Predigtansicht

2. Korinther 12,9 - Jahreslosung für das Jahr 2012

(Grundlage der Predigt ist eine Bildbetrachtung von Propst Dr. Sigurd Rink, Wiesbaden; Präsenz Kunst & Buch Verlag)

Liebe Gemeinde!
Wo sind Ihre Augen hängen geblieben?

Am hellen Lichtschein in der oberen Bildmitte?
An dem großen roten Querbalken in der Mitte?
An den beiden senkrechten roten Linien außen.

Oder überlegen Sie bereits, wie man dieses Bild mit der Jahreslosung für dieses neue Jahr in Verbindung bringen kann.

Jesus Christus spricht: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ (2. Korinther 12,9).
Eine verheißungsvolle Zusage am Beginn eines neuen Jahres, wo man noch nicht genau weiß, wie sich manches fügen wird und wie man alles schaffen soll. Ob eine entscheidende Abschlussprüfung ansteht, ob man sich fragt, wie man die immer mehr werdenden Anforderungen im Berufs- oder Alltagsleben bestehen kann oder ob man noch völlig im Ungewissen ist, wann sich die Gesundheit einstellen wird, die man für sich gerne wünscht - die Jahreslosung macht Mut und verheißt: Wie auch immer sich das neue Kalenderjahr 2012 in deiner Lebensgeschichte einprägen wird, du wirst Spuren entdecken, die dir deutlich machen: Gerade dann, wenn du gemeint hast, an ein Ende gekommen zu sein, sind dir Kräfte zugekommen, nicht aus dir selbst, sondern von dem, der verheißen hat: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“

Dieses Licht in der oberen Mitte zieht den Blick unweigerlich an, als will es sagen: „Schau her, dir ist dieses Licht zugedacht. So möchte es Gott für dich. Wo es dunkel um dich ist, da soll es hell werden. Wo etwas im Ungewissen ist, da soll es klar werden. Wo sich etwas hinzieht, da soll dir der lange Atem nicht ausgehen.“

Diese Gewissheit tut gut, vor allem, wenn man dieses Licht gerade für sich nicht ausmachen kann oder wenn etwas - wie dieser rote, dicke Querriegel - wie ein Hindernis erscheint, wie ein Schlagbaum, an dem es kein Vorbeikommen gibt.Diese Sperre fragt mich: Was hält mich eigentlich ab? Ein bestimmtes Ereignis, das mich

im vergangenen Jahr so aus der Bahn geworfen hat? Eine schlechte Erfahrung? Oder einfach die Tatsache, dass das, was ich so sehr erhoffe, wie unter dicken Steinen verschüttet liegt.
In Verbindung mit den roten, senkrechten Streben erscheint der dicke Querriegel auch  wie ein Blick aus einem Gefängnis. Aus einem selbstgemauerten? Was hat sich nicht alles in meinem Kopf festgesetzt?

• Ich schaffe es bestimmt nicht.
• Die anderen haben mehr Einfluss und bekommen mehr Gehör.
• Ich bin schon so oft enttäuscht worden.

Die beiden angedeuteten Querriegel an den unteren Enden machen mir deutlich, dass es weitere Barrieren, Grenzen, Einschränkungen gibt, die mich abhalten, dass ich zum Licht gelange.
Meine fortgeschrittene Lebenszeit. Meine begrenzte Kraft. Meine Zweifel und Ausreden. Meine Unentschlossenheit.
Oder Menschen um mich herum, die gleich wieder Bedenken anmelden. Die auf Ausgewogenheit und Nachhaltigkeit achten. Die die Schärfe rausnehmen und unter den Tisch kehren.
All diese Zweifel, Bedenken und Selbstausreden können mich schwach und schwächer machen. Und je weniger ich mir etwas zutraue, desto kleiner werden auch meine Kräfte.

Für alle, die am Beginn dieses neuen Jahres auf solche Hindernisse starren oder gerade vor sich auftürmen sehen -  egal, ob sie bereits da sind oder ob man sie sich gerade selbst aufstellt - ist die Jahreslosung wie ein Durchbruch, wenn es von Jesus, dem Christus, heißt, dass seine Kraft gerade in den Schwachen mächtig ist.
Das biblische Wort passt zum Licht auf dieser Karte. Es lässt mich gelassen in ein neues Jahr hineingehen und mich sprechen: „Auch wenn ich nicht weiß, wann und wo ich an die Grenzen meiner Kräfte kommen werde, darf ich darauf vertrauen, dass du, Gott, mich stark gemeint hat. Wie oft komme ich ins Zögern und sehe vor mir nur, was alles nicht geht, nicht klappt, was mir verloren gegangen ist. Ich möchte darauf bauen, dass gerade dann seine Kraft mit dabei ist, wenn ich unten bin oder wenn ich wieder an meinen Möglichkeiten zweifle oder wenn ich nicht mehr weiß, wie ich die kommenden Tage überstehen soll. Gottes Kraft ist mit dabei! Sie ist mir zugesagt, zugesprochen.“

Diese Verheißung hat der Apostel an die Gemeinde gerichtet, mit der ihn eine lange Geschichte verbunden hat. Gerade in Korinth, in der Paulus eineinhalb Jahre gelebt und viel Herzblut gelassen hat, musste er einige Male erfahren, wie schnell besser angekommen sind, mehr Anerkennung bekommen haben. Ganz zu schweigen von den gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die ihm immer wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht haben.

