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1. Könige 19,1-8 - Steh und iss! Du hast noch einen weiten Weg vor dir - Okuli

Das kann es geben. Ein Mensch, der alles geschafft hat, kann plötzlich nicht mehr. Jemand, der bislang alle Hürden des Lebens genommen hat, hat augenblicklich keine Kraft mehr. Jemand, die im Leben immer die Starke gewesen ist, ist auf einmal ganz schwach.

Das kann es geben, dass auf einmal alle Energien aufgebraucht sind. Dass man keine Lebenskraft mehr hat. Dass auch alles, wofür man sich eingesetzt und oft auch gekämpft hat, keine Bedeutung mehr hat. Mit einem Mal ist alles zuviel geworden. Man will nichts mehr hören und nichts mehr sehen. Die Wirklichkeit ist ganz nebensächlich geworden. Das eigene Leben hat keine Qualität mehr.

 

Das Schriftwort für den heutigen Sonntag erzählt von einem solchen Menschen. Es erzählt davon, wie jemand, der ganz leidenschaftlich gewesen ist und auch durchaus erfolgreich, jemand der andere mitreißen konnte, jemand, an dem man sich selbst auch aufbauen konnte, auf einmal nicht mehr kann. Und auch nicht mehr will. Und sogar sterben möchte.

Das Schriftwort erzählt auch, wie er dann doch wieder aufstehen konnte. Es handelt sich um den Propheten Elia aus dem Alten Testament. Und seine Geschichte, die nichts beschönigt und die auch ein Stück weit unsere Geschichte sein könnte, steht im 1. Buch der Könige, im 19. Kapitel:

Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte.

Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast!

Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort.

Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.

Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss!

Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lagen ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.

Und der Engel des HERRN kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.

Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.

 

Es ist noch einmal gut gegangen. Elia ist aufgestanden und hat gegessen und hat sich wieder auf seinen Weg gemacht. Er hat sich wieder ins Leben getraut. Er hat wieder den Mut in sich gespürt, die Dinge anzugehen, die vielleicht auch schwer und unbequem sein werden. Und er hat bestimmt auch die Hoffnung mitgenommen, dass Gott ihn - wenn es wieder einmal schlimm werden sollte - auch da wieder herausführen wird.

Gut, wer von uns das schon einmal erlebt hat und nachsprechen konnte: Ich konnte wieder aufstehen. Nach langer Krankheit. Nach einem Abschied. Nach einem Ereignis, das alle Sicherheiten ins Wanken gebracht hat.

Denn viel zu sehr erleben wir ja das Gegenteil: Bei uns und auch bei anderen: Dass man nicht mehr auf die Beine kommt. Dass man jegliches Vertrauen ins Leben verliert, weil die Enttäuschung einfach so groß war. Oder dass man für sich einfach keine Zukunft mehr sieht und sich gehen lässt und auch gar nicht mehr wahrnimmt, dass es Menschen um einen gibt, die einen doch noch brauchen.

 

Vielleicht sagen Sie auch. Das kann mir doch nicht passieren. Ich bin schon immer zurecht gekommen und habe schon so manches durchgestanden. Und aufgestanden bin ich auch immer wieder. Wieso sollte sich daran etwas ändern?

Ich bewundere jeden Menschen, der so sprechen kann.

Die Geschichte des Elia zeigt mir aber auch, dass niemand davor sicher ist, dass es auch einmal anders kommen kann. Das kann wirklich einmal passieren: Es sind keine Kräfte mehr da.

Elia hat auch niemals daran gedacht, dass es einmal so weit kommen könnte.

Er war eine starke Persönlichkeit. Vielleicht hätte er es sonst gar nicht durchgehalten, so lange Zeit an der Grenze der eigenen Belastbarkeit zu leben. Viele Jahre hat er sich im Kampf gegen die heidnischen Baalsgötter im Land aufgezehrt. Elia war unbequem - für die Königin Isebel und für die politisch Mächtigen im Land, die einen solchen Götzenkult erlaubt haben.

