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Apostelgeschichte 2,1-14 - "Mitten ins Herz!" - Pfingstsonntag

„Mitten ins Herz!“ So lässt sich die Pfingstbotschaft auf einen knappen Nenner bringen.

Wenn etwas mitten ins Herz geht, dann berührt es uns sehr. Zum Beispiel der Film, der dann doch noch ein Wende zum Guten genommen und wo man mit der Hauptdarstellerin so mitgefiebert hat.

Das Buch, das uns auf ganz neue Gedanken gebracht hat und wo man anschließend sagen konnte: So habe ich das noch nie gesehen. Ich habe eine ganz neue Sichtweise bekommen. Oder als man das Enkelkind zum ersten Mal in den Armen gehalten hat und man das Gefühl hatte, dass das Leben noch einmal von neuem beginnt.

Jede und jeder von uns braucht solche Momente, die ins Herz gehen, weil sie unser Leben bereichern. Jedes Lachen und Weinen, jedes Hoffen und Bangen, jede Entscheidung, die man trifft, macht uns deutlich, wie bunt, wie vielfältig und wie reich doch das Leben ist. Und unserem Leben würde Entscheidendes fehlen, wenn wir nicht solche Momente hätten, die mitten ins Herz gehen.

„Mitten ins Herz!“ Genau davon handelt auch Pfingsten. Von Momenten, die uns ins Herz gehen - von Augenblicken, die uns berühren und unserem Leben eine ganz neue Wende geben.

Das erste Pfingstfest ist so einzigartig und außergewöhnlich gewesen, dass Lukas, der Schreiber der Apostelgeschichte, gar nicht so genau wusste, wie er dieses Ereignis, das mitten ins Herz ging, in Worte fassen sollte, so wie Verliebte manchmal auch nicht beschreiben können, was sie empfinden und fühlen.

Lukas schreibt von einem gewaltigen Sturm. Von Feuerzungen, die sich verteilen und sich auf jeden der Jüngerinnen und Jünger legen. Wie Fenster und Türen aufgerissen werden, wie die Jüngerinnen und Jünger auf die Straße gehen und einander erzählen, was ihnen bis ins Herz gegangen ist. Wie andere Menschen, Festpilger aus den unterschiedlichsten Ländern, hinzukommen. Wie sie die Jüngerinnen und Jünger reden hören und sie verstehen. Wie all die verschiedenen Wünsche und Sehnsüchte eine Antwort bekommen.

Ich stelle mir vor, wie bewegt sie gewesen sein müssen, wie sie erkennen und begreifen, was passiert, wie glaubwürdig, wie überzeugend ihre Worte sind, die diese Jüngerschar plötzlich für alle ausstrahlt.

Sie reden nicht mehr nur alle durcheinander, sondern miteinander. Sie verstehen sich. Ihre fremde Sprache, ihr unterschiedliches Gemüt, ihre abweichenden Lebensgeschichten sind kein Hinderungsgrund mehr, dass man nicht zusammenkäme. Und ich male mir aus, wie sich für einen Moment in ihnen ein tiefer Friede ausbreitet.

Wie auch immer dieses Ereignis damals in Jerusalem genau abgelaufen sein mag, ob sich am Abend 3.000 Menschen haben taufen lassen oder weniger oder noch mehr, ist unerheblich. Lukas schreibt keinen Tatsachenbericht. Wichtig ist die Botschaft dieses Tages: Gott kommt buchstäblich mitten im Herzen der Menschen an und sie lassen davon berühren und bewegen, werden Feuer und Flamme nicht nur das eigene Leben, sondern auch füreinander, nehmen Anteil am Leben anderer.

Deshalb feiern wir jedes Jahr Pfingsten, weil dieses Fest uns gewiss macht: „Mitten in unser Herz“ kommt Gott.

Die rote Bahn, die von der Decke des Chorraums bis hinunter zum Altar reicht, macht deutlich:
Bis ganz nach unten, bis in unser Herz kommt Gottes Geist.
Und der Faden, den Sie auf der Bahn sehen, steht für die vielen Möglichkeiten und - manchmal verschlungenen - Wege Gottes, uns zu berühren und zu bewegen.

Diese Bahn, die uns das anschaulich macht, ist mir deshalb so wichtig, weil viele ja immer noch meinen, dass man das Wirken des Geistes Gottes nur mit außergewöhnlichen Begebenheiten in Verbindung bringen kann.

Viele sagen: Neulich, auf dem Kirchentag in Bremen, als Tausende auf den Straßen gesungen und gebetet haben, in riesigen Hallen gemeinsam Abendmahl gefeiert haben, da war so etwas wie Pfingsten spürbar. Ein großes Gemeinschafts- erlebnis hat die unterschiedlichsten Menschen miteinander verbunden. Mitten ins Herz ist die Stimmung gegangen und das, was viele erlebt haben, wirkt bestimmt noch lange nach und wird auch allen Alltag nachhaltig verändern.

 

Ich glaube, dass wir besondere Orte und Zeiten für unseren Glauben brauchen, ob Kirchentag oder - zeitgleich drüben in Segnitz - unser gemeinsamer Gottesdienst mit der dortigen Kirchengemeinde, mit Posaunenchor und eine dreigeteilte Predigt von Pfarrer Bernath, meiner Frau und mir. Auch wenn wir hier am Main niemals Kirchentagsausmaße erreichen werden, so wird die Zahl immer größer und immer mehr Marktbreiter finden den Weg hinüber, weil die besondere Atmosphäre des Gottesdienstes und die Gemeinschaft - ob im Pfarrgarten oder in der Kirche - viele anspricht.

