Predigtansicht

1.Korinther 15,3-8 - Mit neuen Augen sehen - Ostermontag

Wie schön wäre es, wenn wir an Ostern mit neuen Augen sehen könnten: Wenn wir nicht nur die dunklen Wolken im Blick hätten, die sich auf unserem Lebensweg vielleicht auftürmen könnten, sondern auch die hellen Lichtblicke wahrnehmen, die uns täglich umgeben ...

1.Korinther 15,3-8 - Ostermontag - 05.04.2010 - Marktbreit:

Mit neuen Augen sehen

 

Liebe Gemeinde!

Von dem kleinen Dorf in Frankreich in der Gegend von Piemont wird eine besondere Geschichte erzählt: Jedes Jahr am Ostermorgen beim ersten Glockenläuten öffnen sich die Türen der Häuser. Kinder und Erwachsene laufen zum Dorfbrunnen. Dort waschen sie sich die Augen mit Brunnenwasser. Hinter diesem Brauch steht die Bitte um eine neue Sichtweise, um das Sehen mit Osteraugen. Diejenigen, die diesen Brauch ins Leben gerufen haben, sind sich ganz sicher gewesen: Weil Jesus vom Tod auferstanden ist, können wir mit neuen Augen sehen.

 

Wir haben keinen Osterbrunnen vor unserer Kirche, zu dem wir hinausgehen und uns die Augen auswaschen und uns dann vorstellen könnten: Wir sehen neu, weil Ostern uns eine ganz neue Sichtweise verschafft.

Wie schön wäre es, wenn wir an Ostern mit neuen Augen sehen könnten: Wenn wir nicht nur die dunklen Wolken im Blick hätten, die sich auf unserem Lebensweg vielleicht auftürmen könnten, sondern auch die hellen Lichtblicke wahrnehmen, die uns täglich umgeben.

Oder wenn wir es schaffen würden, dass wir nicht mehr so oft ängstlich dreinschauen müssten, weil die Furcht vor der nächsten Diagnose uns so gefangen nimmt. Und vielleicht wäre es auch gut, wenn wir allerlei durchschauen würden. Nicht nur so manche Mogelpackung im Supermarkt, sondern auch hinter manche Fassade von Menschen blicken könnten, die in Wirklichkeit gar nicht so unerschrocken sind, wie sie tun.

 

Wir bekommen heute eine andere Sehhilfe mit. Es sind Worte aus dem berühmten 15. Kapitel des 1. Korintherbriefes. Der Apostel Paulus schreibt in den ersten Versen dieses:

Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift;

und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift;

und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen.

Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen.

Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln.

Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden.

 

Mit neuen Augen sehen können. Wie das geht? Vor allem dann, wenn jemand von uns heute Morgen voller Hoffnung aufgestanden ist und sich gewünscht hat, dass man in diesem Jahr Auferstehung ganz besonders spürt und nicht immer nur das Gefühl in sich trägt, dass doch alles beim Alten bleibt und sich rein gar nichts mehr ändert?

Als erster hat Paulus von einem solchen neuen Sehen geschrieben. Er hat dazu die älteste Osterpredigt verwendet, die es überhaupt gibt. Schon kurz nach dem allerersten Ostern hat man sich in Jerusalem und in Galiläa diese Zeilen weitergegeben:

Christus ist gestorben

und ist begraben worden.

Er ist auferstanden am dritten Tage

und ist gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen.

Für die ersten Christen sind diese Verse so was wie ein Glaubensbekenntnis gewesen. Und vielleicht handelt es sich bei diesen vier kurzen Zeilen um das älteste Grundbekenntnis, das wir kennen.

Ich lese aus diesen Zeilen heraus, dass man diese vier Stationen - gestorben, begraben, auferstanden, gesehen - durchlaufen muss, um zu einem neuen Sehen zu kommen.

