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1.Korinther 2,12-16 - Gottes Geist hilft zu erkennen, was uns von Gott geschenkt ist

12 Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist.
13 Und davon reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen.
14 Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden.
15 Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt.
16 Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen«? (Jesaja 40,13) Wir aber haben Christi Sinn.

Liebe Gemeinde,
„Sind Sie mit Ihrem Leben eigentlich zufrieden? So wie es bis jetzt verlaufen und mit allem, was geschehen ist? Auch mit den Entscheidungen, die man im Nachhinein anders getroffen hätte und mit den Momenten, die man sich nicht ausgesucht hat?“
Würden Sie bei der Antwort eher auf den grünen oder auf den roten Knopf drücken?

Vielleicht kann das heutige Schriftwort Ihnen bei Ihrer Wahl behilflich sein, wenn der Apostel Paulus schreibt: „Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist“ (1.Korinther 2,12).
Auch dazu brauchen wir Pfingsten, brauchen wir Heiligen Geist, brauchen wir frischen Wind in unserem Leben, damit wir wieder darauf hingewiesen und uns die Augen neu geöffnet werden: „Siehst du nicht, wie reich dein Leben eigentlich ist? Was dir alles schon zugekommen ist? Was auf einmal da war? Wie sich dieser eine Weg dann doch aufgetan hat? Wie dir Hilfe zugefallen ist? Wo du gespürt hast, dass du doch nicht alleine, sondern jemand bei dir gewesen ist und mitgetragen hat.“
Natürlich sind wir immer auch geeicht, auf das andere zu sehen: Das, was uns fehlt. Auf das, worauf wir vergeblich gehofft haben. Was dann doch nicht eingetreten ist. Die Bewerbungen, bei denen wir dann doch nicht zum Zug gekommen sind. Die Tage, an denen wir nicht aufhören zu grübeln: „Was wäre wenn ….“
Zurzeit sind gerade die Abschlussprüfungen in den Schulen. Das Abitur ist fast durch. Die qualifizierenden Abschlussprüfungen an der Mittelschule haben gerade begonnen und die Realschülerinnen und -schüler haben ihre Mittlere Reife in ein paar Wochen. Viele der Jugendlichen können noch an entscheidenden Weggabelungen, den einen Weg einschlagen, können überlegen und aussuchen, was Sie einmal machen wollen, wo Sie arbeiten möchten und welche großen Projekte Sie überhaupt angehen wollen.
Bei vielen von uns sind manche großen Weichenstellungen schon geschehen. Die Frage bleibt, ob es gut gewesen ist, wie es gekommen ist?

Wenn wir nur nach menschlichen Kriterien ein Fazit ziehen würden, dann würde wahrscheinlich die Zahl der Argumente im grünen Bereich geringer ausfallen.
Der Apostel Paulus hat schon damals eine interessante Einteilung gemacht. Er unterscheidet zwischen dem „natürlichen“ und dem „geistlichen“ Menschen.
Der „natürliche“ Mensch sieht zuerst auf das Äußere, auf das Aussehen und Ansehen bei anderen. Auf die, die beim Klassentreffen von großen Geschäften, von weiten Reisen und von abenteuerlichen Begegnungen erzählen können. Der „natürliche“ Mensch sieht auf die PS-Zahlen beim Auto oder auf die schwarzen Zahlen beim Konto.
Für die Korinther sind früher auch Äußerlichkeiten wichtig gewesen. Sie haben auf wortgewaltige Redner in ihrer Gemeinde geschaut, die auch mit ihrer äußeren Erscheinung imposant gewirkt und somit den Eindruck erweckt haben, als ob sie vom christlichen Glauben eine ganze Menge verstanden hätten, jedenfalls mehr als viele andere. Und es hat Stress gegeben, weil es deshalb Grüppchen gegeben hat, die aufgrund von solchen Äußerlichkeiten sich haben beeindrucken lassen. Keine Frage, dass man solchen Persönlichkeiten mehr abnimmt und mehr glaubt.
Das alles versteht Paulus unter „natürlichen Menschen“, die sich vom äußeren Schein mehr beeindrucken lassen als von dem, was eigentlich dahinter steht.

