Predigtansicht

5. Mose 32,11 - Predigt zur Konfirmation

5. Mose 32,11 - Symbol „Nest“ - Konfirmation am 14. April 2013 in Marktbreit:

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Festgemeinde,
liebe Eltern und Paten,
zur heutigen Konfirmation habe ich uns etwas mitgebracht. Etwas, das deutlich macht, worum es heute geht. Es ist dieses Nest (Nest zeigen).
Das Nest ist leer. Es macht deutlich: Wie ist die Zeit doch vergangen. Eben noch, vor ungefähr 14 Jahren, lagen sie wie kleine Küken darin. Kuschelig weich geborgen. Wir Erwachsene waren froh und glücklich, haben so viele Hoffnungen und Träume in diese kleine Wesen gelegt. Was wollten wir ihnen nicht alles wünschen? Was wollten wir mit ihnen alles unternehmen? Was wollten wir ihnen auf alle Fälle ersparen?

Ich weiß nicht genau, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, ob ihr das überhaupt wollt, dass man so über euch spricht: Wie groß ihr doch geworden, wie schick ihr heute ausseht, wie ihr euch doch verändert habt. Aber zu einem Festtag wie heute gehört es für eure Eltern und Paten, für Großeltern und Eure Familie dazu, dass sie auch an die Zeit bis heute zurückdenken.
Auch uns von der Kirchengemeinde, die wir euch in diesem dreiviertel Jahr begleitet haben, geht es ähnlich. Wie schnell ist doch unsere gemeinsame Zeit vergangen.
Eben noch, vor gut einem dreiviertel Jahr, ward ihr bei der Anmeldung zum Konfirmandenkurs. Ihr ward einiges kleiner an Größe. Ihr habt euch gefragt, was euch alles erwartet. Im Konfi-Camp auf Spiekeroog. In den Gottesdiensten hier. In den Konfirmandenkursen jeden Mittwoch.
Und heute habe ich uns allen dieses leere Nest mitgebracht, weil es deutlich macht, worin das Besondere dieses Tages besteht. Eure Konfirmation macht deutlich: Ihr seid flügge geworden. Ihr wollt losfliegen. Wollt eigene Entscheidungen treffen. Wollt die Welt entdecken, eine ganz andere Welt, als Schule und Hausaufgaben, als Zimmer und Spülmaschine ausräumen. Ihr bekommt auf Facebook mit, was andere alles unternehmen, mit wem sie befreundet sind und welche tollen Sachen sie gerade erleben.

Ich kann es einfach nicht glauben und muss noch einmal in das Nest hineinschauen. Es ist wirklich leer. Die ehemals Kleinen sind ausgeflogen.
Aber heißt Konfirmation nicht „Bekräftigen“, „Festmachen“? Aber warum ist dann das Nest leer? Wer hält sich an wem fest?
Jedenfalls nicht wir Erwachsene an euch.
Wir Mitarbeitende dieser Kirchengemeinde müssen das mit euren Familien lernen. Euch Nicht-Festmachen. Wir Erwachsene müssen darin erwachsen werden: Euch loszulassen. Uns klar machen: Es gibt kein Festhalten. Wir müssen das Vertrauen noch weiter entwickeln, dass wir nicht ständig hinterher fliegen können und alles für euch regeln können.
Loslassen kann man falsch verstehen: Ich meine damit nicht, dass es uns egal sein kann, was aus den Jugendlichen wird. Auch nicht, dass wir uns nicht mehr um sie kümmern brauchen. Oder sagen: Alles, was jetzt kommt, geht auf ihre Rechnung.
Ich meine es so: Wir müssen anerkennen, dass wir mehr in den Hintergrund treten müssen und unsere Begleitung unaufdringlicher werden muss. Nicht mehr so von oben herab. Mehr auf gleicher Höhe. Wir müssen glauben, dass Menschen da sind, die ihnen Gutes wollen und dass auch noch Gott da ist, dessen großes Anliegen es ist, dass jede und jeder einzelne von ihnen niemals abstürzt.
Heute wird uns besonders bewusst, dass die Zeit im Nest dem Ende entgegen geht. Eure tolle Kleidung ist mehr als ein Hinweis, dass ihr die Erwachsenen von morgen seid.
Wir wollen euch nicht festhalten. Im Gegenteil: Wir möchten,
· dass ihr - um mit dem Bild des Nestes zu sprechen - in diese Welt hinausfliegen könnt,
· dass ihr die Möglichkeiten entdecken könnt, die Gott in euch gelegt hat,
· dass ihr eure Gaben und Fähigkeiten weiter entwickeln könnt,
· und dass ihr Menschen habt, die euch Rückendeckung geben, die euch auffangen, denen ihr nicht lästig seid.

