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Psalm 18,30 - Mauern überwinden - Volkstrauertag

Liebe Gemeinde!

Dieser Tag steht im Kalender als Volkstrauertag. Neben aller privaten und persönlichen Last haben wir heute auch ein Stück gemeinsame Trauer.

In diesem Jahr jährt sich zum 90ten Mal die Verabschiedung der Weimarer Reichsverfassung und die Unterzeichnung des Versailler Vertrages. 70 Jahre ist es her, dass der zweite Weltkrieg begonnen hat.

Auch wenn die allerwenigsten von uns persönliche Erinnerungen haben, so sind heute immer noch viele vom dem betroffen, was zwei Weltkriege angerichtet und ausgelöst haben

Es gibt viele, die bis heute sagen: Ich bin um meine Jugend betrogen worden. Ich habe Schlimmes erlebt. Ich musste auf vieles verzichten. Ich bin nicht gefragt worden, ob ich meine Heimat verlassen muss. Ich habe nie einen Vater gehabt. Und dort, wo er wiedergekommen ist, oft nach langer Gefangenschaft, ist er ein ganz anderer gewesen, hart und gezeichnet von vielen schlimmen Erfahrungen.

Es sind bis heute viele, die klagen und sprechen: Ich habe gedacht, dass ich diese Ereignisse längst vergessen habe, aber sie kommen immer wieder. Ich kann sie einfach nicht abschütteln. Wie viele haben alle Kraft und alle Anstrengung nach dem Krieg in das neue Haus gelegt, haben Stein für Stein aufgebaut? Aber die schweren Steine im Herzen, die vielen Verletzungen, die schlimmen Bilder kann man nicht einfach wegtragen oder beiseitelegen.

Und heute weiß man auch, dass die Kinder der Kriegskinder, die heute 30-50jährigen, deren Eltern im Zweiten Weltkrieg Kinder waren und Bombenhagel, Zerstörung und Flucht, Hunger und vor allem Angst erlebt haben, heute noch die Nachwirkungen spüren. Die Autorin Anne-Ev Ustorf, geboren 1974, selbst ein Kind von Kriegskindern, hat Gespräche geführt, Parallelen gefunden und in dem Buch „Wir Kinder der Kriegskinder: Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkriegs“ festgestellt: Vieles, was ihre Generation umtreibt, hat sie von ihren Eltern „geerbt“. Das Gefühl, sich nicht verwurzeln zu können, die eingeimpfte Sparsamkeit oder das übergroße Sicherheitsbedürfnis der Eltern. Familiengeschichte wirkt lange nach.

Und wir trauern bis heute darüber, dass Kriege in der Welt nicht aufhören, sondern weitergehen und es auf der ganzen Welt bis heute Opfer von Gewalt und Krieg gibt - in den Kriegen und Bürgerkriegen unserer Tage, bei terroristischen Anschlägen und politischer Verfolgung, die den Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräften, die im Auslandseinsatz ihr Leben lassen.

 

Viele zu viele Mauern müssen gezogen werden, damit Menschen in Sicherheit leben können. Und viel zu viele Mauern trennen Menschen, weil sie einander nicht trauen, weil sie befürchten, dass sie ausgenutzt werden oder weil sie Angst voreinander haben.

Wir begehen diesen Gottesdienst am Volkstrauertag genau 20 Jahre nach dem Mauerfall. Viele Bilder haben uns in diesen Tagen wieder vor Augen geführt, wie es damals in den Tagen nach dem 9. November gewesen ist, als die Grenzen wieder offen waren und die 155 km lange Berliner Mauer nach 28 Jahren Stück für Stück verschwand-, wie sich fremde Menschen in den Armen lagen und wie glücklich und wie befreit sie waren.

Wir feiern heute Gottesdienst, weil wir uns nicht mit den vielen Mauern, die es gibt, abfinden wollen - nicht mit den Mauern zwischen Völkern, nicht mit denen zwischen Menschen oder verschiedenen Anschauungen.