Er ist gestorben: Das ist das Erste. Zu Ostern gehört der Tod. Zu Ostern gehört alles, was endgültig scheint, endgültig tot oder zerstört, ein für alle Mal verbraucht oder kaputt. Der Tod eines Menschen, der Absterben einer Liebe, das unwiderruflich Ende eines Gesprächs zwischen zwei Menschen, der Verlust von Vertrauen zwischen Eltern und Kindern, zwischen Lehrern und Schülern. Ostern kann es nur werden, wenn vorher Karfreitag war, wenn zuvor etwas gestorben oder abgestorben ist.

Und auch das Zweite gehört dazu: Er ist begraben. Man muss erst dorthin gehen, wie die Frauen am Ostermorgen, wo vieles begraben und verschüttet ist. Ob an den Friedhof oder an die Kurve der Schnellstraße, wo der Unfall passiert ist. Man muss sich dem stellen, was viele Tränen gekostet hat und immer noch kostet. Muss die begrabenen Hoffnungen beweinen, bewusst werden, dass man sich von dieser einen Vorstellung nun endgültig verabschieden muss.

Und dann heißt es weiter: Er ist auferstanden: Doch die Berichte vom Ostermorgen sind eher nüchtern. Sie melden keinen Osterjubel, keine Osterchoräle und keine Osterfanfaren. Es gibt nur Erschrecken, Furcht, Unglaube. Ein leeres Grab sagt noch gar nichts. Es lässt höchstens alle möglichen Gerüchte aufkommen. Diejenigen, die in der Frühe dorthin gegangen sind und die Botschaft von der Auferstehung hören, zittern, sind entsetzt, fliehen.

 

Deshalb zitiert Paulus noch das Vierte und alles Entscheidende. „Er ist gesehen worden.“ Eigentlich heißt es: „Er hat sich sehen lassen“ und zwar in dem Sinn, dass er aus einer anderen Wirklichkeit auf sie zugekommen ist.

Das ist was anderes, als wenn man sagt: „Er ist gesehen worden.“ Die meisten Osterbilder, wie auch gestern auf der Titelseite der Main-Post zeigen den Auferstanden so als ob nichts gewesen wäre. Die Schmerzen und die Qualen des Karfreitags sind ihm so gut wie nicht mehr anzumerken. Und viele denken bis heute: Ostern ist nichts anderes als das: Es ist wieder alles gut geworden. Und es ist alles wieder wie es vorher war.

Ostern meint aber gerade nicht, dass wir die biologische Uhr unseres Lebens wieder zurückdrehen können, dass wir das, was gewesen ist und was wir uns nicht gewünscht haben mit einem Mal wieder löschen oder rückgängig machen können. Nicht umsonst heißt es in dem alten Bekenntnis in den ersten beiden Zeilen: „Er ist gestorben und begraben.“

Die, die seine Auferstehung bezeugen, sagen nicht: Sein Tod ist rückgängig gemacht und er ist wieder zurück in diese Welt gekommen, so dass er sein Sterben noch einmal vor sich hätte. Sie sagen: Es ist was völlig Neues auf uns zugekommen.

Was sie erlebt haben, konnten sie selbst kaum in Worte fassen: Ob es eine Begegnung war, ein Wiedererkennen, oder eine neue Beauftragung, auf alle Fälle haben sie gespürt: Das Leben geht weiter, obwohl etwas unwiderruflich zu Ende gegangen ist. Und auch wenn die Vorzeichen jetzt ganz anders sind, sind sie sich sicher: Wir haben Zukunft vor uns.

Eigentlich müssten an Ostern die Uhren ganz anders herum gehen, so dass wir Zeit nicht mehr als abgelaufen empfinden und wir nicht mehr das Gefühl haben, als ob immer etwas unwiderruflich zu Ende geht und ein für alle Mal vorbei ist, sondern umgekehrt, dass wir immer Leben vor uns haben und dass die Möglichkeiten, die für uns bereit stehen, immer größer sind, als die Aussichten, die wir gerade für uns ausmachen.

