"Auf ein Wort" 2008

In Marias Fußstapfen...

Es ist Sonntagnachmittag. Herrliches Frühlingswetter.
Ich spaziere vom Käppele, einer barocken Wallfahrtskirche hoch über Würzburg, wieder hinunter zur Stadt.
Der Weg ist terrassenförmig angelegt, man kommt über viele Treppen an Kapellen und Kreuzwegstationen vorbei. Vor mir läuft jetzt eine Gruppe älterer Damen. Fröhlich plaudernd genießen auch sie diesen schönen Nachmittag.

Plötzlich aber kommt die Gruppe ins Stocken. Ich muss auf einer der Treppen hinter ihnen stehen bleiben. Da sehe ich, wie eine nach der anderen am Ende der Treppe Halt macht, sich umwendet und den rechten Fuß auf eine Steinplatte stellt.
Es geschieht irgendwie nebenher, fast automatisch, und doch scheint es eine Bedeutung zu haben. Als ich selbst dort ankomme, frage ich die Frauen danach. Und eine von ihnen erklärt mir: „Das macht man hier so. Wir kennen das gar nicht anders. Wenn man vom Käppele runter läuft, stellt man hier den Fuß hinein. Wissen sie, das auf dem Stein da, das soll nämlich der Fußabdruck der Maria sein.“
Ich schaue ziemlich verdutzt. Da sagt eine andere Dame, verschmitzt: „Na ja, für den Fuß der Maria ist der Abdruck schon ein bisschen groß.“
Lachend zieht die Gruppe weiter. Ich stehe da und denke: Typisch katholische Volksfrömmigkeit. Ich bin evangelisch, da ist mir das eher fremd.
Und doch merke ich, Fußabdruck der Maria hin oder her: das hat was, den Fuß ganz bewusst in die Fußstapfen einer anderen stellen.
Das heißt doch: ich muss gar nicht immer und überall den ersten Schritt tun.

Dieser Stein sagt mir: „Schau her, andere vor dir, haben auch so manchen Schritt gewagt. Geh auch du mutig den nächsten Schritt in deinem Leben. Und rechne, wie sie, mit Gott.“

"Auf ein Wort" von Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk,
Ausgestrahlt im Hörfunkprogramm des Bayrischen Rundfunks BR1 und BR3 am 08.05.2008.


Begeisterung

Ein Theaterstück, das ich neulich gesehen habe, heißt „Glaube, Liebe, Hoffnung“. So verheißungsvoll wie im Titel geht es allerdings nicht zu.

Elisabeth, die Heldin, erlebt Arbeitslosigkeit, wird ungerecht behandelt, ihr Geliebter verlässt sie und zum tragischen Ende sagt sie: „Ich habe einfach kein Glück!“
Das Stück ist deprimierend, ja geradezu beklemmend.
Dennoch bin ich an diesem Abend begeistert aus dem Theater gekommen.
Die Hauptdarstellerin hat mich fasziniert. So hingebungsvoll, frech und auch glaubwürdig, hat sie gespielt. Der größten Verzweiflung, dem stillen Glück, der unfassbaren Enttäuschung gibt sie Ausdruck. Als sie am Ende des Stücks klitschnass auf der Bühne liegt und in einer Pfütze zu ertrinken droht, da verschlägt es einem den Atem. Und sogar noch beim Schlussapplaus spüre ich bei ihr eine unglaubliche Präsenz und Wachheit.

Morgen feiern wir Pfingsten. Auf dem Spielplan steht unser eigenes Leben.
Freilich, nicht alles darin ist begeisterungswürdig. Die Frage ist, ob auch wir mit Hingabe leben und tun, was gerade dran ist. Ob wir mutig genug unverwechselbar wir selber sind, ob wie das Spiel des Lebens freudig in die Hand nehmen? Und ob wir andere daran teilnehmen lassen, an dem, was wir glauben, lieben und hoffen.

"Auf ein Wort" von Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk,
Ausgestrahlt im Hörfunkprogramm des Bayrischen Rundfunks BR1 und BR3 am 10.05.2008.


Mut zum Risiko

Kurz vor Beginn seines Ruhestandes wird ein leitender Kirchenjurist nach seinem beruflichen Lebensmotto gefragt.
"Raus gehen“, sagt er „sich dem Wind stellen, Neues versuchen, Mut zum Risiko und zum Irrtum."

Ich gehöre zur Generation der 40- jährigen. Wir haben gelernt zu planen, zu strukturieren, Dinge abzusichern, nur Spruchreifes von uns zu geben.
In vielerlei Hinsicht ist das hilfreich. Manchmal aber auch ziemlich langweilig und einfallslos.
"Raus gehen, sich dem Wind stellen, Neues versuchen, Mut zum Risiko und zum Irrtum" da steckt ein ganz anderer Geist dahinter.