Pfingsten will uns verhelfen, dass wir „geistliche“ Menschen werden können. Menschen, denen der Geist Gottes die Augen neu öffnet. Damit wir uns von Äußerlichkeiten nicht blenden lassen und vor allem nicht immer nur vergleichen, etwa unsere Lebensgeschichte mit denen von anderen messen. Oder auflisten, wie andere doch bessere Startbedingungen damals gehabt haben.
Der „geistliche“ Mensch beurteilt alles (V.15). Nicht nur das Äußere. „Geistliche“ Menschen können mit ganz anderen Augen sehen und vor allem das eigene Leben aus neuem Blickwinkelanschauen. Und dabei auch all das entdecken, was das eigene reich gemacht hat, was von Gott geschenkt ist.
Das ist unsere diesjährige Pfingstaufgabe, sich bewusst zu machen und neu zu überlegen: Was ist mir geschenkt? Von Gott? Was ist alles in meinem Leben Gnade gewesen - nicht verdient. Wo überall bin ich nicht zur Rechenschaft gezogen worden? Wo bin ich gut durchgekommen? Was hätte auch ganz anders ausgehen können?
Natürlich sind unsere Rahmenbedingungen unterschiedlich gewesen. Manche von uns haben es vielleicht leichter gehabt, mit dem Lernen oder mit dem Geld, das schon da gewesen ist.
Aber solange wir Gedanken und Vorstellungen daran verschwenden, was alles hätte sein können, welche Chancen wir verpasst, welche Laufbahn wir versäumt, welche Bildung wir vermisst haben, welche Gesundheit mir nicht zuteilwurde und welche Träume unerfüllt geblieben, solange füttern wir den „natürlichen“ Menschen und bleiben immer unzufrieden und vielleicht auch verbittert.
Natürlich möchte jede und jeder eine bessere Gesundheit, einen glänzenderen Verstand, einen schöneren Körper, eine höhere Bildung, eine andere Stellung und den großen Kredit, den gewisse Leute haben. Und man kann bei den anderen hundert Chancen entdecken, die einem selbst zugestanden hätten, und kann hundert Gelegenheiten aufzählen, die man selbst niemals gehabt hat.

„O komm, du Geist der Wahrheit“ haben wir gesungen mit dieser unübertrefflichen Bitte: „Verbreite Licht und Klarheit verbanne Trug und Schein!“ (EG 136,1).
Gib mir „Licht und Klarheit“, weil es höchste Zeit ist zu leben und sich nicht mehr mit dem zu quälen, was hätte sein können, und mein Glück darin finden, zu tun, was ich jetzt - im Rahmen meiner Möglichkeiten -kann.
Und verbanne „Trug und Schein“ in meinem Leben, dass ich nicht immer auf die anderen schaue und vergleiche. Hinter so mancher Stelle, die so toll klingt, hinter so mancher Fassade, hinter so manchem glänzenden Schein sieht es anders aus.
Pfingsten kann aber wieder die Verhältnisse zurechtrücken. Alleine zu wissen: „Gott ist in all den Jahren bei mir gewesen und hat mich auf meinem ganz eigenen Weg weitergebracht, hat mich manches erkennen lassen, hat mich von mancher Wunschidee abgebracht, hat mir immer wieder neu Wege geöffnet“ ist schon Pfingsten, ist bereits Erleuchtung, ist Heiliger Geist.

Auch das gehört zum heutigen Tag: Zu wissen, dass Gottes Geist immer wieder wie ein Wind noch manches im Leben aufdecken möchte, darunter auch einiges, was ich vielleicht noch gar nicht entdeckt und erkannt habe.
Willigis Jäger, Benediktinermönch, Zen-Meister und Mystiker, der für eine konfessionsunabhängige zeitgenössische Spiritualität eintritt, hast es einmal so gesagt: "In uns liegen Schätze verborgen. Ein ganzes Leben brauchen wir, um sie zu heben."
Und die Weite Gottes, die umfassender und höher und um-fangreicher ist als alles was uns in seinen Bann ziehen will, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

• Predigt zum Pfingstsonntag, 27. Mai 2012, gehalten von Pfarrer Volk in Marktbreit