Ostern verheißt ja gerade: Wir können mit neuen Augen die Möglichkeiten entdecken, auch wenn in unserem Leben manches abgestorben ist, wir manches begraben mussten und wenn wir noch Zeit brauchen, bis wir fassen können, dass das Leben immer die Oberhand behalten wird.

 

Im Laufe von 2000 Jahren Christentumsgeschichte haben immer wieder Menschen mit diesen neuen Augen gesehen. Paulus zählt auf: Zuerst Petrus, dann die überraschten Jüngern, viele andere und schließlich am Schluss er - Paulus - selbst.

Und heute zum Beispiel die Frau, die jahrelang ihre Eltern zu Hause aufopferungsvoll gepflegt und darüber hinaus alle sozialen Kontakte verloren hat. Als die Eltern dann gestorben sind, hat sie gemerkt, dass nicht nur ihr ganzer Lebensinhalt wie weggebrochen ist, sondern dass sie nun auch noch völlig isoliert dasteht. Und sie hat beschlossen. Ich möchte nicht den Rest meines Lebens zu Hause sitzen und auf mein eigenes Ende warten. Das kann es doch nicht gewesen. Ich möchte wieder unter die Menschen gehen. Und sie hat die Augen aufgemacht. Herausgekommen ist: Ein Kurs bei der Volkshochschule - eine kleine Anstellung in einem Kaufhaus - die Mitarbeit beim Projekt „Eine Stunde Zeit“, wo sie im Mitarbeiterteam eine geschätzte Ansprechpartnerin geworden ist. Sie konnte mit neuen Augen sehen, obwohl für sie etwas zu Ende gegangen ist, nämlich die Zeit, in der sie für ihre Eltern da war und ihre ganze Kraft ihnen gewidmet hat. Das ist jetzt abgeschlossen. Und nun ist eine neue Zeit gekommen, in der sie mit einer neuen Sichtweise die neuen Möglichkeiten ausgekundschaftet hat.

Oder der Mann, der jahrelang gewohnt war, dass andere für ihn arbeiten: In der Firma die Angestellten, zu Hause die Ehefrau und im Verein die mit viel mehr Zeit. Und nach dem zweiten Herzinfarkt hat er unwiderruflich gemerkt, dass er nicht nur kürzer treten muss, sondern auch seinen gesamten Lebensrhythmus völlig umstellen muss und nicht mehr so viel Arbeitsstress mit sich herumtragen darf. Er verkaufte die Firma und begrub damit auch seinen großen Wunsch, die Firma noch zu erweitern. Statt Konferenzen mit der Geschäftsleitung, Einladungen zu allen gesellschaftlichen Ereignissen der Stadt geht er täglich spazieren und hat dabei die Natur für sich entdeckt. Er konnte mit neuen Augen sehen - wahrnehmen, dass das Leben eine ganz neue Qualität haben kann, auch wenn der Aktionsradius kleiner wird und man nicht mehr so viel schaffen kann, dabei aber das wenige, das man nun macht, viel intensiver angeht.

 

Darum geht es an Ostern: Mit neuen Augen sehen, damit wir erkennen: Gott ist ein Gott des Lebens ist und er kommt uns entgegen. Vor uns ist immer Leben, Kraft Verwandeln, Mut um neue Wege, und wenn sie auch noch klein sind, zu betreten.

„Mach die Augen auf!“ Es gibt Menschen, die sich um dich bemühen. Es gibt Personen, die für sich da sind, die heute für dich schon weiter denken können als du. Und es gibt eine Kirche, in der du Mut sammeln kannst, um deinen ganz eigenen Weg neu zu entdecken und zu gehen.

„Seit Ostern kannst du mit neuen Augen sehen!“ Du bist nicht zum Vergehen erfunden, sondern zum Bleiben bestellt. Du wirst bleiben im Hause des Herrn immerdar (Psalm 23,6), auch dann, wenn hier einmal alles zu Ende geht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles Verstehen und begreifen, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

Predigt am Ostersonntag, 5. April 2010, gehalten von Pfarrer Thomas Volk in St. Nikolai, Marktbreit