Predigtansicht

1. Korinther 3,11 - Gedenktag der Reformation

Liebe Gemeinde!

Mila ist müde, so müde, dass sie am liebsten morgens liegenbleiben möchte. Irgendwie schafft sie es dann doch aus dem Bett und schleppt sich zur Arbeit. Ihren Tagesablauf im Büro spult sie routinemäßig ab, obwohl sie eigentlich überhaupt keine Kraft mehr dafür hat.

Dabei ist Mila noch keine dreißig. Aber der Beruf zehrt sie auf, sie fühlt sich ständig unter Druck, hat Angst, nicht gut genug zu sein. Alles in ihrem Leben konzentriert sich nur darauf. Ihre eigentlichen Ideale sind ihr völlig aus dem Blick geraten.

Mila ist die Hauptfigur in dem autobiographischen Roman der gelernten Innendesignerin und Schriftstellerin Eva Lohmann. Ihr Buch heißt  „Acht Wochen verrückt“. Darin schreibt sie ihre eigene Geschichte. Und sie schreibt darin auch wie ihr Körper irgendwann anfängt aufbegehren. Sie schluckt Tabletten. Die einen, um zu schlafen, die anderen, um wach zu bleiben. Sie hat Kopfschmerzen, Hautprobleme. Schließlich kann sie sich nicht mehr bewegen, ist wie gelähmt. Sie kommt in eine psychosomatische Klinik. Und „acht Wochen“ verbringt sie in der „Klapse“, wie sie es selbst beschreibt. Genau von dieser Zeit handelt der Roman.

Die Diagnose? Sie lautet „Burn out“. Ausgebrannt. Kein inneres Feuer mehr. Keine Ideen, für die es sich einzusetzen lohnt. Kein innerer Antrieb, der andere mitreißt. Keine Neugierde mehr auf das, was ein einziger neuer Tag wohl bringen mag.

Mila ist längst nicht die einzige, der es so geht. Es scheint, als ob „Burn-out“ zu einer Volkskrankheit unserer Zeit geworden ist. Die Anzahl der Menschen, die auf Grund einer seelischen Erkrankung arbeitsunfähig geworden sind, hat nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung seit 1993 um 37,7 Prozent zugenommen.

„Burn-out“ ist eine Vorstufe der Depression. Und wenn vier Millionen Menschen in Deutschland an Depressionen leiden, kann man nur erahnen, um wie viel höher die Zahl derer ist, die an „Burn-out“ erkrankt sind.

Die Gründe dafür sind vielschichtig. Auf alle Fälle besteht ein großer Zusammenhang zwischen chronischem Stress und „Burn-out“. Viele Menschen sind den Anforderungen an ihrem Arbeitsplatz einfach nicht mehr gewachsen. Aber nicht deshalb, weil sie nicht belastbar wären, nicht intelligent genug, gesundheitlich angeschlagen oder zu feinfühlig wären. Der Druck kommt von dem Gefühl her, dass man sich immerzu rechtfertigen muss. Der Fernfahrer, der erklären muss, warum er 15 Minuten länger auf diesem Rastplatz Pause gemacht hat - die Sekretärin, die die vielen zusätzlichen Arbeiten nicht immer auf die Reihe bekommt - der Kaufmann, der dieses eine Geschäft nicht auf die Minute genau abgewickelt hat: Sie alle müssen wie eine Maschine funktionieren, müssen Erwartungen rechtfertigen, dürfen niemals in den roten Bereich abrutschen, sollen immer noch erfolgreicher, produktiver, einfallsreicher zu sein.

„Ich halte den Druck nicht mehr aus. Ich kann einfach nicht mehr.“ Viele klagen so. Und diese Aussagen sind zugleich auch eine Schnittstelle zum heutigen Gedenktag der Reformation.

So stöhnte auch schon Martin Luther vor fast genau 500 Jahren. Er beklagte sich damit aber nicht über seine Arbeitsstelle oder einen Vorgesetzten, sondern meinte Gott. Ständig hatte der junge Theologe vor das Gefühl, dass er es ihm nicht recht machen kann. Und dabei immerzu diese Frage: „Habe ich heute auch wirklich so gelebt, dass Gott mit mir zufrieden sein könnte? Und immerzu präsent das dunkle Bild von ihm, das damals so hochgehalten wurde: Gott ist ein strenger Gott. Er schaut genau hin. Ihm entgeht nichts. Er kann dir auch kündigen und dir zu verstehen geben, dass du einfach nicht gut genug bist.

