"Auf ein Wort" 2007

Grönemeyer: "Ein Stück vom Himmel..."

„Ein Stück vom Himmel“ heißt das neueste Lied von Herbert Grönemeyer.
So verträumt, wie der Titel, ist es aber gar nicht. Da geht es um religiösen Fanatismus, um ungerechte Verteilung der Ressourcen und Krieg weltweit.
Für die Lösungen, die er vorschlägt, hat Grönemeyer einiges an Kritik einstecken müssen:
pantheistische Ökoesoterik, erschlagendes Pathos, undifferenzierter Einheitsbrei.
Große Probleme sind nie einfach zu lösen, schon gar nicht in der Kürze eines Liedes.

Aber, dass da einer gegen alle Resignation ansingt. Dass da einer fest daran glaubt, dass wir dem ewigen Lied von Ungerechtigkeit und Gewalt, durchaus gemeinsam eine andere Wendung geben können, das finde ich schon in Ordnung. Und eine Passage gefällt mir besonders gut. Wenn er sagt:

„es wird zu viel geglaubt
zu wenig erzählt
es sind Geschichten
sie einen diese Welt
Nöte, Legenden, Schicksale, Leben und Tod
glückliche Enden, Lust und Trost“

Was glauben wir nicht alles, wenn es uns in nüchternen Zahlen und Statistiken präsentiert wird. Wie schnell haken wir Prozentzahlen über Arbeitslose oder Hungernde einfach ab.

„Ein Stück vom Himmel“ ist, wenn mir einer von seiner Not und von seinem Glück erzählt, dann berührt mich das. Dann sind wir auch hier auf der Erde schon nah beieinander.

"Auf ein Wort" von Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk,
Ausgestrahlt im Hörfunkprogramm des Bayrischen Rundfunks BR1 und BR3 am 26.03.2007.


Mailänder Modewoche

Auf der Mailänder Modewoche wurde im Februar die neue Herbst- und Winterkollektion präsentiert. Bauschige Ballonröcke, aufgeplusterte Ärmel, große dramatischen Kragen, riesige Volants, sehr viel Stoff und auch Leder mit Nieten beschlagen.
Das ist der Trend für die kommende Saison und dahinter steht, so las ich in einer Zeitung, der Wunsch nach Schutz und Panzerung.

Es gibt unter uns wirklich viel Angst, Unsicherheit, Aggression, und deshalb auch, ganz selbstverständlich, eine große Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit.
Da sind weiche Stoffe und mit Nieten beschlagene Lederjacken schon so etwas wie ein Schutzpanzer gegen menschliche Kälte und unsichere Zukunft.

Um mich wirklich geborgen und geschützt zu fühlen, brauche ich aber weit mehr als ein Stück Stoff.
Ich brauche Worte, die mir Mut machen. Ich brauche den Segen Gottes, ein Schutz und Schirm vor allem Argen, wie es in der Bibel heißt.
Und natürlich Menschen, die mit ihrer fröhlichen Art meine trüben Gedanken vertreiben, die den Mut haben sich auch mal schützend vor mich zu stellen, und Menschen, die mir einfach zeigen, dass sie zu mir stehen.

"Auf ein Wort" von Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk,
Ausgestrahlt im Hörfunkprogramm des Bayrischen Rundfunks BR1 und BR3 am 28.03.2007.


Fastenzeit

Kurz vor Aschermittwoch erhielt ich eine ungewöhnliche Postkarte.

Eine Gruppe von Pinguinen steht beieinander. Mittendrin ein kleiner Pinguin mit einer roten Federboa um den Hals. Diese zieht sich über seinen ganzen Rücken bis auf den Boden und wirkt an ihm wie ein elegantes Abendkleid mit Schleppe.

„Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme so selten dazu.“ steht als Kommentar auf der Karte. Und das alles von der kirchlichen Fastenaktion » 7 Wochen anders leben «.