Auch wenn die Königin nach dem Leben Elias getrachtet hat, hat Elia sich nie um sein Leben gefürchtet. Einmal hat er auf einem hohen Berg die Mehrheit von der Macht Gottes überzeugt. Und es hat sich gezeigt, wofür Elia steht: Es gibt nur einen Gott und sonst niemanden.

Alles hat er erreicht, was er erreichen wollte. Und ausgerechnet jetzt, als der Höhepunkt aller Anstrengungen überschritten ist - auf dem Gipfel seines Erfolges - bricht er zusammen. Jetzt kann er auf einmal nicht mehr. Und mag nicht mehr. Er will seinem Leben ein Ende machen. Alle Lebensenergie ist wie erloschen.

 

„Steh auf und iss! Denn du hast noch einen weiten Weg vor dir.“

Manchmal kann man das einfach nicht. Auch Elia kann es jetzt nicht.

Das, was die Bibel hier beschreibt, nennen wir heute Depression.

Manchmal kommt sie von einem zum anderen Moment über einen Menschen.

Bei vielen kommt es in schleichenden Schritten. Anfangs merkt man es noch nicht, wie man immer kraftloser wird. Und merkt nicht, wie sehr alles anstrengend. Und spürt nicht, wie sehr man sich aufgerieben hat im Alltag, der nicht immer nur leicht gewesen ist.

Elia hat sich aufgerieben in seinen Auseinandersetzungen mit einem falschen Glauben, mit den Baalspriestern, die den Menschen ein ganz falsches Bild von Gott und vom Glauben vermitteln.

So wie wir uns manchmal aufgerieben haben mit den Kindern oder den Eltern. Was haben wir geredet und es hat doch nichts genützt. Was haben wir nach Möglichkeiten gesucht. Und wenn wir etwas in Aussicht hatten, wurde es abgelehnt oder schlecht geredet.

 

Das kann es geben und gar nicht zu selten kommt es vor, dass man sich auf einmal fremd fühlt in seiner eigenen Welt. Spürt, wie auch selbst vertraute Menschen auf einmal ganz weit weg sind. Und nichts mehr so richtig Freude macht.

Völlig egal, ob das Zeugnis der Kinder und Enkel dieses Mal ausgesprochen gut ausgefallen ist oder dass die Schneeglöckchen so prächtig blühen wie noch nie.

Alles ist öde. Nirgends rührt sich etwas. Nichts wächst mehr. Überall nur noch Sand und Steine. Kein Leben. Erstarrung. Gefangen in sich, ohne Möglichkeit und Kraft, andere noch wahrzunehmen. Lebendig tot, empfinden es viele Menschen

Und diese Worte: „Steh auf und iss! Denn du hast noch einen weiten Weg vor dir“ kommen einfach nicht mehr an.

 

Aus der Geschichte von Elia, der nicht mehr konnte, entnehme ich auch: Es ist Gottes große Herzensangelegenheit, dass wir immer wieder aufstehen können.

Gott spricht zu Elia und zu uns: Du bist mir wichtig. Du bist ein wertvoller Mensch. Auf dich kommt es an. Du kannst anderen noch viel geben.

Gott spricht: Ich weiß, dass es andere dir nicht leicht gemacht haben. Aber lass dich nicht blenden von denen, die vermeintlich stärker erscheinen, es aber bestimmt nicht sind. Gehe deinen Weg. Auch wenn er dir manchmal mühsam erscheint. Aber es ist ein Weg, der sich lohnen wird, weil es dein Weg ist. Niemand außer dir kann ihn gehen. Aber du musst ihn gehen. Und wenn du dich aufmachst, dann wirst du sehen, dass es noch viel zu entdecken gibt und dass du nicht alles aus eigener Kraft bewältigen musst. Ich, dein Gott, bin mit dir. Du wirst es schon erleben.

 

„Steh auf und iss! Denn du hast noch einen weiten Weg vor dir.“

Es ist wirklich immer ein Wunder, wenn ein Mensch dann auch wirklich aufstehen kann. Es ist ein Wunder, wenn Menschen wieder die Kraft haben, um nach vorne zu schauen. Und sich nicht von dem, was war, so gefangen nehmen lassen, dass sie gar nicht mehr wollen.

