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Barmherzigkeit ist aktuell wie nie

Predigt über die Jahreslsoung 2021

Lukas 6,36 (Jahreslosung 2021) - Neujahr - 01.01.2021 - Marktbreit:

 

Was ist denn das? Aus einer Gießkanne fließen keine Wasserströme, sondern kleine Herzen.

Wie sind die denn da hinein gekommen? Ganz einfach. Genauso wie auch Wasser hin-einkommt. Jemand hat die Gießkanne mit Herzen aufgefüllt.

Eigenartig. Und darüber steht auch noch die Jahreslosung für 2021:

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lukas 6, 36)!“

 

Dieses Bild - mit dem Bibelwort zusammen geschaut - will sagen: Barmherzig kann man nur sein, wenn man selbst Barmherzigkeit erfahren hat und sozusagen mit ihr „aufgefüllt“ wurde.

Wie das geht? Und will ich überhaupt barmherzig sein? Denn barmherzig sein heißt ja nichts anderes als jemanden mit dem Herzen anzuschauen. Und wenn ich jemanden mit dem Herzen ansehe, dann blicke ich auch tiefer, bis in dessen Herz und merke, was diese Person gerade beschäftigt und gerade braucht. Und dann bleibt es nicht nur beim Schauen, dann bin ich auch betroffen von dem, was mir begegnet und ich überlege mir, was ich tun kann.

Aber wo fange ich an und wo höre ich auf? Ich kann doch nicht gegenüber der ganzen Welt barmherzig sein? Ich fühle mich oft schon überfordert, wenn ich die Not meiner nächsten Mitmenschen an mein Herz heranlasse und merke, wie nahe mir manche Geschichten gehen. Und oft genug komme ich mit mir selbst nicht zurecht. Und dann wird mir zu Beginn dieses zweiten Corona Jahres gesagt, ich soll barmherzig sein?

 

Es ist schon klar, dass Appelle nie etwas bringen, auch wenn sie noch so gut gemeint sind. Bei diesem könnte es vielleicht anders sein, denn zum einen hat diese Weisung nicht irgendjemand gegeben, sondern Christus selbst. Und bevor er gesagt hat, dass wir Menschen barmherzig miteinander umgehen sollen, hat er darauf hingewiesen, dass Gott selbst barmherzig ist. „Seid barmherzig, wie auch Gott barmherzig ist.

Eine gute Erinnerung am Beginn eines neuen Jahres. Gottes Wesen ist Barmherzigkeit. So hat Gott einmal Mose, kurz vor dem Eintritt in das verheißene Land, versprochen. „Der HERR, euer Gott, ist barmherzig. Er gibt euch nicht auf und lässt euch niemals un-tergehen (4. Mose 4,31).

Diese Zusage gilt noch immer und gerade heute, wo es so viele offene Fragen gibt und wo wir noch nicht abschätzen können, wie die Lage sich weiter entwickeln wird, ganz zu schweigen davon, ob unsere Gesundheit mitmacht und ob sich unser Gemüt in all den Belastungen als stabil erweisen wird.

Da ist es einfach gut zu wissen: Gott hat ein Herz für die Armen / für alle, die sich schwach fühlen / für alle, die sich ausgebremst vorkommen und für alle, die mit großen Ängsten die kommenden Monate erwarten. Und es tut gut, dass Gott auch bis ins Innerste bei dem betroffen ist, was ich mit mir herumtrage.

Eben weil Gott sich durch nichts und rein gar nichts davon abhalten lässt, für mich immer wieder ein offenes Herz zu haben und sich meine kleinen und großen Sorgen zu seinen eigenen macht, deswegen ist sein großer Wunsch: „Bleibe nicht unberührt von dem, was andere Personen mit sich herumtragen!“.

Welche Personen kannst du besonders mit dem Herzen anschauen? Nicht weil du es musst, sondern weil es für dich einfach eine Herzensangelegenheit ist. Gerade weil du dich schon so oft von deinem Gott geborgen und getragen erlebt hast, deswegen kannst du auch etwas davon weitergeben.

So hat es die Person auch gedacht, die die Herzen aus der Gießkanne herausfließen lässt. Und es stimmt ja auch. Wie oft haben wir unser Herz schon anderen zugewendet, uns gekümmert, gesorgt, zugehört. Und wie gerne haben wir es meistens getan.

 

Natürlich kann es auch Tage geben, an denen - bildlich gesprochen - keine Herzen aus mir heraussprudeln, weil ich selbst einfach leer bin oder weil ich so mit mir selbst zu tun habe.

„Barmherzig sein“ ist niemals ein Muss, sondern immer eine Herzensangelegenheit. Es kann sein, dass man warten muss. Warten, bis mich die Zuwendung und Fürsorge Gottes so aufgefüllt hat, dass ich wieder anderen geben kann. Genauso so geht christlicher Glaube: Als ein Geben und Nehmen.

Deswegen ergeht die Jahreslosung auch nicht in der Einzahl, sondern in der „Mehrzahl“. Seid barmherzig! Der Hinweis geht immer an mehrere. Eine oder einer alleine schafft es nie! Das wäre wirklich Überforderung pur. Die Jahreslosung geht davon aus, dass es immer jemanden gibt, der gerade nicht geben kann. Aber andere können.

Auch gut, dass es immer noch Kirche gibt, als einen besonderen Ort, an dem man Barmherzigkeit empfangen und weitergeben kann, bis hinaus in die Welt.

Gerade am Anfang dieses Jahres 2021, in dem wir wieder viel in unseren Wohnungen bleiben sollen und auf Kontakte verzichten müssen, kommt es auf uns an und auf unser besonderes Sehen des Herzens. Und genauso wichtig ist das Andere: Jemand denkt an uns. Jemand anderes versucht sich in uns hineinzudenken und überlegt, was unser Herz gerade braucht.

Für mich wird am Anfang dieses ungewissen Jahres noch einmal deutlich, dass Barm-herzigkeit nicht nur ein frommer kirchlicher Begriff ist, sondern eine konkrete Aufforde-rung für die kommenden Monate. Es tut gut, wenn viele sich anrühren lassen und vor allen Dingen konkret handeln.

Und der Friede Gottes, der unser Sehen und Begreifen umfasst, bewahre uns, unsere Herzen und Sinne, in Christus Jesus. Amen.

 

Pfarrer Thomas Volk Pfarrgasse 12 97340 Marktbreit

Mail: thomas.volk@elkb.de