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„Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“ Predigt zum GospelGottesdienst auf dem Gelände der Landesgartenschau Würzburg

 

„Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“

Predigt zum GospelGottesdienst auf dem Gelände der Landesgartenschau Würzburg

Sonntag, 8. Juli 2018 - 11.30 Uhr

 

Die Weite unseres Gottes,

der Mut Jesu Christi

und der Schwung des Heiligen Geistes

sei jetzt mit uns allen. Amen.

 

Liebe Gemeinde!

Wer hätte vor Jahren gedacht, dass wir heute, hier an diesen Ort, gemeinsam Gottes-dienst feiern? Denn was hat dieser Ort hier oben schon alles erlebt?

 

Vor 70 Jahren wurde hier oben ein großes Flüchtlingslager errichtet, nicht für Geflüchtete aus Syrien oder Afrika, sondern vor allem aus dem Sudetenland.

Vor 50 Jahren standen schon hier gleich nebenan die großen Wohnblocks mit den Flachdächern, in denen amerikanische Familien wohnten und wenige Meter von hier entfernt drüben an der Rottendorfer Straße war eine Grenze, an der es nicht weiter ging. Nur einmal im Jahr, Anfang Mai, beim sogenannten Deutsch-Amerikanischen Volksfest, konnte man hindurch und das leckere „Ice Cream“, das es hier oben gab, in Mengen essen.

Vor 30 Jahren hätte niemand gedacht, dass die Zäune um dieses Gelände fallen würden.

Vor 10 Jahren hörte die amerikanische Garnison in Würzburg offiziell auf zu bestehen und auch die amerikanischen Schulen stellten hier oben endgültig ihren Betrieb ein.

Heute sind wir von allen Seiten zusammengekommen und nicht nur all diejenigen, die wie ich hier oben aufgewachsen sind, staunen, was aus diesem Areal geworden ist.

 

Was für Landschaften gilt, das trifft erst recht für uns Menschen zu. Was haben wir schon für Änderungen im Leben erfahren?

Wie einfach haben wir früher gelebt? Mit wie wenig sind wir einmal ausgekommen? Und wie perfekt muss heute alles sein?

Oder wer sich die Bilder vom letzten oder vorletzten runden Geburtstag ansieht: Wer ist damals alles am Kaffeetisch dabeigesessen und wer ist heute da? Wie viele Menschen haben wir schon kommen und gehen gesehen?

Und was hat unser Körper alles mitgemacht - stundenlanges Bücken im Garten, unzählige Sonderschichten im Betrieb, viel zu viel Alkohol und viel zu viel fettes Essen. Es ging alles auch eine Zeitlang gut. Aber dann hat es diese Signale gegeben, dass unser Körper einfach keine Maschine ist, die immerzu auf Hochtouren läuft.

Egal wie viele Jahre wir zählen: Veränderungen gehören zu unserem Leben dazu. Ob wir sie herbeisehnen oder am liebsten ausblenden möchten: Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen.

Wer die Augen verschließt und sagt: „Ich schaue einfach keine Nachrichten mehr, dann bekomme ich nicht mit, was draußen alles passiert“ oder wer entgegnet: „Ich gehe einfach nicht mehr zum Arzt, dann muss ich mir auch keine Gedanken um meine Gesundheit machen“, belügt sich selbst.

Die große Lebenskunst ist doch, dass wir alle Änderungen des Lebens - die gewollten und auch die ungewollten - annehmen können und uns wie ein Schiff auf stürmischer See mit den Wellen auf und ab bewegen und dabei wissen, dass wir nicht untergehen.

 

„Nur wer sich ändert, bleibt sich treu!“.

So hat der Liedermacher Wolf Biermann einmal gesungen und so ist dieser Gottes-dienst umschrieben.