Diese Karte liegt bei mir am Computer und zwingt mir täglich ein Schmunzeln ins Gesicht.
Und dann geht es tiefer. Was gehört eigentlich zu mir? Womit bin ich unzufrieden? Wo funktioniere ich nur noch? Was ist im Lauf der Jahre bei mir verschütt gegangen? Was möchte ich schon lange anders machen und komme nicht dazu oder traue mich nicht?

Die Pinguine auf der Karte schauen den kleinen Pinguin ganz schön blöd an. Aber er ist glücklich.

"Auf ein Wort" von Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk,
Ausgestrahlt im Hörfunkprogramm des Bayrischen Rundfunks BR1 und BR3 am 30.03.2007.


Palmsonntag

Was für ein Empfang!
Auf den Straßen stehen die Menschen dicht gedrängt, strecken die Arme in die Luft, winken mit Palmzweigen. Die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich, wie sie die Stadt seit Jahren nicht mehr erlebt hat.
Und mittendrin Er: in einfachen Kleidern, auf einem Esel, dem Lasttier der kleinen Leute. Für die Menschen am Rand, ist er der König ihrer Sehnsüchte. Ihm winken sie zu.

Es gibt Momente da haben wir einfach den Durchblick. Da fällt es uns wie Schuppen von den Augen, da ist uns klar: ja genau so ist es, so verhält es sich. Damals in Jerusalem gab es diesen Moment.
Da war vielen klar: ja, er ist es: der Messias, der Sohn Gottes, der, dem du vertrauen kannst, der sich für dich einsetzt, dir zuhört, dich weiterbringt, dich stärkt, dir zur Seite steht.
Er unterbricht die Logik von Hass und Gewalt. Er sagt: „Selig sind die Sanftmütigen.“

Freilich dieser lichte Moment war nicht von Dauer. Diejenigen, die an diesem Tag fröhlich „Hosianna“ riefen, schreien bald darauf wutentbrannt: „kreuzigt ihn“.
Aber es gibt sie, diese kostbaren Momente, in denen wir den Durchblick haben, uns etwas aufgeht und eine Entscheidung leicht fällt.
Und dann, so glaube ich, ist auch Er mitten dabei.

"Auf ein Wort" von Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk,
Ausgestrahlt im Hörfunkprogramm des Bayrischen Rundfunks BR1 und BR3 am 01.04.2007.


Paul Gerhardt

Er saß mit Nina Hagen in der Jury der Casting-Show „Popstar“ 2006. Er ist ein langjähriger Produzent von Bands wie Pur oder Patricia Kaas. Dieter Falk - einer der Erfolgreichen und einer, der sich auskennt im Musikgeschäft.

Dass er außerdem studierter Kirchenmusiker ist und ein Faible für Paul Gerhardt hat, das war neu für mich und hat mich überrascht.

Paul Gerhardt gehört nun wirklich in eine ganz andere Welt.
Ein Pfarrer, ein Liederdichter aus der Zeit des 30jährigen Krieges. 400 Jahren alt sind seine Texte und taugen noch für unsere Welt des Rap und Pop? Vielleicht weil dieser Mann eine Sprache gefunden hat, deren Wärme sich nicht verbraucht. Vielleicht, weil sein Leben alles andere war, als eine Supershow und deshalb die Hoffnung, von der er spricht, so glaubwürdig ist.

Als er 11 Jahre alt ist bricht der 30-jährige Krieg aus. Mit 14 ist er Vollwaise, sein Bruder stirbt an der Pest, 4 seiner 5 Kinder muss er in frühestem Kindesalter begraben. Er kennt Arbeitslosigkeit, in seinem Beruf als Pfarrer wird er gemobbt und mit tiefen Depressionen hat er zeitlebens zu kämpfen.