Ich weiß nicht, was dieser Mann für Lebenserfahrungen gemacht hat, die ihn dazu bringen, so optimistisch, so risikofreudig zu sein. Selbst der Irrtum schreckt ihn nicht.
Ich spüre da etwas von dem Geist, der auch bei Menschen der Bibel anzutreffen ist. Bei Mose etwa, der dem mächtigen Pharao mutig die Stirn bietet; bei Sarah, die sich noch in hohem Alter auf ein Kind einlässt und bei Jesus, der betet: nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.

Voller Vertrauen auf ihren Gott und auf seine Möglichkeiten, gehen sie rein in die Herausforderungen ihres Lebens. Ihre Absicherung suchen sie gerade nicht in sich selbst. Und das ist wohl das Geheimnis aller Mutigen.

"Auf ein Wort" von Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk,
Ausgestrahlt im Hörfunkprogramm des Bayrischen Rundfunks BR1 und BR3 am 12.05.2008.


Leben passiert

Es ist ein schöner warmer Frühlingstag. Da kommt unsere Nachbarin vorbei und fragt, ob wir nicht Lust hätten mit ihr eine Bootsfahrt auf dem Main zu machen.
„Ja wollen würde ich schon. Aber zwei Maschinen Wäsche, Diktat üben mit der Ältesten, jede Menge Telefonate. Ich habe mir noch so viel vorgenommen heute“ sage ich entschuldigend zu ihr.
„Sind sie denn hier überhaupt schon einmal auf dem Main gefahren?“, fragt sie. „Nein!“ antworten meine beiden Kinder und bekommen schon leuchtende Augen.


Darauf die Nachbarin: „Wäsche aufhängen, das können sie auch noch machen wenn es regnet. Aber dieser schöne Tag, kommt so schnell nicht wieder. Also ich gehe jetzt schon mal voraus zum Bootssteg. Mein Mann und ich, wir warten noch ein bisschen auf sie; falls sie es sich doch noch anders überlegen. Es wäre wirklich schön.“
Eine viertel Stunde später sitze ich mit meinen Kindern im Boot. Um uns herum eine herrliche Flusslandschaft: Schilf, alte knorrige Bäume, Fischreiher, leiser Wellengang und dann ein Sonnenuntergang…. Ja, wir hätten wirklich etwas verpasst, wenn wir die Einladung nicht angenommen hätten.

John Lennon, einer der Beatles, hat einmal einen wunderbaren Satz über das Leben gesagt: „Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen."

"Auf ein Wort" von Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk,
Ausgestrahlt im Hörfunkprogramm des Bayrischen Rundfunks BR1 und BR3 am 14.05.2008.


Labyrinth

Mit Konfirmanden habe ich vor einigen Wochen ein Labyrinth aufgesucht. Es ist aus Steinen gelegt und so groß, dass man es wirklich begehen kann. Das haben wir dann auch gemacht. Schweigend und langsam nacheinander sind wir in das Labyrinth gegangen.
Schon nach einigen Minuten rief einer: „Das dauert.“Und wirklich, was erst locker aussah, entpuppte sich als ziemlich langer und verschlungener Weg.
Immer wenn wir dachten: jetzt sind wir gleich am Ziel, die Mitte ist schon in greifbarer Nähe, dann machte der Weg nochmals eine Wendung, führte wieder nach außen oder in eine ganz andere Richtung. Irgendwann haben wir es dann aber geschafft und sind in der Mitte angekommen: Ein kleiner Kreis aus Steinen, aus dem ein Rosenstrauch wächst. Gerade groß genug, dass wir alle Platz hatten und uns hinsetzen konnten.
So haben wir Pause gemacht und erzählt. „Ist cool hier zwischen den Steinen“ meinte einer. Und ein anderer: „Gefällt mir auch. So schnell geh ich hier nicht mehr raus.“
Eine Konfirmandin sagte: „Ich dachte, dass wäre hier wie in einem Maislabyrinth, wo man sich verirren kann. Aber das kann dir hier gar nicht passieren. Es gibt nur einen Weg und den musst du immer weiterlaufen.“

Ja, das ist das Prinzip des Labyrinths: Weiterlaufen. Nicht aufgeben, nicht ungeduldig werden, nicht stehen bleiben, weitergehen bis man den besonderen Ort in der Mitte erreicht hat. Im Mittelalter meinte man, dort sei das Paradies, das himmlische Jerusalem.
Es ist wie im richtigen Leben. Alles, was wertvoll ist, ist weder einfach noch schnell zu erreichen. (Gernot Candolini) Und das ist vielleicht die wertvollste Lektion, die uns ein Labyrinth heute erteilen kann.