Dass Mauern überwunden werden können, sagen uns Verse aus dem 18. Psalm. Vor langer Zeit hat jemand so gebetet:

„Voller Angst rief ich zu Gott.

Gott erhörte mich und gab mir Schutz.

Er führte mich hinaus in die freie Weite,

denn groß ist Gottes Liebe zu mir.

Mein Lebenslicht, Gott, lässt du hell erstrahlen,

die Dunkelheit verwandelst du in Licht.

Mit Gott kann ich über Mauern springen.“

(nach: Erhard Domay und Hanne Köhler (Hg.), Der Gottesdienst, Liturgische Texte in gerechter Sprache, Band 3, Gütersloh 1998, S. 77)

Auch wenn wir über diese Person, die so gebetet hat, so gut wie nichts wissen, kann man ihr abspüren, wie erleichtert und wie befreit sie ist. Große Mauern haben sich aufgetürmt. Alles war verschlossen, dunkel. Es schien keinen Ausweg mehr zu geben. Aber dann das Unfassbare. Ich habe sie überwunden. Nein, nicht ich, mit Gottes Hilfe habe ich es geschafft. Es ist wieder hell. Ich kann wieder die Weite sehen und die neuen Möglichkeiten wahrnehmen. Es kommt mir vor, als ob ich mit Gott über eine große Mauer gesprungen bin.

 

„Mit Gott kann ich über Mauern springen“, hält uns der Beter vor Augen, als ob er uns sagen will: Das ist auch heute möglich. Das kann auch uns passieren. Auch wir können Mauern überwinden. Es ist wirklich möglich.

Stellen Sie sich vor, was das bedeuten könnte:

Mit Gottes Hilfe brauche ich nicht mehr klein zu werden, wenn ich merke, dass sich eine Mauer vor mir auftürmt und ich dass Gefühl bekomme, sie schnürt mir mein Leben ab.

Mit Gottes Hilfe kann ich verbinden, verknüpfen, Versöhnung anbahnen, Grenzen und Vorurteile abbauen.

Mit Gottes Hilfe kann ich auch manche Mauer in meinem Kopf abtragen, manche Denkblokaden lösen. Ich kann zu einer neuen Sichtweise gelangen. Ich brauche mich nicht mehr von einer ganz bestimmten Meinung so gefangen nehmen lassen.

Mit Gottes Hilfe kann ich anfangen zu überlegen, wo ich um mich herum eine Mauer aufgebaut habe, wo ich mich abschotten will, mich nichts mehr zu sagen traue, oder mich in mein eigenes Schneckenhaus verkrieche und jammere, dass immer nur die anderen Schuld haben.

 

Die Mauern, die wir und andere aufgezogen haben, sind schlimm, weil sie verhindern, dass Menschen zusammenkommen, miteinander ins Gespräch finden, voneinander wissen. Gerade deshalb ist ein sehr schönes Zeichen, dass wir heute Morgen miteinander hier in der Kirche und nachher draußen vor dem Kriegerdenkmal zusammenkommen und damit bekunden: Wir möchten nicht, dass es in unserer Stadt Mauern zwischen Menschen gibt, auch nicht zwischen Konfessionen, Parteiern oder Vereinen.

Wie schlimm eine solche Mauer sein kann, die jemand um sich aufgebaut hat, das haben wir alle in der vergangenen Woche bitter erlebt, als der Torhüter der deutschen Fußballnationalmannschaft keinen anderen Ausweg mehr gesehen hat, als eigenmächtig aus dem Leben zu scheiden, weil er dass, was ihm zu schaffen macht, nicht öffentlich aussprechen oder zeigen konnte. Was hätten andere über ihn gedacht, wenn sie von seinen Depressionen gewusst hätten?

