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2.Korinther 4,18 - Predigt zum Ewigkeitssonntag - 22.November 2020 - Marktbreit

Liebe Gemeinde!

Ich habe Ihnen heute zu diesem Gottesdienst etwas mitgebracht. Es ist dieser Becher. Er sieht aus wie ein gewöhnlicher Tonbecher, aber für mich ist er ein besonderer. Er stammt aus der Wohnung meiner Mutter, die in diesem Jahr verstorben ist. Und für mich ist er ein Erinnerungsstück.

Dieser Becher erinnert mich an schöne Erlebnisse mit meiner Mutter: an Geburtstage im Oktober, an denen wir daraus Federweißen getrunken haben, an fröhliches Zusammensein, an gemeinsame Feiern, an Verbundenheit, an Familie.

Am heutigen Ewigkeitssonntag hat dieser Becher noch mal eine besondere Bedeutung bekommen. Er steht auch für die Person, die ich mit ihm verbinde und an die ich heute besonders denke.

 

Erinnerungsstücke sind wichtig

Vielleicht haben Sie auch ein Erinnerungsstück aus der Wohnung mitgenommen, die Sie in diesem Jahr oder vor längerer Zeit ausräumen mussten. Als Erinnerung an eine Person, die einen festen Platz in ihrem Leben hatte und die jetzt nicht mehr bei Ihnen ist. Vielleicht ein Bild, ein Brief, Rezepte, einen Krug, Geschirr, Tischdecken.

Manche von Ihnen, die in einer gemeinsamen Wohnung gelebt haben, mussten emotional noch einmal ganz anders Abschied nehmen. Jedes Zimmer, jeder Flur, jeder Winkel ist voll von Erinnerungsstücken. Und Sie haben vielleicht schon überlegt oder sind gerade dabei: „Was will ich unbedingt aufheben und was soll so bleiben? Was will ich umräumen? Nicht heute, aber irgendwann. Und was hat seine Zeit gehabt und brauche ich nicht mehr?“

 

Erinnerungsstücke sind vergänglich

Denn - vielleicht haben Sie das in den vergangenen Wochen und Monaten auch gespürt: Erinnerungsstücke sind vergänglich. So vergänglich wie die Person, die verstorben ist.

Und so besonders dieser Becher für mich auch ist, er kann nicht die gemeinsamen Geburtstage und alle anderen Feste, die wir gefeiert haben, ersetzen.

Was bleibt? Was bleibt von Personen, mit denen wir unser Leben geteilt haben? Was bleibt von unserem eigenen Leben?

Heute, am Ewigkeitssonntag, geben wir Christen diesen Fragen Raum, um aufs Neue Klarheit für sich selbst zu bekommen.

Daher habe ich Ihnen heute Morgen noch etwas anderes - symbolisch - mitgebracht. Es ist ein Vers aus dem Neuen Testament. Er stammt vom Apostel Paulus, der mit der Frage, wie man in einem mühevollen Leben immer wieder Kraft und Mut bekommen kann, oft gerungen hat. In einem Vers im zweiten Korintherbrief hat er einmal so geschrieben:

„Das Sichtbare vergeht, aber das Unsichtbare bleibt auf ewig“ (2.Korinther 4,18).

 

Das Sichtbare vergeht

Das klingt einerseits nüchtern. Alles Sichtbare vergeht, ist zeitlich, begrenzt.

Ab einem gewissen Alter,- vielleicht wenn man merkt, dass die erste Halbzeit im eigenen Spiel des Lebens vorbei ist oder wenn die Kinder aus dem Haus sind,- wird es einem noch mal deutlicher bewusst. Wie rasch vergeht doch so vieles? Und ich kann nichts festhalten.

Auch dieser Bescher kann die Zeit nicht zurückdrehen. Und wenn irgendwann einmal meine Kinder meine Wohnung ausräumen und diesen Becher in den Händen halten, werden sie vielleicht fragen: „Weißt du, was er soll? Was sollen wir damit jetzt machen?“

 

Ewig ist das Unsichtbare

Gibt es denn nichts, was bleibt, was Bestand hat?

Der Apostel sagt. „Ja, es bleibt etwas. Auch wenn das Sichtbare vergeht, es bleibt das Unsichtbare. Es bleibt auf ewig.“

Aber was ist das Unsichtbare, von dem Paulus spricht? Kann man sich überhaupt et-was, das unsichtbar ist, vorstellen?

Schwierig. Ich versuche es so: Das Unsichtbare ist das, was unseren christlichen Glauben ausmacht.

Das Unsichtbare ist die Welt Gottes. Die ist für uns Menschen unsichtbar. Sie ist mit bloßem Auge nicht fassbar.

Kann man sich denn gar nicht dieser „unsichtbaren Welt“ annähern oder eine Ahnung von ihr bekommen?

Für mich gibt es einen Hinweis. Durch Christus. Durch das, was an Ostern geschehen ist und wir mit Auferstehung bezeichnen. Ostern und Ewigkeitssonntag gehören für mich ganz eng zusammen: Beide Tage verheißen uns: Das Leben ist größer als Tod. Die Liebe ist mächtiger als alles, was dagegen spricht.

Ich schließe für mich daraus: Wenn das Leben größer und stärker ist und wenn die Liebe Gottes immer mächtiger und umfassender ist, dann auch mächtiger als der Tod. Das Leben das Christus uns mit Ostern verheißt und die Liebe Gottes, die unendlich groß ist,- beides kann für mich nicht am Ende eines Lebens einfach so aufhören.