An Pfingsten dürfen wir aber auch wissen: Es muss nicht immer der außergewöhnliche Event sein. Wirken des Geistes geschieht überall da, wo Gott in unserem Herzen ankommt und wir das spüren und bewegt werden.

„Geist“ ist für die Bibel etwas, das uns von Gott her persönlich im Herzen trifft, uns angeht, beflügelt oder aufrichtet, tröstet oder bewahrt und dann auch Folgen hat. Wir werden in eine Gemeinschaft einbezogen, eine Wandlung geschieht in uns oder ein Neuanfange wird möglich (Jörg Zink, Die Urkraft des Heiligen, S.92).

Wenn „Gottes Geist“ unser Herz berührt, dann fällt etwas in uns hinein, das nicht wir selbst sind, wir empfangen eine Lebendigkeit, die anders ist als unsere natürliche Lebenskraft. Wir gewinnen Freiheit, offenen Raum, einen gangbaren Weg.

Wenn „Gottes Geist“ mitten in unser Herz kommt, wird uns etwas ins Herz gelegt, das uns Gewissheit gibt, Stehvermögen, Vertrauen, Eigenständigkeit, Mut zum Bekenntnis und gegebenenfalls auch Kraft und Mut zum Widerstand (Jörg Zink, Die Urkraft des Heiligen, S.93).

An letzteres denken wir gerade heute: „Kraft und Mut zum Widerstand“, denn heute vor 75 Jahren wurde die berühmte „Barme Theologische Erklärung“ verfasst. Vom 29.-31. Mai 1934 Jahren versammelten sich die Vertreter der Bekennenden Kirche im Wuppertaler Stadtteil Barmen zu einer Sondersynode. Über ein Jahr war Adolf Hitler schon an der Macht. In dieser Zeit hatte er nicht nur die Abrüstungsverpflichtungen Deutschlands aufgekündigt und sich angeschickt, Deutschland wieder zu einer potentiellen Kriegsmacht zu machen. Er hatte nicht nur die Gewerkschaften und andere Verbände aufgelöst und einer umfassenden Gleichschaltung der deutschen Gesellschaft den Weg geebnet. Er hatte auch unübersehbare Zeichen für die Entrechtung der Juden in Deutschland gesetzt. Und er hatte die Gleichschaltung auch auf die evangelische Kirche in Deutschland ausgedehnt. Eine starke Strömung in der evangelischen Kirche hatte dem begeistert Beifall gezollt: Die „Deutschen Christen“ hatten in bedrückender Lautstärke im Berliner Sportpalast die Abschaffung des Alten Testaments und die Einführung des Arierparagraphen in der Kirche gefordert.

Geistesgegenwart war gefordert. Kraft und Mut zum Widerstand. Es waren nicht allzu viele, die diese Geistesgegenwart aufbrachten. 138 Vertreter aus 18 Landeskirchen kamen am 29. Mai 1934 in Barmen zusammen: 83 Pfarrer und 55 Laien. Drei Tage dauerten ihre Beratungen. Zu ihren Beschlüssen gehörte die „Theologische Erklärung von Barmen“. Im Wesentlichen war sie von dem Schweizer Theologen Karl Barth entworfen, der damals in Bonn lehrte und umfasste sechs prägnant formulierte Thesen.

Die erste These hält in Abwehr der NS-Ideologie fest: "Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben." Diese „Barmer Theologische Erklärung“ war ein wirklich pfingstliches Ereignis, an das wir uns heute zu Recht erinnern, fünfundsiebzig Jahre später.

In einer Zeit, in der sich ganz anderer Geist, ein menschenverachtender, breit gemacht hat, haben zumindest einige wenige Gottes Geist mitten im Herz gespürt und gesagt, dass man dem übermächtigen NS-Regime etwas dagegen setzen muss.
Außerdem haben zum ersten Mal seit der Reformation, also nach 400 Jahren, Vertreter der Lutheraner, Reformierten und Unierten sich auf eine gemeinsame theologische Erklärung geeinigt. Sie können Sie zu Hause gerne nachlesen. Sie steht in unserem Gesangbuch unter der Nummer 907.

Wenn Gottes Geist mitten ins Herz geht, dann hat das nicht nur Auswirkungen auf das eigene Leben, sondern auch auf das Miteinander.

Wir mögen es heute bedauern, dass damals nicht viel mehr Menschen solche Geistesgegenwart aufgebracht haben und sich nicht von Gott, sondern von Menschen geringachtenden Ideologien haben blenden lassen. Und wir mögen uns heute viel mehr Heiligen Geist für uns und für die Verantwortlichen von Regierung und Wirtschaft wünschen, dass sie und wir alle so berührt werden und viel verantwortlicher mit Arbeitnehmern, mit der gesamten anvertrauten Schöpfung umgehen.

Aber jammern hilft an Pfingsten nichts. Wer klagt und zetert, bekommt sein Herz nicht frei für das, was Gott im Moment gerade an uns schafft und was er noch alles wirken will. Auch bei uns und durch uns.

Gottes Geist findet am besten dort einen Weg, wo wir offen sind, neugierig, wo wir nicht abgestumpft dahin existieren, sondern mit wachen Augen jeden Tag neu begrüßen und Anteil nehmen am Leben anderer. Dann kann es auch ganz unverhofft passieren, dass Gottes Geist uns ganz unerwartet trifft,
uns bewegt und unserem Leben wieder etwas reicher gibt.

Amen.

 

Predigt zum Pfingstsonntag, 31. Mai 2009, gehalten von Pfarrer Thomas Volk in St. Nikolai, Marktbreit