Wer so unter Druck steht, hat zugleich auch große Angst, es wieder falsch zu machen.

Jemand, der unter „Burn-out“ litt und deswegen seinen Beruf aufgeben musste, bekannte, dass selbst die einfachsten Tätigkeiten zur Qual wurden. „Minutenlang brauchte ich, um ein einziges Fax wegzuschicken, weil ich mich unzählige Male vergewissert habe, ob ich auch wirklich die richtigen Nummern eingetippt habe. Ich hatte große Angst, es an die falsche Adresse zu schicken und wollte mir auf alle Fälle wieder diese Vorwürfe ersparen.“

Für Martin Luther wurde mitunter ein einziges Gebet zur Qual, weil er sich nicht wieder dabei ertappen wollte, dass er mit seinen Gedanken vielleicht doch abschweift.

Es ist schade, wenn Angst so lähmt, so blockiert, weil man dann nicht zeigen kann, was man alles vermag. Auch bei der Romanfigur Mila ist es so. Sie hat einen kreativen Beruf, eine feste Beziehung, eine schöne Wohnung. Warum also eine Depression? Im Nachhinein weiß sie: die Eltern haben hohe Ansprüche an sie gestellt. Und sie selbst wollte allen zeigen, was sie kann, was sie besser macht. Und dann der Zusammenbruch schon mit 27 Jahren. Sie funktioniert nicht mehr. Der Druck ist zu groß geworden. Sie muss sich immer mehr beweisen, nach außen das perfekte Bild abgeben. Und dabei immer die Angst, man könnte entdecken, dass man ja auch Schwächen hat.

Es ist eine absolute Sternstunde der Christentumsgeschichte gewesen, als Martin Luther aus diesem Kreislauf von „Sich immerzu selbst rechtfertigen müssen, weil man meint, es nicht gut genug gemacht zu haben“ herausgekommen und nicht in einem „Glaubens-Burn-out“ gelandet ist. Er, der als junger Priester jahrelang versucht hat, mit Gott auf gleiche Augenhöhe zu kommen, ist zu der Erkenntnis gekommen: Ich bin mehr wert als die Summe dessen, was ich zu leisten vermag oder auch nicht schaffe. Beim Studium des Römerbriefs ist Martin Luther darauf gekommen. Allein dadurch, dass ich auf Christus vertraue, bin ich vor Gott gerecht - ohne meine Taten. Das war Luthers Entdeckung, als er sich mit dem Römerbrief des Apostels Paulus (vgl. Römer 3,28) beschäftigt hat.

Der Wochenspruch sagt es so: „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“ (1. Korinther 3,11).

Für Martin Luther ist Jesus wie ein Fundament geworden, auf dem er seinen Glauben und damit auch sein Leben neu aufbauen konnte. Dieser Grund hat ihn auch von der Angst befreit, es Gott nicht recht machen zu können und irgendwann einmal die Rechnung präsent zu bekommen. Diese Erkenntnis hat sein inneres Feuer gleichzeitig neu entfacht, dass er später sogar vor dem Kaiser mutig bekennen konnte: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“

500 Jahre später lässt sich diese Erkenntnis Martin Luthers als Gegengewicht zu „Burn-out“ in die Waagschale werfen, das so viele Menschen hinunterzieht.

Natürlich wird dadurch das Phänomen „Burn-out“ nicht mit einem Schlag aus der Welt verbannt. Genauso wie niemand überheblich behaupten kann, dass er niemals an einen Punkt kommt, wo man völlig ausgebrannt daliegt und nicht mehr weiter kann. Wir spüren ja an uns selbst, wie schnell es manchmal gehen kann, dass alle Anstrengungen und Mühen, alle Anforderungen, auch alle Vorwürfe nicht so leicht von uns abprallen, wie wir uns das gerne wünschen würden.

Es ist gerade heute hilfreich zu wissen, dass die Entdeckung Martin Luthers auch viel mit unserer Würde zu tun hat. Gott hat sie geschenkt. Jesus hat sie an den Tag gelegt. Nicht umsonst werden am heutigen Tag die Seligpreisungen aus der Bergpredigt vor Augen geführt. Jesus hat sie für alle gesprochen, die meinen, dass die Grundfesten ihres Lebens einstürzen, weil man es einfach nicht bringt, nicht mehr mitkommt oder sich nur noch sich wie ein Hamster im Rad dreht.