"Auf ein Wort" von Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk,
Ausgestrahlt im Hörfunkprogramm des Bayrischen Rundfunks BR1 und BR3 am 16.05.2008.


Trinitatis

Tagelang, so wird erzählt, grübelte der große Kirchenvater Augustin über das Geheimnis des christlichen Gottesbildes: die Dreieinigkeit Gottes. Aber was er auch dachte, er kam zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis.
Eines Nachts, im Traum, spazierte er am Ufer des Meeres und sah einen kleinen Jungen. Der schöpfte Meerwasser mit einer Muschel und brachte es in ein kleines Sandloch. So ging das wieder und wieder.
„Was tust du da?“ fragte ihn der Kirchenvater. „Ich will das ganze Meer in dieses Loch schütten“, antwortete der Kleine. „Was für ein Unsinn,“ belehrte ihn Augustin, „deine Sandkuhle ist doch viel zu klein für das große Meer!“
Da sah ihn der Junge mit durchdringenden Augen an: „Und du, Augustin, versuchst schon seit Tagen, die große Dreieinigkeit Gottes in deinen kleinen Verstand zu bekommen…“

Ein Kind ist es, das dem großen gelehrten Kirchenvater Augustin die Augen öffnet und ihm beibringt, dass man ein Leben lang nicht fertig wird damit, Gott zu fassen.

Ihn als Vater, Sohn und Heiligen Geist, zu denken, das ist ein gelungener Versuch, diesem eigenwilligen Gott näher zu kommen. Gott schenkt das Leben, Gott zeigt uns sein tiefstes Wesen in Jesus von Nazareth, Gott ermutigt und tröstet uns durch seinen Geist.
Gott Vater, Sohn und heiliger Geist – für mich steckt hinter dieser Formel, dass Gott lebendig, beziehungsfähig und beweglich ist.

Und gerade das ist die Garantie dafür, dass er sich auch auf uns, die wir uns doch ständig verändern und bewegen, wirklich einstellen kann. Wir haben ein Leben lang Zeit, das zu erfahren mit allen Sinnen, mit Herz und Verstand.

"Auf ein Wort" von Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk,
Ausgestrahlt im Hörfunkprogramm des Bayrischen Rundfunks BR1 und BR3 am 18.05.2008.


"Andere verstehen"

Jetzt hat sie wieder begonnen, die Leidenszeit der Allergiker. Pollen der Frühblüher, wie Birke und Erle, sind unterwegs. Man kämpft mit rot unterlaufenen Augen, schniefende Nasen, Niesanfällen und manchmal auch Asthma.
Ich gehöre dazu. Und wie jedes Jahr muss ich wieder und wieder erklären, dass ich nicht erkältet bin, dass ich schon viel ausprobiert habe und, dass es bei mir eben doch nur bedingt etwas nützt. Und wie jedes Jahr denke ich manchmal: Wer es nicht hat, kann es nicht verstehen. Und dann bin ich froh über Leidensgenossen. Ihnen muss ich nichts erklären und wenn wir gemeinsam eine Runde gejammert haben geht es mir irgendwie besser.

Das ist wohl das Geheimnis der rund 80.000 Selbsthilfegruppen, die es bei uns gibt.
Ob Anonyme Alkoholiker, Angehörige von Alzheimer- Patienten, Menschen mit Essstörungen oder Panikattacken. Hier findet man nicht nur kompetente Hilfe, sondern auch Menschen die sich mühelos einfühlen können in das, was
man selber fühlt und denkt.

Einer Mutter, die ihren Sohn durch Krebs verloren hat, habe ich empfohlen an einer Selbsthilfegruppe teilzunehmen. Verständlicher Weise war sie erst zögerlich. „Wie soll ich denn die traurigen Geschichten der anderen ertragen, wo ich doch mit der eigenen nicht fertig werde?“
Aber genau das war es, was ihr später weiter geholfen hat. Das Bewusstsein, ich stehe nicht allein da mit meiner Geschichte und meinem Leid. Andere haben Ähnliches erlebt, sie verstehen mich, weichen mir nicht aus, und auch ich kann ihnen mit meinen Erfahrungen eine Stütze sein.

Wir brauchen einfach andere, die uns verstehen. Manchmal müssen wir sie erst suchen.
Aber ich bin sicher: es gibt sie.

"Auf ein Wort" von Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk,
Ausgestrahlt im Hörfunkprogramm des Bayrischen Rundfunks BR1 und BR3 am 20.05.2008.