Das muss man sich einmal vorstellen: Als junger Mann im Nachkriegsdeutschland schwärmte er für den Kommunismus und wanderte in die DDR aus. Als kritischer Denker wurde er jedoch aus der DDR wieder ausgewiesen und setzte seine berufliche Laufbahn in Westdeutschland fort.

„Nur wer sich ändert, bleibt sich treu!“ Ihm ist immer um das Leben gegangen, und nicht darum, sich mit etwas abzufinden, was alle Lebendigkeit abschnürt.

Ich deute diese Worte für mich und für mein Leben so, dass Änderungen einfach nötig sind, damit ich das kostbare und wertvolle Leben, das Gott mir gegeben hat, immer vor mir habe und nicht aus den Augen und damit aus dem Sinn verliere.

Das Leben kann man leicht im Alltag verlieren. Wenn neben der einen Anforderung noch eine weiter dazu kommt, dann noch eine und alle von uns denken, dass wir das schon alles schaffen. Aber irgendwann werden die Lasten zu schwer und alle Lebensfreude wird mit erdrückt.

Wir merken auch nicht immer gleich, wenn unser Glaube eine Kurskorrektur gebrauchen könnte. Es ist gut, sich immer wieder mal zu fragen: „Gibt mir mein Glaube eigentlich noch den Halt und den Trost, den ich mir so sehr für mein Leben wünsche?“

Und wir von der Kirche müssen uns immer wieder fragen: „Wo geben wir nur kalte Asche weiter und nicht mehr die Flamme?“ An welchen Punkten müssen wir uns ändern, damit wir der christlichen Botschaft treu bleiben, die doch uns allen zu einem Leben verhelfen will, damit wir jeden Tag bestehen können und darüber hinaus staunen dürfen, wie bunt und wie vielfältig Möglichkeiten sind, unser Leben zu gestalten.

Ich weiß nicht, ob Sie gerade einen guten Lauf haben oder ob Sie auf der Suche sind

Ich weiß auch nicht, ob und was Sie gerade anders haben möchten. Bei sich.

Auf alle Fälle möchte ich einladen - wenn Sie möchten - bei etwas Musik über die Änderungen ihres Lebens nachzudenken oder ihre Gedanken einfach schweifen zu las-sen.

 

Musik

 

Sich ändern? Und sich dabei treu bleiben?

Ganz schön schwierig, gewohnte Gleise zu verlassen und auf neuen ungewohnten Wegen zu gehen.

Aber es ist möglich. Das sagt nicht nur die moderne Hirnforschung, dass Veränderung bei uns möglich sind.

 

Christen glauben, dass wir mit Gottes Hilfe so bewegt werden, dass wir in unserem Leben nicht nur spüren, dass Änderungen anstehen, sondern sie auch vornehmen können.

Der Zöllner Zachäus, von dem das heutige Evangelium handelt, hat es tatsächlich geschafft.

Er hat sich geändert. Er ist in der Begegnung mit Jesus darauf gekommen, dass sein bisheriges Leben so nicht mehr weiter gehen kann.

Zachäus müssen Sie sich als einen wirtschaftlich vermögenden Unternehmer vorstellen, der das Recht besaß, in einem bestimmten Gebiet, das er gepachtet - oder viel-leicht besser: ersteigert - hatte, Abgaben und Gebühren zu erheben. Er musste also seinerseits zusehen, dass er nicht nur auf seine Kosten kam, sondern auch noch einen Gewinn erwirtschaftete. Das hat er auch gemacht. Vielleicht sogar zu ausgiebig.

Denn irgendwann ist er darauf gekommen: „Was nützt mir mein ganzer Wohlstand, wenn sich niemand privat mit mir abgeben möchte? Was nützt mir ein Leben, in dem es nur noch darum geht, wie ich meine Gewinne noch mehr steigern kann, dafür aber Menschen in meiner Nähe von mir abrücken, weil sie denken, ich würde sie nur mit einem „Dollar-Zeichen“ in den Augen ansehen?“

Der Evangelist Lukas scheibt, dass Zachäus begehrte, Jesus zu sehen. Diese Begegnung muss ihn total „verändert“ haben. Die Bibel lässt Zachäus sagen: "Herr, die Hälfte meines Besitzes gebe ich den Armen, und wenn ich von jemandem etwas erpresst habe, so gebe ich es vierfach zurück" (V.6).