Hätte man ihm die Nummer 1 nach wie vor zugetraut? Wäre vielleicht sein Marktwert gesunken? Die Fans der gegnerischen Mannschaft hätten vielleicht einen Grund mehr gehabt, ihn zu schmähen? Die Boulevardpresse einen Grund mehr ihre Finger in eine offene Wunde hineinzubohren, so dass das Selbstwertgefühl noch mehr sinkt und damit aller Lebensmut.

Ich wünsche mir, dass es viele mehr verstehen: Depressionen sind keine Schwäche? Und man darf es sich und anderen zugestehen, dass der Lebensmut manchmal sinkt, dass die Energie nicht so ist, wie man es sich für sich selbst am ehesten wünscht. Dafür darf es keine Pfiffe geben.

Dieses Beispiel hat doch gezeigt: Es gibt viel zu viel Angst - auch Angst sich so zu zeigen, wie man ist, mit allen Schwächen, auch mit allem, was nicht so perfekt ist und was man am liebsten verbergen möchte und was niemand sehen soll, weil die anderen sonst eine ganz andere Meinung, ein anderes Bild bekommen könnten.

Aber auch das kann eine Mauer sein, die man um sich herum zieht: Ich habe darauf ein bestimmtes Bild von jemandem plakatiert und ich mache mir nicht die Mühe, auch die anderen Ansichten wahrzunehmen.

 

Gerade am Beispiel des 9. November 19898 sehen wir doch, wie gut es tut, wenn Mauern fallen und wenn Grenzen überwunden werden.

Plötzlich war sie offen, die Mauer, die ein Land geteilt und Familien und Freunde getrennt hat. Mit einem Mal ist der eiserne Vorhang offen, der Schutzwall gegen die Anderen ist aufgehoben. Vielen ist aufgegangen: Die anderen sind gar nicht anders und sind keine Staatsfeinde. Sie sind Menschen wie wir mit der gleichen Sehnsucht nach Weite und Freiheit.

Die Bilder, die man in diesen Tagen überall wieder sehen kann, sagen uns: Schaut her! Es ist möglich. Mit unserem Gott können wir Mauern überwinden. Ganz friedlich, mit „Kerzen und Gebeten“.

Und so hat es auch angefangen in der Nikolaikirche in Leipzig. Mit Kerzen und gebeten. Seit 1982 hat es bereits diese Friedensgebete gegeben, jeden Montag um 17.00 Uhr. Angestoßen übrigens durch eine Gruppe Jugendlicher, die sich jede Woche eine Andacht, ein Gebet für den Frieden gewünscht haben. Im Laufe des Jahres 1989 sind es immer mehr geworden, bis die Kirchen zu klein geworden sind und Hunderttausende auf die Straße hinaus gegangen sind.

 

Heute, nach 20 Jahren sehen wir auch, dass es wieder viele neue kleine Mauern gibt - zwischen arm und reich, zwischen denen, die einen Aufbau-Ost wollten und denen, die für einen Nachbau-West waren. Ich möchte das nicht vertiefen, aber es sagt mir: Wir Menschen können in unserem Leben niemals alle Mauern abreißen, die wir gerne möchten. Und wenn wir eine zum Bröckeln oder zum Einsturz gebracht haben, dann kommt eine neue hinzu.

Und dennoch: Auch wenn man im Leben vielleicht niemals über alle Mauern kommt, die einen umgeben, ist es allemal besser ein Licht anzuzünden, als über die Dunkelheit zu klagen.

„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Diese Hoffnung möge uns alle immer dann ermutigen, wenn wir auf all die unterschiedlichsten Mauern starren, die sich manchmal unnachgiebig und unverrückbar vor uns auftürmen.

Und der Friede Gottes, der immer größer und weiter ist, als das, was wir sehen und empfinden, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Predigt  zum Volkstrauertag, 15. November 2009, gehalten von Pfarrer Thomas Volk in St. Nikolai, Marktbreit