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1.Samuel 2,1-2.6-8a (IV) - Rückkehr ins Leben

Liebe Gemeinde,

es ist mehr als symbolhaft, dass Ostern im Frühling stattfindet. Nicht nur die Natur schlägt ein neues Kapitel auf. Auch Gott schreibt seine Schöpfung weiter. Jesus Christus ist auferweckt zu einem neuen Leben. Das Leben hat gesiegt, gegen alle Erfahrung, die wir sonst häufig machen: Da lassen im Alter oder bedingt durch eine Krankheit die Lebenskräfte nach. Da klingt nach Jahren plötzlich eine Freundschaft ab. Oder unsere Neugier auf das Leben und unser Interesse an anderen ist wie weggeblasen.

Ostern aber ist die Rückkehr zum Leben. Was auch mit uns, in uns und um uns passiert, wie in einem Garten ist Wachsen und Aufblühen angesagt. Vor uns liegt die Möglichkeit, das Leben mit allen Höhen und Niederungen zu bewältigen.

Das Leben, das Gott seit Ostern ermöglicht, ist mächtiger, größer und umfassender, als alles Abklingen und Vergehen. So jedenfalls sagt es uns das Schriftwort für diesen Ostersonntag zu. Hanna heißt die Frau, die dort zu Wort kommt. Ihre Worte sind ein Bekenntnis, ausgesprochen nach einer langen Winterphase des Lebens. Wir hören ihre Worte und Gedanken aus dem 1.Samuelbuch, im 2. Kapitel, die Verse 1-2 und 6-8:

„Und Hanna betete und sprach: Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn, mein Haupt ist erhöht in dem Herrn. Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils.

Es ist niemand heilig wie der Herr, außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist. ... .

Der Herr tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf.

Der Herr macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht.

Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche, dass er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse.“

Ungefähr 1000 Jahre vor dem ersten Osterfest sind diese Zeilen entstanden. Damals hat es noch keinen Osterglauben und keinen Osterjubel gegeben. Aber geglaubt und gejubelt wurde trotzdem. Das Gebet der Hanna ist ein Dankgebet, ein Loblied, das die Macht Gottes über Leben und Tod besingt, weil er eine Rückkehr ins Leben ermöglicht hat.

Hanna hat es erfahren. Dabei ist ihre Hoffnung schon wie abgestorben gewesen. Abgefunden hat sie sich schon mit ihrem Schicksal. Sie hat die Tage gefristet, mechanisch den Alltag abgespult und nichts mehr vom Leben erwartet.

Hanna ist eine verheiratete Frau mit einem für damalige Zeiten ganz besonders schlimmen Schicksal. Sie ist kinderlos. Man kann es sich förmlich vorstellen, wie sie mit gesenktem Kopf durch die Straßen geht. Der Kummer hat sie stumm gemacht. Wenn andere Frauen sich lebhaft von ihren Kindern erzählen, von ihren Spielen und ihrem Können, dann hat sie das Gefühl, dass das Leben völlig an ihr vorbei geht. Obwohl sie jeden Morgen aufsteht, kommt sie sich vor wie tot.

Ja, das kann es geben, noch vor dem biologischen Tod, dass man lebt als sei man schon gestorben. Ganz ohne Freude, ohne Bewegung, alles wie tot. Der Liedermacher Gerhard Schöne hat es einmal so in Worte gefasst:

Manchmal ist man nicht erst tot, wenn das Herz aufhört zu schlagen,
wenn sie einen auf der Barre in den Kühlraum tragen,
nicht erst, wenn die Hand das letzte Mal ins Leere krallt,
nicht erst, wenn 'ne Schaufel Erde auf'n Sargdeckel knallt.

Manchmal ist man längst schon tot, obwohl man noch spazieren geht,
eigentlich schon unterm Rasen, obwohl man noch den Rasen mäht,
an der Fernbedienung spielt, sich mit Sonnenöl einreibt,
noch Geburtstagskarten kriegt und selbst Geburtstagskarten schreibt

(Gerhard Schöne, Lebendig tot, aus der CD „Lieder“).