Zachäus fragt nicht mehr: "Was habe ich davon? Was kann ich herausholen?" Sondern: "Wem kann ich etwas geben? Wer braucht was von mir? Geld? Ein Stück Zeit? Ein Lob? Ein anerkennendes Wort? Wo muss ich überhaupt wieder neu lernen, mein Gegenüber als einen Menschen wahrzunehmen mit einer eigenen Lebensgeschichte, mit dem was ihn ausmacht?"

 

Ob und wie Zachäus sein Versprechen durchgehalten hat, wissen wir nicht. Das ist auch nicht entscheidend. Denn die biblischen Geschichten wollen ja eigentlich den Blick auf uns selbst lenken und fragen uns: „Was möchtest du anders?“ „Oder was befürchtest du, wenn etwas anders kommt?“ „Was sind deine Bedenken, wenn das Leben - warum auch immer - nicht mehr in den bisherigen, gewohnten Bahnen verlaufen kann?

Ob bei Ihnen gerade Änderungen dringend anstehen, oder nicht? Ob es Ihnen eher ein wenig mulmig wird bei dem Gedanken, es könnte in meinem Leben etwas anders kommen oder ob Sie sich auf Veränderungen freuen? - auf alle Fälle dürfen wir alle wissen, dass Gott die große Konstante in allen Veränderungen des Lebens ist.

Und es ist Gottes großer Wunsch für uns, dass wir das Leben mit allen seinen Farben bestehen können und auch dann, wenn etwas kommt, bei dem wir meinen, dass das Leben nun nicht mehr die Qualität hat, wie wir meinen.

So unterschiedlich die Menschen in der Bibel auch immer von Gott gesprochen ha-ben, was für verschiedene Bilder sie von ihm gebraucht haben - alle stimmen darin überein: Gott geht mit den Menschen mit. Er begleitet sie. Er tröstet. Er muntert sie auf. Er schenkt ihnen ein Selbstwertgefühl. Und er weist sie auch darauf hin, dass es an der Zeit ist, es anders zu machen.

 

Denn: „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu!“

Sich ändern und sich dabei treu bleiben, das ist Arbeit. Die nimmt uns niemand ab. Auch nicht Gott. Änderungen müssen wir schon selbst vollziehen. Es ist Gottes großer Wunsch, dass uns klar wird: Wir können nicht immer auf der gleichen Stufe stehen bleiben. Mut zu Veränderungen gehören zum Leben dazu.

Und: wir können auch neues wagen. Das macht unseren Glauben - ob evangelisch, katholisch oder orthodox - aus.

Das kann ganz unterschiedlich aussehen: Ob ich mich jetzt wirklich auf eine andere Stelle bewerbe und damit in Kauf nehme, genommen zu werden? Oder ob ich jetzt wirklich den Stock als Gehhilfe zum Spazierengehen nehme, ganz egal, was die Nachbarn auch tratschen. Wir können nicht immer im Leben stehenbleiben.

 

Wir alle haben immer Zukunft vor uns, so wie das Hubland nach einer wechselhaften Geschichte auch Zukunft erfahren hat bis zum heutigen Tag, wo wir alle hier sind.

Das dürfen wir alle von hier oben mit nach Hause nehmen: Gott leibt uns treu zugewandt. Es ist sein großer Wunsch, dass wir das Leben mit allen Änderungen, trotzig, mutig und froh bestehen können.

Und die Weite Gottes, die alle Zeit umfängt, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Predigt gehalten von Pfarrer Thomas Volk am Sonntag, 08. Juli 2018 bei der Landesgartenschau in Würzburg