So wundert es mich dann doch nicht, dass Dieter Falk in einem Interview bekennt: sein Lebensmotto ist ein Vers von Paul Gerhardt: „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.“

"Auf ein Wort" von Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk,
Ausgestrahlt im Hörfunkprogramm des Bayrischen Rundfunks BR1 und BR3 am 03.04.2007.


Gründonnerstag

Wer schon einmal ein großes Fest ausgerichtet hat, der kann ein Lied singen von der Tischordnung.

Wohin setzte ich wen? Kann ich meine vornehme Tante Frieda, die nur am Tee nippt neben den trinkseligen Ottokar setzten? Was mache ich mit der schüchternen Elsbeth, die in großen Gesellschaften noch stummer ist als sonst. Die Kinder sollen sich auch wohl fühlen, - ach, und dann habe ich ja noch den rechthaberischen Paul, den kann ich eigentlich nur mir zumuten.

Ob Jesus sich beim letzten Abendmahl auch solche Gedanken gemacht hat?
Er gehört zu den ganz mutigen Gastgebern und hat wahrscheinlich mehr um sich geschart, als nur die Zwölf. Wen hat er nicht alles nebeneinander gesetzt! Den Freiheitskämpfer neben den Zolleintreiber, der mit der römischen Besatzungsmacht kollaboriert, den einfachen Fischer neben die wohlhabende Mäzenin, den belesenen Lehrer und Kenner der Heiligen Schriften neben den Analphabeten. Wir können uns die Gesellschaft beim letzten Abendmahl nicht bunt genug vorstellen.

Und genau so bunt ist es bis heute beim Abendmahl in der Kirche.
Freilich, auch da menschelt es, und nicht immer ist es ausgewogen. Aber man versammelt sich doch um einen Tisch und erlebt wie nirgendwo sonst, dass wir doch alle zusammengehören.

Bei der Geburtstagsfeier hat sich übrigens, obwohl ich es gar nicht wollte, Tante Frieda zu Ottokar gesetzt und sie haben sich prima verstanden. Und wer weiß, ob dieses Wunder sich nicht auch mal zwischen Protestanten und Katholiken ereignet und sie, ganz selbstverständlich, gemeinsam zum Abendmahl gehen.

"Auf ein Wort" von Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk,
Ausgestrahlt im Hörfunkprogramm des Bayrischen Rundfunks BR1 und BR3 am 05.04.2007.


Osternacht

In der Kirche ist es ganz dunkel. Die Menschen um mich herum sehe ich nur in Umrissen, so finster ist es und ungewöhnlich still. Irgendwie fühle ich mich allein in diesem Dunkel.

Dann sagt eine Stimme: „Friede sei mit euch“ und jemand liest: „Gott sprach: Es werde Licht und es ward Licht.“

Eine große Kerze wird durch den Mittelgang des Kirchenschiffs getragen. Ihr Licht verwandelt den ganzen Raum. Und in diesem Augenblick weiß ich wieder warum es sich gelohnt hat mitten in der Nacht aufzustehen und zur Osternacht zu kommen.
Nach diesem Licht sehne ich mich und sehe es oft nicht, in den Dunkelheiten des Lebens, an traurigen Tagen und in verzweifelten Stunden. Jetzt ist es da: das Licht.

Es fällt auf die Gesichter der Menschen und ich habe den Eindruck sie viel klarer zu sehen. Dann breitet sich die Helligkeit aus wie ein warmes Lichtermeer, von Kerze zu Kerze. Meine Nachbarin zündet meine Kerze mit ihrer an. Sie lächelt mir freundlich zu und sagt:
“Christus ist auferstanden. Sein Licht begleite dich.“

Das Licht verbindet uns und es verwandelt meine Gedanken.
In diesem Moment bin ich mir sicher: Komme, was mag, dieses Licht bricht sich überall seine Bahn.

"Auf ein Wort" von Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk,
Ausgestrahlt im Hörfunkprogramm des Bayrischen Rundfunks BR1 und BR3 am 07.04.2007.