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Apostelgeschichte 3,1-10 (IV) Nie mehr auf Füßen stehen, die nicht tragen

Liebe Gemeinde!
„Nie mehr“ singt der junge Stuttgarter Rapper „Cro“ in einem Lied auf seinem aktuellen Album „Raop“, das sich seit fünf Wochen auf Platz 1 der deutschen Albumcharts befindet. Er schildert darin Szenen, die jeweils im Refrain in ein mit voller Leidenschaft gesungenes „Nie mehr“ münden. Nie mehr“ in der Schule unter dieser einen Lehrerin schwitzen müssen, die einen völlig verkannt, unterschätzt und ständig für alles Mögliche verantwortlich gemacht. Oder „Nie mehr“ mit dieser einen Person zu tun haben, die einen so verletzt hat.
Das Lied kommt nicht nur für Jugendliche so überzeugend daher, weil darin alle ihr eigenes „Nie mehr“ hineinlegen können. „Nie mehr“ auf die Hilfe und Unterstützung anderer angewiesen sein. „Nie mehr“ von diesen Medikamenten abhängig sein, die mit ihren vielen Nebenwirkungen manchmal den ganzen Organismus regelrecht zum Kippen bringen können. Und „Nie mehr“ dieses Krankenhaus betreten, in dem man wochenlang jeden Morgen zwischen Hoffen und Bangen aufgewacht ist.

Das Schriftwort für den heutigen Sonntag erzählt auch von einem, der so ausrufen möchte und dann wirklich so sprechen kann. Hören Sie aus der Apostelgeschichte des Lukas, aus dem 3.Kapitel, die Verse 1-10:

1 Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit.
2 Und es wurde ein Mann herbeigetragen, lahm von Mutterleibe; den setzte man täglich vor die Tür des Tempels, die da heißt die Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen.
3 Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen.
4 Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an!
5 Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge.
6 Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!
7 Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest,
8 er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.
9 Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben.
10 Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor der Schönen Tür des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.

„Nie mehr“ möchte dieser von Geburt an Gelähmte dort dasitzen. „Nie mehr“ jeden Morgen von Angehörigen an das Tor zum Jerusalemer Tempelplatz gebracht werden, den ganzen Tag dort verbringen müssen und warten, bis man abends wieder nach Hause getragen wird. „Nie mehr“ miterleben, wie man links liegen gelassen wird oder sich bissige Kommentare anhören muss, warum man hier faul am Tor herumliegt und den engen Durchgang zum Vorhof des Tempels versperrt. Sich auch „Nie mehr“ zu Hause anhören lassen, warum man heute wieder viel zu wenig Almosen mit nach Hause gebracht hat und wie viel Geld und noch mehr Mühe es kostet, so jemanden Tag für Tag und Jahr für Jahr mit durchzufüttern.

Der Evangelist Lukas erweckt mit seiner Heilungsgeschichte den Eindruck, als ob es so einfach ist, dieses „nie mehr“ von ganzem Herzen aussprechen zu können. Nach Ostern und Pfingsten können Petrus und Johannes scheinbar mühelos genau die gleichen Wunder bewirken, die Jesus auch vollbracht hat. Im seinem Namen befehlen sie dem Gelähmten aufzustehen. Sie fassen ihn bei der rechten Hand und richten ihn auf. Seine Füße werden auf einmal fest, er springt auf, kann stehen und geht mit ihnen in den Tempel und lobt dort Gott.

Diese Geschichte lässt bei manchem von uns die Hoffnung groß werden, dass man dieses „Nie mehr“, das man sich in dieser einen Sache so sehr wünscht, endlich auch mit derselben Erleichterung aussprechen kann.

Die Wirklichkeit ist oft eine andere. Bei vielen kommt dieses erleichternde „Nie mehr“ viel zu selten über die Lippen. Und bei manchen sogar nie mehr. Und wie der Gelähmte Tag für Tag an dieser Pforte zum Tempelplatz sein Leben an sich vorbeiziehen lässt, so haben sich viele mit den Gegebenheiten abgefunden, die das tägliche Leben ausmachen und bestimmen: Ich kann doch nicht einfach so aus meiner Haut heraus. Ich kann auch nicht so einfach aus meinem Beruf, der meine ganze Energie abgräbt, aussteigen. Und ich kann auch nicht so ohne weiteres meine brüchige Gesundheit ablegen, die mich in so vielem einschränkt.

Wer sich die Apostelgeschichte als Ganzes anschaut, stellt fest, dass Lukas seinen Lesern ein ideales Bild von Kirche zeichnen möchte. Scheinbar mühelos, durch als Hindernisse und über alle Schwierigkeiten hinweg, wird das Evangelium von Jerusalem bis nach Rom, der damaligen Weltstadt, gebracht. Und allen Widrigkeiten zum Trotz, die vor allem der Apostel Paulus immer wieder auf sich nehmen muss, kann sich die Botschaft, dass Gottes Möglichkeiten immer größer und umfassender sind als meine momentane Sichtweise, immer weiter ausbreiten.
Wer aber denkt, dass das Leben ein Kinderspiel ist, in dem man dieses oder jenes einfach mal eben so ablegen kann, weil man es nicht mehr möchte und alles Beschwerliche einfach per Fingerschnipp oder schnelles Gebet hinter sich lässt, der wird enttäuscht.