Manchmal stirbt etwas in uns, mitten im Leben. Wenn nur noch der Aufstieg zählt und man die anderen Menschen, die auf dem Weg geholfen und unterstützt haben, gar nicht mehr wahrnimmt. Wenn man sich beim Abendessen nichts mehr zu sagen hat, sondern nur noch mechanisch vor sich hinstochert. Wenn man sich Katastrophenmeldungen oder Actionfilme anschaut und dabei gelangweilt am Handy herumspielt. Manchmal stirbt auch etwas in uns, wenn man meint, dauernd seine Pflicht erfüllen zu müssen und vor lauter eintöniger Korrektheit das bunte Leben mit allen Farben nicht mehr wahrnimmt.

Hanna hat mich darauf gebracht, darüber nachzudenken und mich zu fragen: Wo ist dein Leben abgestorben? Wo sind wichtige Beziehungen abgebrochen? Wo lebst du ohne Leidenschaft? Wo ist alles zur Gewohnheit geworden ohne Fähigkeit sich ausgelassen zu freuen - oder sich richtig zu ärgern? Wo hast du aufgegeben zu kämpfen? Wo gehst du nötigen Auseinandersetzen aus dem Weg? Wo lebst du eigentlich nicht mehr, sondern das Leben lebt dich.

Ostern verheißt nicht nur ein Leben nach dem Tod. Ostern sagt auch: Es gibt Leben vor dem Tod. Es gibt einen Neubeginn ins wirkliche Leben. Es gibt Auferstehung heute und jetzt!

Es wäre eine völlig falsch verstandene christliche Demut, wenn man sich nur noch willenlos in sein Schicksal ergibt, wenn man das eigene Leben unterdrücken oder einschränken wollte. Wenn man sich stoisch vertröstet: Das eigentliche Leben kommt erst später, im ewigen Leben.

Ostern macht deutlich: Das Leben hat gesiegt, nicht erst dann, sondern schon hier und jetzt. Das Danklied der Hanna macht mir Mut, Gott wahrzunehmen und mit ihm zu rechnen, der von den Toten heraufführt und wieder lebendig macht.

Für Hanna hat diese Rückkehr ins Leben darin bestanden, dass sie, die so lange kinderlos war und eigentlich nicht mehr damit gerechnet hat, einen Sohn bekommt.

Natürlich: Ostern ist keine Wundertüte, in die man hineingreift, um sich das ganz große Ding heraus zu holen. Wir kommen kaum aus den Bedingungen heraus, unter denen wir leben. Wie oft erfahren es Menschen, die 40 Jahre oder älter sind, dass es äußerst schwer ist, einen neuen Arbeitsplatz zu finden oder etwas ganz neues zu machen. Auch unsere Gesundheit können wir nicht austauschen oder grenzenlos beeinflussen.

Ich stelle mir vor, dass auch bei Hanna nicht alles nur rosarot war. Die durchwachten Nächte, wenn der Kleine krank gewesen ist - die Frage, ob genug zu Essen da ist - und dann die Hoffnung, ob er im Frieden aufwachsen wird - das alles mag sie vielleicht so manche schlaflose Nacht gekostet haben.

Aber vielleicht hat Hanna ja noch etwas ganz anderes erfahren. Sie erhält neue Lebenskräfte, die über ihren Kinderwunsch weit hinausreichen. Ihre Depressionen und Minderwertigkeitsgefühle verschwinden. Sie kann ihr Haupt wieder erheben, wieder aufrecht gehen, das Leben ganz neu angehen, anderen mutig in die Augen schauen. Ihre ständige Klage wird in Lob verwandelt, ihr ganzer Zustand wird umgestaltet, weil sie in das Leben zurückgekehrt ist (vgl. V.1)

