jesus zu ihr: „Maria!“ Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister!

17 Spricht Jesus zu ihr: „Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“

18 Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: „Ich habe den Herrn gesehen“, und was er zu ihr gesagt habe.

 

Am Grab

Sie haben es bestimmt gemerkt. Maria aus Magdala dreht sich auf diesem Bild in dem Moment um, als sie eine Stimme hört, die sie fragt, wen sie sucht. Und die Person, die sie erst für den Gärtner hält, ruft sie mit ihrem Namen: „Maria!“ Man kann es förmlich ihren Lippen ablesen, wie sie antwortet: „Rabbuni!“ „Meister!“ Darauf sie erkennt, wer wirklich zu ihr gesprochen hat.

Maria aus Magdala spielt in den Ostergeschichten des Johannes eine besondere Rolle. Man weiß von ihr, dass Sie zur engeren Gefolgschaft des Jesus gehörte. Der Autor Dan Brown wollte ihr in seinem Weltbestseller "Der Sakrileg" eine Liebesbeziehung mit Jesus andichten, was aber reine Vermutung ist. Eher wahrscheinlich ist, dass sie jene Frau war, die Jesus kurz vor seinem Tod gesalbt hat (vgl. Markus 14,3-9) und da-mit seinen Tod schon vorausgesehen hat. Auf alle Fälle gehört sie zu den Personen, deren Leben durch die Begegnung mit Jeus anders geworden ist: hoffnungsvoller und zuversichtlicher.

Sieger Köder zeichnet sie hier im roten Gewand mit langen, fließenden Haaren, kniend vor der Grabplatte, in die man Jesus vor zwei Tagen hineingelegt hat.

An dem Morgen nach dem Karfreitag und dem darauffolgenden Sabbat ist sie aller Frühe zum Friedhof gegangen. Ich stelle mir vor, dass sie das aus dem gleichen Grund getan hat, wie wir auch, wenn die Beerdigung vorüber ist. Es tut einfach gut, wenn man in aller Ruhe mit allen Gedanken, die gerade durch den Kopf gehen, der Person, die nicht mehr da ist, auf diese Weise noch einmal ganz nahe ist. Und wer mit einem Sterbenskranken gewacht und lange am Bett ausgehalten hat oder wie Maria am Karfreitag Schlimmes mitansehen musste, der sucht am Grab auch nach anderen Bildern, als die der letzten Tage und Stunden.

Auf dem Bild sieht man, dass es über den Gräbern noch ziemlich dunkel ist. Das erste zarte Licht, das auf die Grabkammer Jesu fällt, fällt kaum auf. Und am Blick der Maria kann man gut erkennen, dass sie noch ganz in ihrer Trauer gefangen ist. Aus ihrer Körperhaltung schließe ich, dass all ihre Aufmerksamkeit darin besteht, den Toten noch einmal zu sehen.

Zweimal wird sie angesprochen. Einmal von Engeln, dann von einer Person, die ihren Namen ruft. Es schaut auf dem Bild aus, als ob Maria mit ihrer Hand nach der Gestalt, die sie erst nicht erkennt, dann aber irgendwie doch, greifen will. Sie hat ihren Namen rufen gehört und will sicher gehen, ob das, was sie gesehen und gehört hat, auch wirklich stimmt.

 

Ostern markiert eine Grenze

Aber das Bild sagt auch: Es gibt eine Grenze. Denn es scheint, als ob die Hand wie auf eine durchsichtige Wand prallt, durch die man nicht greifen kann oder hinter die man nicht kommt.

Dazu Maria bekommt diesen Satz zu hören: „Rühr mich nicht an!“ Das klingt so nach einem grundsätzlichen Berührungsverbot. Gemeint ist aber etwas anderes: „Halte mich nicht fest!“ oder „Halte mich nicht auf!“ (www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/maria-aus-magdala).

Und das heißt: Maria soll Jesus loslassen - und zwar den Jesus, den sie zu dessen Lebzeiten gekannt hat.

Es geht ja an Ostern gerade nicht darum, dass mit einem Mal alles wieder so ist wie zuvor. Auferstehung ist nicht die Wiederherstellung des Bisherigen. Der Auferstandene ist auch nicht in den Körper des Verstorbenen zurückgekehrt. Das muss Maria begreifen. Sie bekommt Jesus nicht so wieder wie er vor der Kreuzigung war.

An Ostern geht es ja gerade nicht darum, wie der Auferstandene ausgesehen haben muss. Und auch das leere Grab ist kein Beweis für die Auferstehung. Es hinterlässt nur offene Fragen und Zweifel. Ob das Grab leer gewesen ist oder auch nicht, ist völlig unerheblich. Vielleicht hat auch deshalb der Künstler Sieger Köder nur ein zartes Licht auf die Öffnung der Grabkammer gezeichnet, aber sie selbst nicht ausgeleuchtet.

Worum es dann an Ostern geht? Um uns und um das Leben, das auf uns wartet.

 

Ostern heißt nach vorne schauen …

Ich finde an den Osterbildern des Künstlers Sieger Köder richtig gut, dass er nie den Auferstandenen gemalt hat. Auch hier nicht. Wir können ihn nur erahnen in Menschen, die ihn erlebt haben, wie hier Maria aus Magdala. Ihr Zurückblicken und ihre Hand, die wie gegen eine unsichtbare Wand stößt und eine Grenze zwischen der Zeit vor Ostern und nach Ostern markiert, macht deutlich: Eigentlich geht es an Ostern um uns. Um das Leben, das vor uns liegt.