Dem Einwurf des Petrus dem Gelähmten gegenüber, dass er „Gold und Silber“ nicht habe (vgl. V.6), entnehme ich, dass die Möglichkeiten anderen zu helfen, damit diese ein frohes „Nie mehr“ ausrufen können, auch damals schon begrenzt gewesen sind.
Ich entnehme auch dieser alten Geschichte, dass das Leben oft ein Kampf ist und dass man nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens stehen kann. Manchmal kann etwas passieren, was niemand auf der Rechnung hatte. Und manchmal kann etwas eintreten, das einfach keinen Sinn macht. Diese Wundergeschichte macht mir deutlich, dass es es einfach wichtig ist, sich nicht mit allen gegenwärtigen widrigen Gegebenheiten abzufinden, ob man sie im Moment ändern kann oder nicht. Es wäre schon ein großes Ziel, wenn man sich die Hoffnung auf dieses „Nie Mehr!“ bewahren kann.

Das Gegenteil wäre, sich in sein Schneckenhaus zurückziehen, sich selbst bedauern und bemitleiden und seufzen: „Nie mehr“ werde ich mich ausgelassen freuen können. „Nie mehr“ werde ich erleben, dass das Leben noch so manche Überraschung für mich bereithält. Und „nie mehr“ werde ich Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten aufbauen können.

Die Herausforderung dieser alten Geschichte besteht für mich darin, dass uns hier zugemutet wird, auf Füßen zu gehen und zwar auf solchen, die uns noch nie getragen haben (Martin Niemöller). Wer denkt, dass die Geschichte von der Heilung eines Gelähmten mit dem Gang in den Tempel zum Lobgebet nun einfach aus ist, der täuscht. Auch wenn er „nie mehr“ dort dasitzen muss, kommen neue Herausforderungen auf ihn zu und vielleicht auch neue Situationen, in denen er sich ein erneutes „nie mehr“ wünscht und wieder dagegen ankämpfen muss.
Vielleicht verlangt seine Familie nun von ihm, dass er alles, was sie für ihn getan hat, nun zurückgeben möge. Vielleicht muss er sich dem Vorwurf des Betrugs auseinandersetzen, weil er ja die ganze Zeit schon laufen konnte und es nur verborgen hat, weil es so bequemer gewesen ist.

Eigentlich geht diese Geschichte nun erst richtig los. Und sie wird an diesem Punkt zu unserer eigenen Geschichte, wenn auch wir eine Sache mit einem erleichterten „Nie mehr“ abgelegt haben, aber neue Herausforderungen nicht lange auf sich warten lassen. Wer endlich , wie der Sänger „Cro“ froh ausruft, die Schule hinter sich gelassen hat, wird weiter beurteilt werden und kann nur hoffen, dass er Personen findet, die einen wirklich fördern und die eigenen Fähigkeiten entdecken. Und wer eine Enttäuschung hinter sich hat und nie mehr eine solche miterleben möchte, wird zeitlebens nicht davor bewahrt, dass man immer nur an die richtigen gerät.

Diese Heilungsgeschichte steht nicht umsonst nach der Schilderung der Pfingstereignisse (vgl. Apostelgeschichte 2). Gottes Geist möchte uns so fest machen und uns so viel Mut mitgeben, dass wir immer wieder in unser eigenes Leben aufmachen und uns von nichts und niemandem einreden lassen, wir würden es „nie mehr“ schaffen.
Gott traut uns zu, dass wir auf unseren eigenen Beinen gehen können. Immer wieder neu aufbrechen. Vielleicht brauchen wir einen langen Atem. Oder Geduld. Mehr Entschlossenheit. Weniger Selbstzweifel. Auf alle Fälle traut Gott uns zu, dass wir immer wieder auf unseren eigenen Weg kommen. Durch Zeiten hindurch, die ungewohnt und mühevoll sind. Durch Tage, in denen wir uns wie gelähmt vorkommen und alle Hoffnung auf Bewegung im eigenen Leben aufgegeben haben. Auch durch alle Einreden hindurch, das unsere Lebenszeit begrenzt ist, weil vieles schon ausgespielt ist oder weil zu viele Jahre ins Land gezogen sind.

Die Menschen damals haben sich gewundert als sie den Gelähmten auf einmal laufen gesehen haben. Manche sind sogar entsetzt gewesen (vgl. V.10). Das kommt immer dabei raus, wenn jemand „nie mehr“ sagen kann, auf eigenen Beinen stehen und in die nächste Etappe des Lebens weitergehen kann. Lukas schreibt an anderer Stelle: „Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich“ (Lukas 18,27).
Amen.

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk am 12.Sonntag nach Trinitatis, 26.08.2012 in St. Nikolai - Marktbreit