Was man braucht, um hinauszufliegen?
Familie und Freunde, die es gut und ehrlich und aufrichtig mit einem meinen.
Und man braucht auch Gott. Von ihm heißt es einmal im 5. Buch Mose (5.Mose 32,11 nach der Übersetzung „Hoffnung für alle“):
Gott geht mit uns um wie ein Adler, der seine Jungen fliegen lehrt:
Der wirft sie aus dem Nest, begleitet ihren Flug,
und wenn sie fallen, ist er da,
er breitet seine Schwingen unter ihnen aus und fängt sie auf.
Ein schönes Bild, wenn man losfliegen will, in die große Welt hinaus möchte. Gott ist wie ein Adler, der seine Jungen das Fliegen lehrt. Er führt seine Jungen aus und schwebt dabei über ihnen. Er lässt sie nicht aus den Augen und wenn jemand abzustürzen droht, dann kommt er, nimmt sie behutsam und trägt sie auf seinen Flügeln.

Erste Flugversuche habt ihr bereits hinter euch. Das Konfi-Camp. Die Schnupperlehre. Manche sind mit der Schule weggefahren.
Manche haben aber auch ganz andere Flugversuche: Die Klasse, in der man sich einfach nicht wohlfühlt. Die sogenannten Kumpels und Freundinnen, auf die man sich doch nicht verlassen kann. Oder Erfahrungen, dass das Leben in die ganz andere Richtung hinläuft, in die man eigentlich möchte.
Es ist heute noch ungewiss, wohin euer Leben geht, in welche Richtung ihr euch entfaltet, wie hoch ihr einmal kommt oder wie weit weg, wie schnell ihr von 0 auf 100 durchstartet oder wie dünn die Luft einmal wird, wenn es darauf ankommt.
Nicht ausgeschlossen, dass man auch fallen kann. Manchmal von jetzt auf gleich. Oder einfach so, ohne einen bestimmten Grund.
Dann ist es gut zu wissen: Ich werde aufgefangen. Ich spüre Gott ganz fest an meiner Seite. Mit seiner Hilfe öffnet sich der Fallschirm. Mit seinen Möglichkeiten, mich zu erreichen, gewinne ich wieder den Überblick. Oder komme zur Besinnung. Wird mir deutlich, was ich für einen Unsinn getan oder gedacht habe. Werden mir die Augen geöffnet, dass ich endlich kapiere: Die anderen haben mich ja nur ausgenutzt haben, ich war einfach nur Mittel zum Zweck und habe es einfach nicht wahrhaben wollen.

Das in dieser Woche meistverkaufte und am häufigsten angeklickte Lied in Deutschland heißt „Let her go“ und stammt von Passenger. Das ist ein Musikprojekt des britischen Sänger-Songwriters Mike Rosenberg. Es ist ein ruhiges, ein nachdenkliches Lied, das es aber doch bis ganz oben geschafft hat. Zu Recht. Der Refrain heißt übersetzt so:
„Du brauchst das Licht nur, wenn es schwach flackert.
Vermisst die Sonne nur, wenn es anfängt zu schneien.
Weißt nur, dass du sie liebst, wenn du sie gehen lässt.
Weißt nur, dass du oben warst, wenn du dich am Boden fühlst.
Hasst die Straße nur dann, wenn du dein Zuhause vermisst.
Weißt nur, dass du sie liebst, wenn du sie gehen lässt.“
Viele halten es mit Gott ebenso. Man braucht ihn nur, wenn es einem gerade nicht gut geht oder wenn man dann doch nicht mehr weiter weiß. Und dann kann es passieren, dass man ihn nicht mehr findet oder vergessen hat, was man von ihm wirklich erhoffen kann.
Gott nimmt uns das Fliegen nicht ab. Und wir können ihn auch nicht für alles verantwortlich machen, was wir verbockt haben. Aber er hilft uns, dass wir weiterfliegen können.
Der Segen, der dir in diesem Gottesdienst ganz persönlich zugesprochen wird, will dich gewiss machen: Kein Tag deines Lebens sollst du vergessen, dass Gott bei dir ist und dich auf deiner Lebensreise begleitet. Und du kannst hinausfliegen. In die Welt. Du kannst dir auch was zutrauen, weil Gott bei dir ist, wie ein Adler, der seine Jungen das Fliegen lehrt.