 

„Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“

Niemand kann sich das selbst sagen. Niemand kann sich auch selbst aus dem Sumpf herausziehen und sich selbst Mut zuführen. Die Bibel sagt an dieser Stelle und an vielen anderen, dass ein Engel kommen muss. Jemand, der im Namen Gottes einfach da ist, uns zuhört, versorgt, den Arzt anruft oder aufklärt.

Für Elia ist auf einmal Wasser dagestanden und geröstetes Brot. Mag sein, es war irgendein Beduine, der in der Gegend war, rein zufällig. Mag sein, dass Elia zufällig auf eine Karawane gestoßen ist.

Auf alle Fälle war jemand da, der weitergeholfen hat - der Zeit hatte und ein großes Herz - jemand, die keinen aufgab. Bloß für ein Stück Brot und einen Schluck Wasser wäre Elia nicht aufgestanden (Wilhelm Willms).

 

Haben Sie schon einmal überlegt, wer für Sie wie ein Engel war? Ich bin sicher, dass es Engel in ihrem Leben gegeben hat. Boten im Namen Gottes, die in seinem Namen eingegriffen haben. Nehmen Sie diese Fragen mit in die neue Woche. Auf wen konnte ich mich verlassen, als es einmal ganz schlimm war? Wer ist zu mir gestanden? Wer hat geholfen? Wer hat nicht aufgerechnet? Wer keine Vorwürfe gemacht? Wer ist nicht mit guten Ratschlägen daher gekommen?

Manche schwere Zeit, manche Durststrecke hat insofern etwas Gutes, etwas Klärendes. Wir wissen dann, auf wen wir uns auch wirklich sich verlassen können. Wer sich in uns hineindenkt und uns nicht mit irgendwelchen hilflosen Floskeln abspeist. Oder mit frommen Phrasen daher kommt, die schon Hiob vor über 2000 Jahren ganz übel aufgestoßen sind. Sie wissen es selbst am besten, wer für Sie da war, als sie jemanden gebraucht haben.

 

„Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“

Ist es Ihnen aufgefallen? Der Engel muss zu Elia noch ein zweites Mal kommen, ihn anrühren und ansprechen.

Für mich ist das ein Zeichen, dass es wirklich gar nicht so einfach ist, aus einem tiefen Tal herauszukommen oder mit einer großen Depression einigermaßen klar zu kommen. Und wir brauchen einen langen Atem, wenn wir jemandem heraus helfen wollen. Müssen uns eingestehen, dass nicht unser Zeitmaß das entscheidende ist.

Mit zweimal Kommen ist es nicht getan. Häufig nicht einmal mit zwanzig Mal.

Bei Elia hat es 40 Tage gedauert. 40 Tage muss er gehen, bis er an den Horeb kommt, den Berg Gottes. Dort wird er Gott treffen und weitere Weisung erhalten. Dort wird sich manches klären, wie es weitergehen wird.

 

„Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“

Elia hat sich aufgemacht. Gestärkt durch diese Begegnung ist er seinen Weg weitergegangen. Vielleicht nicht so wie bisher. Aber gestärkt mit einem Vertrauen, das stärker ist als alles, was dagegen spricht.

Und auch wir haben noch einen weiten Weg vor uns.

Auch wenn das Leben ein Kampf ist und bleiben wird - auch wenn manches umsonst sein wird, wo wir uns einsetzen werden, - und auch wenn in unseren Augen andere am längeren Hebel sitzen werden, ist es ein verheißungsvoller Weg, den wir gehen werden. Denn Gott ist mit uns. Er wird uns immer wieder aufhelfen. Er wird uns auf unseren ganz eigenen Weg bringen, auf dem es noch so viel zu entdecken gibt.

 

Und die Weite Gottes, die umfassender und höher und tiefer ist als alles menschliche Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Predigt zum Sonntag Okuli, 24. Februar 2008, gehalten von Pfarrer Thomas Volk in St. Nikolai, Marktbreit