Ich kann mir denken, dass Paulus diese Zusage anfangs möglicherweise nicht so großartig aufgenommen hat. Vielleicht hätte er sich selbst mehr Trost von Jesus gewünscht, mehr Verständnis für seine Lage, mehr Bedauern, wie übel man ihm doch wieder mitspielt hat oder mehr Heilung, Kräftigung, Bestätigung, neue Schubkraft. Nichts von alldem. Er selbst erhält lediglich das Wort von der Kraft Jesu in aller Kraftlosigkeit, die erst dann mächtig wird, wenn man schwach ist und nicht schon im Vornherein horten kann. „Lass dir an meiner Gnade genügen. Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Manchmal wünschen wir uns ja auch, dass uns jemand - vor allem, wenn wir erschöpft daliegen oder einfach nicht mehr aufstehen wollen - bejammert, wie schlimm doch alles ist. Aber wer immerzu auf das schaut, was man nicht geschafft hat oder wer vergleicht und ständig auf die anderen schielt, die es vermeintlich besser haben, deren Gesundheit besser mitspielt, die mehr Erfolg haben, beliebter sind, einen dickeren Geldbeutel haben, wird vermutlich immer einen großen Riegel vor sich sehen und hat keinen Blick mehr für das Licht, das in diese Welt gekommen ist und uns in seinen hellen Schein hineinziehen möchte. Und dann kann man auch nicht mehr wahrnehmen, was einem alles ganz unverhofft zukommt.

Vielleicht ist ist das für Paulus anfangs eine große Enttäuschung gewesen, vielleicht sogar eine Zumutung. Er, gekränkt, kränkelnd, unter Schmerzen leidend und unter drohender Erfolgslosigkeit ausgebrannt. Ohne Ausblicke. Keine Rundumerneuerung seiner Lage, seiner körperlichen Verfassung, seines seelischen Gemütszustandes.
Später ist er darauf gekommen: Gottes Kräfte können nur da ankommen,

• wenn man nichts beschönigt,
• wenn man von dem Denken abkommt, dass man nur selbst seines Glückes Schmied sein kann
• oder wenn man meint, dass man immer und überall nur glänzen muss, wie es der Sänger Andreas Bourani in seinem aktuellen Lied „Eisberg“ beschreibt:
„Ich will glänzen.
Ich will scheinen.
Und ich tu, als tät nichts weh.
Würd dir gerne alles zeigen.
Bin ein Eisberg auf der See.“

Vielleicht muss bei uns auch etwas auftauen. Vielleicht müssen wir uns eingestehen, dass auch manche Eiszeit durch uns entstanden ist. Vielleicht muss mehr unser wahres Ich zum Vorschein kommen, das nicht immer so stark ist, wie wir uns das gerne ausmalen.

• Gottes Kraft kann man da erfahren, wo man die eigenen Schwächen annehmen kann, auch die Seiten, die man manchmal gerne ausblenden möchte.

• Gottes Kraft kann man da spüren, wo man das Leben so annehmen kann, wie es gerade ist, auch wenn man sich manches ganz anders gewünscht hätte.

• Und auf Gottes Kraft kann man vor allem da bauen, wo man an seine Grenzen kommt und spürt, dass man aus eigenem Vermögen nicht mehr weiterkommt.

Unser Leben wird auch im neuen Jahr nicht immer ein Wunschkonzert sein. Und alle Barrieren, die uns umgeben, werden nicht einfach weggezaubert. Manche Vorsätze werden schnell wieder kippen. Der alte Trott wird möglicherweise wieder Einzug halten und die Tage werden kommen, die wir uns nicht ausgesucht haben, auch die, an denen wir schwach sind, eine Enttäuschung hinnehmen müssen oder in der einen Sache an unsere Grenzen kommen werden.
Aber alle Hindernisse können das Licht nicht ausblenden, das in diese Welt gekommen ist und das wir an Weihnachten besungen haben. Und mit diesem Licht ist auch die Verheißung in der Welt, dass Gottes Kraft gerade dann bei uns am Werk ist, wenn wir schwach sind. Wir werden es schon spüren.

Und das Vermögen Gottes, das stärker und umfassender ist, als alle eigenen Versuche, halte in uns alle Zuversicht aufrecht. Amen

Predigt zur Jahreslosung 2012, gehalten in St. Nikolai, Marktbreit