Gott traut dir auch zu, dass du dein Nest auch verlassen kannst. Ihr seid der Konfirmandenjahrgang, der für mich darin noch etwas Nachholbedarf hat: Im Mutig werden. Wie oft habt ihr euch an euer Handy festgekrallt, als große Sicherheit. Und wie oft - das wisst ihr - hätte ich mir das eine oder andere Mal gewünscht, dass ihr mehr miteinander geredet hättet, als sich nur dieses oder jenes nur über Facebook zu sagen.
(zur Gemeinde) Vorgestern habe ich einen von ihnen gefragt, als ich ihn tiefversunken in sein Handy vor der Kirche getroffen habe. „Sag mal, kann dein Handy auch sprechen?“ Und er, mit einem großem Seufzer: „Leider nein!“

Deshalb will dieser Tag
· allen, auch allen von uns, die noch ein bisschen mehr Lebensmut gebrauchen können,
· allen, die man manchmal ein wenig antippen muss,
· allen, die man ganz behutsam, aber bestimmt, aus dem Nest stupsen muss,
sagen: Komm! Trau dich! Mit dem Losfliegen. Es ist so viel Leben in dir. So viel, was Gott dir mitgegeben hat. Bei jeder und jedem ganz anders. Lass dich nicht einschüchtern von denen, die - augenscheinlich - immer vorne sind. Und lass dich auch nicht blenden von denen, die angeblich weiter und höher hinaus können.
Deine Zeit kommt. Aber dass Du kein Nesthocker bleibst, nur weil du dich lähmen lässt von angeblich schlechten Aussichten.

Denn ihr habt der Welt viel zu geben:
Fabian, an dir finde ich toll, dass du dich durch nichts so leicht aus der Ruhe bringen lässt. Deine „Gelassenheit“ ist bewundernswert. Und „gelassen“ lässt es sich am allerbesten für eine Sache einsetzen. Und auf dich kann man sich absolut verlassen.
Robin, weißt du eigentlich, dass auf deine Meinung die Welt wartet. Verstecke sie nicht, sondern mach sie bekannt. Du kannst viel bewirken. Mach es auch!
Dominik, auf sich kann man sich verlassen. Das ist schön. Und deine Freundlichkeit kann so viele mitreißen. Mögest du sie immer bewahren.
Julian, dich habe am besten beim Fußballspielen am Strand von Spiekeroog kennengelernt. Niemand kann so gefühlvolle Freistöße schießen wie du, außer vielleicht Mario Götze. Du kannst auch tief schauen und vieles sehen. Dann leg endlich los!!
Maximilian, Gott hat in dich viel hineingelegt. Lass dich nur nicht unterkriegen von denen, die meinen, dass sie weiter sind als du. Sie sind es nicht.
Cindy, deine Gedanken, die du dir um so vieles machst, sind kostbar. Und Gott wird gerade dir noch viel Mut geben. Du wirst staunen, was du noch alles schaffen wirst.
Alina, mit dir ist man einfach gerne zusammen. Und mit deiner Lebensfreude wirst du noch viele Menschen aufbauen und froh machen können. Und sie wird dich mit viel Dankbarkeit erfüllen.
Nicole, dir macht man nicht so leicht was vor und du gehst den Dingen auf den Grund. Das ist dein großes Plus. Viele werden sich auf dich verlassen und du wirst einmal viel in die Wege leiten und fördern können.
Judith, deine Freundlichkeit ist ganz wertvoll und mit ihr kommst du noch weit. Und wer sich auf dich verlässt, der oder die kann nur glücklich und froh sein.
Lea, du siehst so vieles, was andere gar nicht bemerken. Das ist manchmal vielleicht nicht immer leicht, weil man sich viele Gedanken macht, aber du wirst noch genügend erfahren, wie kostbar es ist, weiter zu schauen als viele andere.

Sie merken, liebe Gemeinde, was unsere Jugendlichen alles vermögen, wenn man sie fördert und begleitet. Deshalb feiern wir heute Konfirmation, das Fest, das uns ein leeres Nest vorhält, uns aber uns so beschenkt, wie es dieser wunderbare und einzigartige Blumenschmuck anzeigt.

Gott geht mit uns um wie ein Adler, der seine Jungen fliegen lehrt:
Der wirft sie aus dem Nest, begleitet ihren Flug,
und wenn sie fallen, ist er da,
er breitet seine Schwingen unter ihnen aus und fängt sie auf.
Dann lernt mal schön die Kunst des Fliegens.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk zum Festgottesdienst der Konfirmation am Sonntag, 14. April 2013 in St. Nikolai, Marktbreit