 

Ruhen in Gott

Deshalb finde ich auch die Aufschrift „Hier ruht in Gott“ auf manchen Holzkreuzen, die man auf ein frisches Grab stellt, einfach tröstlich. Hier ruht jemand in Gott. Hier ist jemand in Gottes unsichtbarer Welt geborgen. Das beruhigt mich im Hinblick auf meine Verstorbenen.

Ich weiß nicht, wie diese Welt aussieht. Ich muss es auch nicht wissen. Ich weiß nur, dass unser Körper als Hülle ausgedient hat und wir ihn dort in Gottes „unsichtbarer Welt“ nicht mehr brauchen. Und ruhen ist für mich auch mehr als ein Schlafen. Es ist ein Geborgensein bei Gott und eine neue Lebendigkeit, auch wenn ich sie nicht näher beschreiben kann.

Manche Bilder in der Bibel regen zum Träumen an. So heißt es im letzten Buch der Bibel, dass es dann kein Leid mehr gibt, keine Tränen, keine Schmerzen. Solche und andere Bilder helfen uns, unsere Hoffnung auszumalen, aber der eigentliche Trost besteht in dem, was der christliche Glaube schenkt: Wir sterben nicht in ein Nichts hinein, sondern zu Gott hin, in seine für unsere Augen „unsichtbare Welt“, die ewig ist.

 

Eine Utopie mit verändernder Kraft

Natürlich kann man uns Christen immer den Vorwurf machen: Ja, ihr redet immer von Auferstehung, von einem „ewigen Leben“, aber ihr habt keinen Anhaltspunkt und keinen Beweis dafür.

Ja, das stimmt! Für diesen Glaube an ein „ewiges Leben bei und mit Gott“ gibt es keinen Beleg. Vielleicht bilden wir Christen uns auch alles nur ein. Vielleicht!

Dieser Glaube ist wirklich eine Utopie. Ein Zukunftsraum. Ich weiß. Aber ich merke, dass er eine „verändernde Kraft“ hat. Und das ist mir wichtig.

Dieser Glaube verändert mich und meinen Alltag. Er hilft mir, mit Abschieden umzugehen und mit all allem, was ich im Leben nicht festhalten und nicht ändern kann.

Dieser Glaube macht mich mutig. Er hilft mir trotzig nach vorne zu schauen. Die besten Jahre liegen nicht immer nur hinter einem.

 

Das Unsichtbare im Laufe des Lebens immer mehr in den Blick bekommen

Deshalb gibt uns dieser Ewigkeitssonntag auch noch eine Aufgabe für uns selbst mit: Halte den Blick für das Unsichtbare fest! Verliere es nicht aus deinen Augen, die es gewohnt sind, auf das Sichtbare zu sehen.

Der Apostel Paulus, der von dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren schreibt, hat an einer anderen Stelle einmal erklärt, dass das unsere Lebensaufgabe ist: Bekomme im Laufe des Lebens immer mehr diesen Blick für das Unsichtbare, vor allem dann, wenn du dich dabei ertappst, dass du immer nur in der Vergangenheit hängst und dir der Blick für das jetzige Leben immer mehr entgleitet.

Das ist die große Lebenskunst: Mitten im Sichtbaren mit dem Unsichtbare rechnen. Denn das Unsichtbare, Gottes neue Welt, seine Ewigkeit, ist ja nicht nur etwas, das mal später auf uns zukommt. Es ist immer auch schon jetzt in unserem Leben da. Für viele von uns ist ja der kommende Winter mit allen Einschränkungen ja bereits eine ganze Ewigkeit. Und da müssen wir alle durch.

Und wir können es auch. Immer dann, wenn jemand sagen kann: „Ja, ich spüre wie-der neue Kräfte in mir. Oder ich habe überhaupt Antrieb, meinen Tag zu gestalten. Ich kann und will auch, weil es mein eigenes Leben ist, weil andere Menschen mich brauchen und weil - in diesem Jahr noch einmal ganz besonders - viele Aufgaben auf uns Menschen zukommen.“

Auch wenn wir uns weniger sehen und treffen können, brauchen andere Menschen uns, damit wir mit ihnen dennoch auf andere Weise Netze knüpfen, die andere und damit auch uns selbst auffangen.

 

Neue Bedeutung von Erinnerungsstücken

Dass wir unser eigenes Leben immer wieder neu weiterleben können, ist für mich ein kleiner Ausblick auf das Unsichtbare, auf Gottes Ewigkeit, die man in diesem Leben manchmal doch schon erahnen kann.

Deshalb habe ich mir vorgenommen, dass ich dieses Erinnerungsstück nicht nur in den Schrank stelle und dort stehen lasse. Ich will und ich werde es auch wieder gebrauchen.

Es soll für mich nicht nur für Vergangenes stehen, nicht nur für Geburtstage die vorüber sind, sondern auch für etwas, was noch vor mir liegt . Dieses Glas - und die an-deren - werden wieder einmal gebraucht werden: Bei einem anderen Geburtstag, bei einer Feier mit anderen Menschen oder bei anderen Anlässen, ohne dass die Erinnerung an meine Mutter dadurch verblassen würde.

Dieser Ewigkeitssonntag will unseren Blick in die Ewigkeit richten. Nicht nur auf die Ewigkeit, die wir für unsere Verstorbenen erhoffen, sondern auch auf die, die kleines Stück weit manchmal hier in diesem Leben aufblitzt. Eben dann, wenn wir spüren, dass die unsichtbare Welt schon in unser Leben hier und jetzt hineinreicht und uns Freude schenken will.

Und die Weite Gottes, die umfassender und höher und tiefer ist als alles menschliche Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Predigt gehalten von Pfarrer Thomas Volk

am Ewigkeitssonntag, 22. November 20 in Marktbreit