Wenn ich dieses Gebet der Hanna lese, dann merke ich vor allem, dass es Gott nicht um das ganz große Wunder geht, sondern darum, dass wir uns erheben und den Staub von unseren Kleidern abklopfen dürfen (vgl. V.8a). Dazu gehört der Staub, in den wir geworfen werden, weil andere uns bloßstellen wollen. Aber auch der Staub, in den wir uns selbst legen, weil wir uns nichts mehr zutrauen oder nur die anderen für alle Misere verantwortlich machen. Aber Gott will schon jetzt Leben schenken, wenn etwas, was uns wichtig ist, in Staub zerfällt. Gott kann aus dem Staub erheben. Das eigentliche Osterwunder besteht darin, dass wir mit Gottes Hilfe wieder aufrecht gehen können und dass Gott aus dem Staub aufhelfen kann, damit wir das Leben wieder spüren und uns in es hineingeben können.

An Ostern geht es auch um unsere Rückkehr ins Leben so wie bei den Frauen am Ostermorgen, die vom leeren Grab in ihr Leben, in ihre Wohnungen und in ihren Alltag zurückgekehrt sind. Auch sie haben allmählich gespürt, wie das Leben wiederkommt, weil sie den Auferstandenen fest an ihrer Seite wussten.

Rückkehr ins Leben kann heute ganz unterschiedlich aussehen.

Rückkehr ins Leben geschieht nicht nur da, wo man gesund aus einer schweren OP aufwacht und die Krankenschwester sagt: „Es ist alles gut gegangen!“

Rückkehr ins Leben geschieht auch dort, wo jemand aufwacht und merkt, dass er so nicht weitermachen kann, sondern dass Veränderung ansteht.

Es ist wie ein Neugeboren werden, wenn man wieder richtig Mut bekommt zu kämpfen und zu trotzen, sich nicht einfach mit den Gegebenheiten abfindet.

Es ist wie ein Neuanfang, wenn jemand gar nicht mehr anders kann und zum Telefon greift, eine Mail schreibt oder auf Facebook postet, weil er unbedingt jemanden braucht, dem er etwas Wichtiges sagen kann und muss.

Leben kann auch dort beginnen, wo jemand wieder so richtig weinen kann. Wenn sich endlich löst, was Kopf und Herz blockiert und einen bisher erstarren ließ.

Es ist Auferstehung, wenn man wieder empfänglich wird für alles, was das Leben mit sich bringt, wenn man Schmerzen und Freude, Glück und Trauer durchleben, wenn man wieder lachen, reden, sich freuen und dankbar sein kann.

Hanna hat ihre Rückkehr ins Leben so in Worte gefasst: "Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn, der aus dem Staub erhebt. Er führt zu den Toten und wieder heraus“ (V.1).

Sie singt bereits in ihrer Zeit ein Osterlied. Ein Lied von Gottes Macht, der den Tod überwindet, den Tod mitten im Leben und damit zeigt, dass er ein Gott des Lebens ist.

Dieses Lied der Hoffnung gegen alle Verzweiflung hat unzählige Fortsetzungen gefunden. „Auf, auf, mein Herz, mit Freuden nimm wahr, was heut geschieht“ (EG 112,1) kann der Liederdichter Paul Gerhardt am Ende des 30jährigen Krieges dichten. Dietrich Bonhoeffer weiß sich „von guten Mächten wunderbar geborgen“, auch wenn sein weiteres Schicksal an der Jahreswende 1944 / 1945 höchst ungewiss ist. Und ein Lied unserer Zeit spricht von Christus als „meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht. Auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.“

Der britische Sänger Olly Murs ist mit seinem Lied „My heart skips a beat“ in diesen Tagen bis ganz oben in die Charts gekommen. Eigentlich singt auch er ein kleines Osterlied, wenn er beschreibt: „Mein Herz stockte.“ Und dann geht das Leben doch weiter.

Ostern ist der Start für Auferstehung jetzt. Bei jedem von uns mag sie ganz anders aussehen.

Ostern bestätigt es: Es wird sich was ergeben. Vieles blüht auf … .

Und der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes (Römer 15,13). Amen

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk zum Ostersonntag, 08.04.2012, gehalten in Ochsenfurt/Erlach