Das Alte ist vergangen. Es ist etwas Neues geworden. Christus ist auferstanden. Das Leben ist mächtiger als der Tod. Dieses Leben wartet auch auf dich. Schau nach vor-ne. Es wird bereits hell. Siehst du es nicht?

Maria kann es noch nicht sehen. Weil sie noch nicht nach vorne schaut, sondern noch nach hinten gewandt ist.

Das neue Leben kann man auch nur erfahren, wenn man das Vergangene loslässt, wenn man sich aufmacht in das neue Leben und nicht am Boden verharrt und nach hinten schaut.

Maria sieht das neue Leben noch nicht. Sie sieht noch nicht, wie die die beiden Grab-platten mit den hebräischen Inschriften "Adam" und "Eva", am Ostermorgen regelrecht gesprengt worden sind. Die beiden stehen exemplarisch für die Trennung von Gott und Mensch. Diese Mauer ist zerbrochen. Menschen sind nicht mehr verlassen, ewig dem Tod unterlegen, sondern frei, befreit durch Gott, durch das, was wir Auferweckung nennen.

In diese Befreiung sind alle künftigen Gräber einbezogen. Auf Grabsteinen, Grabkreuzen, Kriegsgräbern, Friedhofsmauern erwachsen Zeichen der Hoffnung. Aus toten Steinen blühen Rosen, weil die Kraft der Liebe Gottes stärker ist als die Macht des Todes.

Und hinten fängt die Friedhofsmauer an zu brechen. Das Gesicht des Todes, des heimlichen Herrschers dieser Welt - der sonst alles auf der Welt beherrscht, ist jetzt vom Auferstandenen besiegt.

 

.. und das Alte loslassen

Das gibt Ostern uns mit: Lass das Alte los:

• was abgestorben ist;

• was dich hindert, nach vorne zu sehen

• was dich in deinen Gedanken immer noch so bindet.

Klar können wir Menschen niemals unsere Lebensgeschichte und unsere Veranlagungen einfach so abschütteln. Aber es kann doch auch nicht sein, dass wir zunehmend nur in der Vergangenheit leben oder bedauern, dass die beste Zeit unseres Lebens hinter uns liegt und wir nichts mehr vom Leben erwarten.

Deshalb gibt es das wunderbare Fest Ostern. Christus ist auferstanden. Gott hat einen neuen Anfang gesetzt. Das Leben ist mächtiger als der Tod. Und es wartet auf uns.

Das wird Maria an diesem Morgen erfahren. Und sie wird erleben, dass die Gegenwart des Auferstandenen eine andere ist als das Zusammensein mit Jesus zu dessen Lebenszeiten.

Maria hat ja gemeint, dass der Gärtner sie mit Namen gerufen hätte. Er war es aber nicht. Aber ich finde, dass dieses Bild gut zu Gott passt: Gott ist doch ein Gärtner. Keiner, der die Gräber verwaltet. Sondern jemand, der Leben neu zum Blühen bringt. So wie die Rosen, die hier auf den Gräbern wachsen. Nicht erst später, sondern auch schon jetzt zu seiner Zeit.

 

Das neue Leben wartet auf uns

Das ist die große Lebenskunst für Christen, das wir uns nicht an das Alte festklam-mern, weil man sonst eben nicht das Neue sieht, das an diesem Ostermorgen beginnt. Das neue Leben wartet auf uns.

Am Horizont wird es hell. Das neue Licht von Ostern will uns leuchten, will uns wieder auf die Füße stellen, will uns nach vorne schauen lassen. Das neue Leben wartet auf uns.

Wie das aussehen wird? Ganz unterschiedlich, so verschieden wir Menschen sind und so unterschiedlich unsere Lebensgeschichten aussehen. Für die einen kann es bedeuten, dass sie endlich den Kleiderschrank mit den vielen aufgebrauchten Sa-chen des Verstorbenen ausräumen, die man wie einen Schatz gehütet hat, aber mit denen man schon lange nichts mehr anfangen kann. Andere bekommen in einer wichtigen Frage endlich Klarheit und ziehen mutig die nächsten Schritte. Oder jemand ertappt sich dabei, dass er nicht mehr ständig bedauert, dass die beste Zeit schon vor-bei ist, sondern einfach neugierig wird, was dieser Frühling alles bringen kann.

Für die einen geht das schneller, andere brauchen Zeit. Auch deswegen ist die Karte eine Osterhilfe, weil man am Blick der Maria ja auch ablesen kann, dass sie vielleicht auch noch Zeit braucht um zu verstehen, dass Christus auferstanden ist und ihre Hoffnung nicht mehr im Grab verschüttet ist.

Aber sie hat in ihr Leben zurückgefunden. Zu einem Leben, in dem man das, was einem verlorengegangen ist, nicht einfach so abschütteln und loslassen kann. Aber zu einem Leben, in dem man sich aufmachen kann, weil Gott auch bei uns Neues schaffen will und kann.

Und die Möglichkeiten Gottes, die immer größer und weiter ist, als die Aussichten, die wir gerade vor uns haben, mögen uns auf unserem Weg wieder ein Stück weiterbringen. Amen

 

-> Predigt gehalten am Ostersonntag, 01. April 2018 in St. Nikolai Marktbreit von Pfarrer Thomas Volk