Diese Seligpreisungen gelten

·  für alle Armen, die nichts einzubringen haben außer sich selbst und ihre Ideen.

·  für alle Leidtragenden, die sich in einer Leistungsgesellschaft ausgeschlossen fühlen; weil die Bilanzen nicht immer schwarze Zahlen schreiben.

·  für alle Demütigen, die das Gefühl haben, von den Starken an die Wand gedrückt werden;

·  für alle, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, und dabei erleben müssen, dass immer nur die anderen zum Zug kommen;

·  für alle Barmherzigen, die häufig erfahren, dass Undank der Welt Lohn ist;

·  für alle, die reinen Herzens sind und deshalb immerzu übers Ohr gehauen werden;

·  für alle Friedensstifter, die helfen wollen und dabei selbst Opfer von Mobbing werden;

·  und für alle, die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten, und sich fragen, warum und wieso sie sich immerzu für andere einsetzen, wo sie dabei doch selbst zwischen die Fronten geraten.

 

Die Seligpreisungen sind deshalb so wichtig, weil sie von einem Leben abketten, das nur auf Ergiebigkeit oder Leistungsfähigkeit ausgerichtet ist. Ihre Verheißungen verschaffen einen unverlierbaren Wert, weil sie gewiss machen: „Du bist Gott recht. Er steht auf deiner Seite. Auch wenn in deinen Berufsleben nicht immer alles so verläuft, wie du dir das gewünscht hast, auch wenn du in manchem Abstriche machen musst, und auch wenn es einige Zeit lang hart auf hart kommt: Er bekleidet dich mit einer Würde, die dir niemand abnehmen kann. Kein Vorgesetzter. Kein Kollege am Arbeitsplatz. Kein kleinkarierter Nachbar. Es wäre ein großer Ertrag des Glaubens, wenn man sich diese Würde für alle Zeiten bewahren könnte, gerade dann, wenn mal wieder alles an einem vorbeiläuft oder wenn man meint, nur von nervigen Zeitgenossen umgeben zu sein.

Diese Gewissheit kann auch helfen, dass das innere Feuer niemals ganz verlischt oder nach einiger Zeit immer wieder neu aufflammt, wie bei der Schriftstellerin Eva Lohmann. Sie konnte nach acht Wochen die Klinik verlassen. Ohne genauen Plan für die Zukunft, aber mit neuem Selbstvertrauen. "Ich glaube, ich bin ein bisschen weniger ängstlich geworden, was die Zukunft betrifft“, schreibt sie selbst. Für sie ist der Roman ein Neuanfang gewesen. Und dass sie sofort einen Verlag dafür gefunden hat ein Riesenglück für sie. Sie hat das Leben wiedergewonnen. Auch wenn sie sich hier und da einschränken muss und auch wenn manches anders wird. Sie geht ihn mit dem Gefühl, dass sie sich wieder begeistern kann und dass sie mit diesem inneren Feuer auch anderen Mut machen kann, wie durch ihr Buch, das sie geschrieben hat.

Ich hoffe darauf, dass es an allen Orten Menschen gibt, die sich von Jesus, dem Inbegriff für ein würdevolles Ansehen der Person und darum für ein würdevolles Miteinander, so begeistern lassen, dass sie mit ihrem Leben oder mit ihrem Eintreten für alles Schwachen und Ausgebrannte neue Begeisterung für das Leben entzünden können.

Von Gott gerechtfertigt zu sein, heißt ja eben nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Ganz im Gegenteil: Wer weiß, dass Gott schon alles zu meinem Heil getan hat und darum mir eine unverlierbare Würde gegeben hat, brennt umso mehr sich für einen anderen Menschen oder einer Sache zuwenden.

Und die Weite Gottes, die umfassender und höher und umfangreicher ist als alles was uns in seinen Bann ziehen will, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Die Informationen über „Burn-out“ sind dem Artikel „Burn out - Eine Generation brennt aus“ von Ulrike Bartholomäus, FOCUS Magazin, Ausgabe Nr.37, 2011 vom 11.09. 2011 entnommen.

 

• Predigt von Pfarrer Thomas Volk, gehalten am Sonntag 30.10.2011 in St. Nikolai, Marktbreit